Besondere Schwere der Schuld

Mord an Polizist Rouven Laur: Lebenslang für Mannheimer Messerangreifer

Nach dem tödlichen Messerangriff auf den Polizisten Rouven Laur ist der Attentäter zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Dazu kommt die besondere Schwere der Schuld.

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Von Autor/in Ninja Degen, Patrick Figaj

Nach dem tödlichen Messerangriff auf den 29-jährigen Polizisten Rouven Laur in Mannheim ist der angeklagte Sulaiman A. am Dienstag zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Mordes verurteilt worden. Das Oberlandesgericht (OLG) in Stuttgart-Stammheim hat außerdem die besondere Schwere der Schuld festgestellt. Die individuelle Schuld des Angeklagten wiege "so schwer, dass eine Freilassung nach 15 Jahren zu früh wäre", hieß es in der Begründung.

Das Gericht sprach den 26-jährigen Afghanen in vier weiteren Fällen wegen versuchten Mordes schuldig, in einem weiteren Fall wegen gefährlicher Körperverletzung. Laut dem Vorsitzenden Richter liegen die Voraussetzungen für die Anordnung einer Sicherungsverwahrung nicht vor. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Gericht: Angriff auf Rouven Laur war Mord

Am 31. Mai 2024 griff Sulaiman A. auf dem Mannheimer Marktplatz den Polizisten Rouven Laur und fünf weitere Menschen an. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass er den Polizisten ermordet hat.

Der 5. Senat des Oberlandesgerichts folgte mit dem Strafmaß der Forderung der Bundesanwaltschaft. Die Verteidiger von Sulaiman A. hatten ebenfalls auf eine lebenslange Haftstrafe plädiert. Sie sahen allerdings nicht die besondere Schwere der Schuld.

Der Gerichtssaal 1 am Oberlandesgericht in Stuttgart-Stammheim war am Urteilstag fast voll besetzt. Sulaiman A. kam am Dienstag in weißer Jacke, weißem Hemd und schwarzer Hose in den Gerichtssaal. Sein Gesicht verdeckte er, sobald Kameras auf ihn gerichtet wurden, mit einer Mappe - wie an allen bisherigen Prozesstagen.

Familie beim Urteil im OLG vor Ort

Bei der Urteilsverkündung war die Familie des getöteten Polizisten im Gerichtssaal, die Mutter, der Vater und eine der beiden Schwestern von Rouven Laur. Der Vorsitzende Richter Herbert Anderer wandte sich in der Urteilsbegründung direkt an sie mit den Worten: "Ihr Sohn stand für den Rechtsstaat. Und er starb für den Rechtsstaat." Er betonte, wie wichtig die Sicht auf die Opfer sei. Die Aussage der Mutter an einem der vergangenen Prozesstage habe "uns das Herz zugeschnürt", so der Richter.

Petra und Eve Laur, Mutter und Schwester des getöteten Polizisten, kommen in den Gerichtssaal. Vor ihnen sitzt Oberstaatsanwältin Verena Bauer von der Bundesanwaltschaft.
Petra und Eve Laur, Mutter und Schwester von Rouven Laur, kommen am Urteilstag in den Gerichtssaal des OLG. Vor ihnen sitzt Oberstaatsanwältin Verena Bauer von der Bundesanwaltschaft.

Auch Freunde und Bekannte des getöteten Polizisten Rouven Laur waren vor Ort. Außerdem die Landespolizeipräsidentin Stefanie Hinz und die Mannheimer Polizeipräsidentin Ulrike Schäfer.

Richter: Sulaiman A. wollte "Ungläubige töten"

In seiner Begründung sprach Richter Anderer davon, dass Sulaiman A. spätestens Anfang Mai 2024 zur Überzeugung gelangte, dass es seine religiöse Pflicht sei, Ungläubige zu töten. Das habe er dann auch geplant. Das Ziel sei gewesen, auf dem Mannheimer Marktplatz größtmöglichen Schaden anzurichten. Sein Plan sei gewesen, danach selbst getötet zu werden und ins Paradies zu kommen, so der Richter weiter. Der Senat sei weiterhin von einem beabsichtigen "Märtyrer-Tod" des Afghanen überzeugt.

Der Angriff auf dem Mannheimer Marktplatz galt ursprünglich Islamkritiker Michael Stürzenberger. Ihn habe er mit einem Jagdmesser attackiert, so der Vorsitzende Richter Anderer. Bei einem anschließenden Gerangel habe Sulaiman A. zweimal auf Stürzenberger eingestochen, dann auch auf andere Mitglieder der Bürgerbewegung Pax Europa, die zu Hilfe eilten. Stürzenberger erlitt insgesamt sechs Messerstiche. Der Islamkritiker zog sich nach der Attacke aus der Öffentlichkeit zurück.

Familie Laur wollte sich nicht zum Urteil äußern

Die Familie von Rouven Laur wollte sich nach dem Urteil zunächst nicht äußern. Einer ihrer Anwälte, Thomas Franz, sagte allerdings, dass man mit dem Schuldspruch sehr zufrieden sei. Seine Kollegin, Anwältin Julia Mende, sprach von einem "Wechselbad der Gefühle" für ihre Mandanten. Einerseits sei da eine Erleichterung, die mit der Verkündung des Urteils eingetreten sei. Andererseits bliebe ein unendlicher Schmerz, den keine Strafe nehmen könne.

Die Verteidigung von Sulaiman A.sprach davon, dass das Urteil das Maximale sei, "was wir bekommen konnten". Es sei aus ihrer Sicht das Wichtigste gewesen, eine anschließende Sicherungsverwahrung zu verhindern. Vermutlich würden sie nicht in Revision gehen.

Reaktionen auf Urteil im Polizistenmord

Mannheims Oberbürgermeister Christian Specht (CDU) sieht das Urteil als einen wichtigen Schritt zur Verarbeitung der Tat. Er erklärte schriftlich, dass der 31. Mai 2024 die Stadt tief bewegt habe. Für die Familie Rouven Laurs bleibe der "unfassbare Verlust ihres Sohnes und Bruders". Diesen könne das Urteil nicht wiedergutmachen.

Gedenkstätte am Mannheimer Marktplatz für Rouven Laur
Auch fast eineinhalb Jahre nach der Tat stellen Menschen noch immer Kerzen am Marktplatz auf und legen Blumen nieder.

Den Attentäter bezeichnet Specht als "religiösen Fanatiker, der einen vorbildlichen und weltoffenen jungen Polizisten heimtückisch" ermordet habe. Dabei habe Rouven Laur nur die Sicherheit einer Kundgebung der islamkritischen Bewegung Pax Europa verteidigen wollen, trotz ihrer kontroversen Inhalte.

Polizeigewerkschaft fordert gesetzliche Regelungen

Die Deutsche Polizeigewerkschaft forderte nach dem Urteil klare gesetzliche Regelungen. Diese seien nötig, um Schwerstkriminelle auch nach Afghanistan zurückführen zu können. Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft, Rainer Wendt sagte in einer Mitteilung, dass die Polizei tagtäglich im Dienst der Gesellschaft stehe. Sie dürfe nicht zum Ziel extremistischer Gewalt werden.

Innenminister Strobl: Tod Laurs "geht uns alle an"

Auch Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) äußerte sich zur Urteilsverkündung. Der Tod Rouven Laurs stimme auch mehr als ein Jahr später noch immer zutiefst traurig. Laur sei ermordet worden, weil er anderen helfen und andere Menschen retten wollte. Das waren "schwerste und bitterste Stunden" für die Polizei, vor allem aber für seine Familie, Angehörigen und Freunde, so Strobl.

Das Urteil sei ein deutliches Zeichen des Rechtsstaates. Es zeige, dass diese Tat nicht folgenlos bleibe, so der Innenminister weiter. Polizistinnen und Polizisten stünden für die Gesellschaft ein. "Sie schützen uns, unsere Werte, unsere Freiheit und unsere Demokratie", so Strobl. Deshalb "geht der Tod von Rouven Laur uns alle an". Hass, Gewalt und Schmerz dürften nicht das letzte Wort haben.

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Ninja Degen
Bild Ninja Degen, SWR Studio Karlsruhe
Patrick Figaj
SWR Journalist Patrick Figaj

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