Bevor Christa Kähler ihren ersten Anruf annimmt, richtet sie sich ihren Platz ein. Frische Blumen und eine Kerze gehören für die 76-Jährige zum Dienst dazu. Dann atmet sie durch und stellt sich auf die nächsten Stunden ein.
Bis zu fünf Mal im Monat sitzt sie neben dem Telefon. Seit 36 Jahren ist sie ehrenamtliche Seelsorgerin. Pro Dienst hat sie bis zu fünf unterschiedliche Menschen am anderen Ende der Leitung.
Hinhören kann man lernen
"Hinhören ist für mich mehr", betont die 76-Jährige. "Man muss Empathie zeigen. Auf den Menschen und seine Lebensumstände schauen: Was braucht er jetzt? Nicht einfach nur zuhören." Lösungen habe sie allerdings keine. Darum gehe es bei der Telefonseelsorge auch nicht. "Ich höre hin, von Mensch zu Mensch und gehe auf mein Gegenüber ein."
Bevor sie überhaupt zum ersten Mal allein am Telefon saß, hat Christa Kähler eine anderthalbjährige Ausbildung sowie sogenannte Hospitationen absolviert, bei denen sie als Beobachterin teilnahm. Sie habe auch viel von den Menschen gelernt. "Jeder spricht eine eigene Sprache. Manchen hilft es, über die Vergangenheit zu reden, andere muss man ins Hier und Jetzt oder in die Zukunft bringen."
Idee der Telefonseelsorge: Sorgen kann man teilen
Die Telefonate dauern bei ihr zwischen 20 und 45 Minuten. Telefonseelsorge ist anonym. Christa Kähler kennt nur selten die Namen ihrer Gesprächspartner. Ihre Sorgen aber schon. Seit einigen Jahren übernimmt die ehemalige Lehrerin zusätzlich auch Seelsorge per Mail. Solche Begleitungen können auch mal über mehrere Monate gehen.
Über die Arbeit der Telefonseelsorge Rhein-Neckar berichtet SWR Reporter Leonard Stern:
Manche fühlten sich nicht genug gesehen ohne gehört. Auch psychische oder körperliche Leiden spielten eine Rolle. Kähler sei erstaunt, wie viele Menschen keine Krankenversicherung hätten, keine Freundschaften und keine Struktur. Kein Netz, das sie hält.
Es gibt auch Menschen, die so einsam sind, dass sie anrufen, um eine andere Stimme zu hören. Und das sagen sie uns auch.
Einsamkeit ist ein wachsendes Thema, bestätigt auch Annemarie Czetsch-Lawrenz vom Leitungsteam der Telefonseelsorge Rhein-Neckar. Ursprünglich wurde die Telefonseelsorge eingeführt, um für Menschen mit Suizidgedanken da zu sein. Das sei auch heute noch Thema, aber die Gründe für eine Kontaktaufnahme seien mittlerweile so bunt wie das Leben selbst. Träger sind die Evangelische und die Katholische Kirche.
Telefonseelsorge Rhein-Neckar: Jederzeit erreichbar
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr besetzt. Das Angebot habe sich über die Jahre an die Bedürfnisse der Menschen angepasst und ausgeweitet, so Czetsch-Lawrenz vom Leitungsteam. Derzeit würden jährlich mehr als 20.000 Telefonate und rund 700 Chats geführt sowie 2.200 Mails bearbeitet.
Alle Angebote werden ihr zufolge von allen Altersklassen genutzt. Manche Menschen möchten in einem Moment nicht telefonieren und schreiben ihre Gedanken lieber auf, jüngere Menschen fühlten sich häufig im Chat besser aufgehoben.
So berichtete die ARD 1960 über die Telefonseelsorge.
Telefonseelsorge: Bedarf weiterhin groß
Um das breite Angebot aufrecht zu erhalten, brauche es pro Tag neun Ehrenamtliche. Und das 365 Tage im Jahr. Der Bedarf sei weiterhin groß. Manchmal auch zu groß. Nicht alle Anrufe kommen beim ersten Mal durch, erklärt Czetsch-Lawrenz vom Leitungsteam der Telefonseelsorge Rhein-Neckar.
Insgesamt gibt es dort 160 sorgfältig geschulte Seelsorgerinnen und Seelsorger unterschiedlichen Alters. Viele davon sind seit Jahren oder wie Christa Kähler seit Jahrzehnten dabei und teilen ihr Wissen in Supervisionen. In der aktuellen Ausbildungsgruppe sind die Teilnehmenden zwischen Anfang 20 und 70 Jahre alt, so Czetsch-Lawrenz.
Telefonseelsorge Rhein-Neckar feiert 65. Geburtstag
Am 20. März feiert die ökumenische Telefonseelsorge Rhein-Neckar mit Sitz in Mannheim ihren Gründungstag mit einem Gottesdienst und einer Feier in der Schlosskirche Mannheim. Der nächste Ausbildungsstart ist im Juni 2026.