In Bayern haben Influencer Nikotinprodukte, die als rauchfreie Produkte zu sich genommen werden, als fokussteigernd und leistungsfördernd beworben. Wie der Bayerische Rundfunk berichtet, sagen die Influencer, dass es sich dabei nicht um ein Nervengift, sondern ein Stimulans handle. Wie sehr beeinflusst eine solche Vermarktung von Nikotin-Beuteln und Zahnstochern Jugendliche in Baden-Württemberg?
Suchtberater: Hohe Popularität durch Social-Media
Lars Kiefer von der Fachstelle Singen des baden-württembergischen Landesverbandes für Prävention und Rehabilitation ist viel an Schulen unterwegs. "Ab der achten Klasse gibt es eine hohe Popularität von Snus-Pouches und auch der Nikotin-Zahnstocher erhält Einzug, weil es über Social-Media, wie TikTok und Snapchat sehr stark beworben wird", berichtet er.
Jugendliche kämen durch ihren Algorithmus in einen gewissen Konsumbereich mit Werbefallen von diversen Influencern, so Kiefer. "Selbst wenn die Influencer 50.000 oder 100.000 Follower haben, dann sind die in der Jugendszene schon mit Fame bekleckert und haben dann auch ein bisschen was zu sagen. Sie können junge Leute dann ein bisschen beeinflussen."
Kiefer und andere Berater versuchen diesem Einfluss mit Präventionsarbeit und Aufklärung in Workshops entgegenzuwirken. Die Jugendlichen sollen das Gesehene und Gehörte kritisch hinterfragen. "Das sind ja oft so gemischte Geschichten, was diese Influencer auch geschickt verpacken. Während sie in einem Live-Stream an irgendeinem Spielkonsolenspiel sitzen, genießen sie dann nebenher noch den neuen Geschmack von Pfirsich-Aprikose-Vapes, Kaugummis, Snus oder eben Nikotin-Zahnstochern und machen einfach unterschwellig dann auch ein bisschen Werbung damit."
Nikotin-Beutel im Sport weit verbreitet
Doch nicht nur Influencer bringen Jugendliche auf den Geschmack von Nikotin-Beuteln. Auch Sportlerinnen und Sportler, die diese Beutel sichtbar konsumieren, haben einen gewissen Einfluss. "Mbappé, ein großer Fußballer aus Frankreich, macht da nicht direkt Werbung, aber konsumiert das offensichtlich auch sehr populär", so Kiefer.
"Das ist gerade in Kontaktsportarten wie Handball, Hockey, Fußball einfach sehr weit verbreitet bis in die Kreisliga runter auch in der Jugend. Viele haben das Gefühl, dass sie damit dann auch tatsächlich erfolgreicher sind und dann ein bisschen besser performen können", erzählt der Präventionsbeauftragte.
Landessportverband Baden-Württemberg: "Pouches sind als Suchtmittel einzuordnen"
Eine solche tatsächliche Leistungssteigerung kann der Landessportverband Baden-Württemberg e.V. (LSVBW) nicht bestätigen. Im Gegensatz zum Werbeversprechen der Influencern, sagt der Verband: "Es ist zu erwarten, dass infolge der Wirkungen des Nikotins die körperliche Leistungsfähigkeit eher schlechter wird." Zudem würden Nebenwirkungen auf das Herzkreislaufsystem gewisse Risiken im Rahmen hoch intensiven Sports bergen. Da die Pouches als Suchtmittel einzuordnen seien, würden sie eine Dopingmentalität nähren - dies lehne der Verband kategorisch ab.
Mit Blick auf die Nutzung der Beutel bei Sportlerinnen und Sportlern innerhalb des Bundeslandes verweist der LSVBW auf seine sportmedizinischen Jahresuntersuchungen. Diese weisen darauf hin, dass es "keine verbreitete Nutzung bei den Kadersportlern und Kadersportlerinnen" gebe. Zu einer möglichen Dunkelziffer könne der Verband nichts sagen, gehe aber davon aus, dass diese bei unseren Bundes- und Landeskaderathleten und -athletinnen nicht sehr hoch sein dürfte.
Mediziner warnen vor Risiken: "Es gibt kein gesundes Nikotin"
Egal, ob das Nikotin mit oder ohne Rauch und Tabak eingenommen wird - laut Mark-Christian Eberle, Chefarzt der Abteilung für Suchterkrankungen im ZfP Südwürttemberg, gibt es keinen gesunden Nikotinkonsum. "Es ist und bleibt die Zufuhr eines schädlichen Stoffes in den Körper, egal auf welchem Weg. Nikotin-Beutel können aus meiner Sicht sogar gefährlich sein, da sie oft deutlich mehr Nikotin enthalten als normale Zigaretten. Und auch wenn kein Tabak enthalten ist, besteht ein Konsum von Nikotin der gesundheitsschädlich ist und zur Abhängigkeit führen kann", so der Mediziner.
Die positiven Wirkungen werden da immer hervorgehoben, aber keinen Hinweis auf irgendwelche Risiken oder gesundheitliche Gefahren.
Auch Stefan Grupp, Referent der Landesstelle für Suchtfragen in Baden-Württemberg, warnt vor den gesundheitlichen Folgen. "Laut dem Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit gibt es nachstehende Risiken: Belastung des Herz-Kreislauf-Systems, Beeinträchtigung der Hirnentwicklung bei Jugendlichen, Schwächung des Immunsystems, Reizungen im Mund, der im Extremfall sogar zu Vergiftungen führen kann - besonders bei Kindern." Da Langzeitstudien momentan noch fehlen, wisse niemand genau, wie riskant diese Produkte über viele Jahre wirklich seien. Grupps Kollege Lars Kiefer betont: "Das ist ein Substanzkonsum, der wirklich ein hohes Abhängigkeitspotenzial hat."
Mehr Ressourcen für Prävention
Und die Jugendlichen würden bereits in der achten und neunten Klasse genau wissen, wo sie die in Deutschland nicht legal zu erwerbenden Nikotin-Produkte kaufen können. "Den Jugendlichen ist bekannt, dass da der Jugendschutz nicht beachtet wird", so Kiefer. "Es gibt keine Kontrollen von irgendwelchen Behörden oder Ordnungsämtern. Das sehen wir sehr kritisch."
Genau deswegen müssten mehr Ressourcen für Präventionsarbeit an Schulen zu Verfügung stehen, um Suchthilfe vor Ort finanziert werden und Workshops anzubieten.