Knapp 90 Prozent der Leitungen in Kindergärten in Baden-Württemberg leisten regelmäßig Überstunden. Grund sei die Personalnot, teilte der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg als Ergebnis einer repräsentativen Umfrage zum Übergang vom Kindergarten in die Grundschule mit. Weiterhin erschwerten strukturelle Schwierigkeiten wie Zeitmangel und Personalengpässe den Übergang.
Personalmangel strukturell verfestigt
Vier von zehn Leitungskräften in Kitas leisten laut der VBE-Umfrage rund acht Überstunden in der Woche - das entspricht 20 Prozent über der vertraglichen Arbeitszeit. Das Geld werde nicht ausbezahlt, ein Freizeitausgleich sei bei der angespannten Personallage nicht möglich, sagte der Vorsitzende des VBE Baden-Württemberg, Gerhard Brand. Der Fachkräftemangel habe sich in Kitas strukturell verfestigt - der Arbeitsmarkt sei unverändert angespannt und habe sich sogar weiter verschärft.
Darunter litten insbesondere Aktivitäten, die den Austausch zwischen Kindergarten und Grundschule fördern sollen. Deshalb kooperiere nur knapp die Hälfte der Kitas im Land alle zwei bis drei Monate mit einer Grundschule; 16 Prozent der Kitas täten dies lediglich einmal im Jahr. Doch je strukturierter die Zusammenarbeit sei, desto besser könnten Kinder in den Prozess des Übergangs eingebunden werden, so Brand. Das sei eine Frage der Chancengleichheit.
Der VBE fordert die Einführung landeseinheitlicher, verbindlicher Standards, damit die Kooperationen strukturell verankert werden können. Das brauche Zeit, Personal und enge Abstimmungen. An allem fehle es jedoch, sodass die Kooperation allzu oft am Engagement einzelner Personen hänge.
BW-Kultusministerin Schopper: Delta schließt sich langsam
Der Arbeitsmarkt im Bereich Erziehung sei tatsächlich sehr angespannt, sagte Kultusministerin Theresa Schopper (Bündnis 90/Die Grünen) dem SWR. Allerdings habe die Landesregierung in den vergangenen Jahren einiges unternommen: Unter anderem sei der Quereinstieg gestärkt worden, sodass auch Menschen, die noch nicht im Bereich Erziehung tätig gewesen und nicht gerade von der Schule gekommen seien, sich weiterbilden könnten. Das Delta, so die Ministerin, schließe sich langsam.
Kitaleitungen: Sozialkompetenzen wichtiger als Sprachkompetenz
Fast die Hälfte der Kitaleitungen (46,6 Prozent) gab an, dass im letzten Kita-Jahr die sozial-emotionale Entwicklung besonders wichtig sei - noch vor der Sprachkompetenz. Immer mehr Kinder hätten Schwierigkeiten, Konflikte zu lösen, ihre Gefühle zu regulieren und stabile Beziehungen aufzubauen. Es bringe nichts, wenn Kinder lesen könnten, sich aber die Köpfe einschlagen, so der VBE-Vorsitzende Brand. Es fehlten gerade in diesem Bereich oft geeignete Unterstützungsangebote.
Aus Praxissicht fokussiere sich das Sprachförderprogramm "SprachFit" zu einseitig auf die Förderung sprachlicher Kompetenzen. Der sozial-emotionale Bereich wird nach Ansicht des VBE erst sehr spät gefördert.
Schopper: "Das Soziale wird mitbedacht"
Kultusministerin Schopper verweist auf unterstützende Angebote wie "Emil" über die man auch im Austausch mit den Bildungsverbänden sei. Bei dem Sprachförderprogramm "SprachFit" stehe zwar die deutsche Sprache im Vordergrund, Teil des Programms sei aber auch, dass Kinder gemeinsam an Themen arbeiteten. Das Soziale werde mitbedacht, so Schopper. Für Kinder, die trotz des entsprechenden Alters noch nicht als schulbereit gelten, greife die Juniorklasse, die ab dem Schuljahr 28/29 flächendeckend angeboten werden soll. Hier sollen laut der Ministerin sowohl sprachliche, als auch kognitive, sozial-emotionale, motorische, musische und mathematische Kompetenzen angesprochen werden.
Wichtig ist aus Sicht von Kultusministerin Schopper, dass Eltern in die Erziehungspartnerschaft mit Kita und Grundschule einbezogen werden - das wünschen sich laut Umfrage auch 16 Prozent der Kitaleitungen. Das Ministerium habe zudem eine Studie in Auftrag gegeben, in der der Medienkonsum im frühkindlichen Alter untersucht werden soll.