Immer mehr Akademikerinnen und Akademiker finden nach ihrem Abschluss keinen Berufseinstieg. Lange Zeit galt ein Studium als Garant für eine sichere Zukunft - heute ist das längst nicht mehr der Fall. Weniger Stellenausschreibungen, höhere Anforderungen an Berufserfahrung und die Zurückhaltung vieler Unternehmen bei Neueinstellungen zeichnen das Bild einer Strukturkrise in der Wirtschaft. Das ergeben Analysen von Zahlen der Arbeitsagentur und mehrere Experteneinschätzungen. Gleichzeitig verändern sich laut einem Generationenforscher die Erwartungen der jungen Generation an Arbeitgeber.
Schwieriger Berufseinstieg für junge Menschen: Perfekt qualifiziert und chancenlos
Bachelor-Abschluss in der Tasche, ein makelloser Lebenslauf - und trotzdem kein Job in Sicht. So ergehe es in den vergangenen Jahren immer mehr jungen Absolventen, berichtet Antun Batarilo, Berufsberater im Hochschulteam der Agentur für Arbeit in Stuttgart. Besonders im sogenannten MINT-Bereich fiele der Einstieg schwer. Ein besonders kritischer Punkt: mangelnde Deutsch-Kenntnisse bei Studierenden aus dem Ausland. Auch deutsche Absolventinnen und Absolventen sehen sich Problemen gegenüber.
"Meist dauert der Einstieg in den Arbeitsmarkt nicht länger als ein Jahr", sagt Batarilo. In dieser Zeit prüft er Bewerbungsunterlagen, feilt am Profil und sucht nach möglichen Schwachstellen. "Es ist schwer herauszufinden, warum es nicht geklappt hat - offiziell äußert sich niemand." Auffällig sei, dass vielen Bewerberinnen und Bewerbern praktische Berufserfahrung fehle, die für Arbeitgeber entscheidend sei.
Arbeitslosigkeit unter Akademikern steigt drastisch an
In einer aktuellen Studie, die dem SWR vorliegt, bestätigt die Regionaldirektion Baden-Württemberg der Agentur für Arbeit die besonders hohen Hürden für junge Akademiker: Im Oktober 2025 waren in Baden-Württemberg rund 40.000 von ihnen arbeitslos - ein Anstieg von knapp einem Fünftel im Vergleich zum Vorjahr. Zum Vergleich: Die Arbeitslosigkeit über alle Alters- und Bildungsgruppen hinweg stieg im gleichen Zeitraum nur um sieben Prozent.
Ganz verlässlich lassen sich die Zahlen jedoch nicht ermitteln: "Viele Absolvent:innen melden sich nicht sofort arbeitslos. Sie machen vielleicht zunächst ein Gap Year oder absolvieren unbezahlte Praktika - und tauchen deshalb in der amtlichen Statistik gar nicht auf", erklärt Simon Janssen vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).
Fachkräftemangel bleibt weiter Problem auf dem Arbeitsmarkt
Die Entwicklung verläuft unterschiedlich. In IT und Ingenieurwesen steigt die Arbeitslosigkeit junger Akademikerinnen und Akademiker - als Beispiel nennt Janssen hier die schwächelnde Automobilbranche, die infolge der Konjunkturflaute Stellen streicht. Im Gesundheits- und Bildungswesen dagegen herrscht weiter Fachkräftemangel, da diese Bereiche staatlich finanziert sind.
Bewerbungsmarathon: Wenige Stellen, hohe Hürden
Der klassische Berufseinstieg beginnt mit der Bewerbung - hier zeigt sich ein deutliches Problem. Es gibt zu wenige ausgeschriebene Stellen. Eine Stepstone-Analyse von August 2025, die rund vier Millionen Anzeigen auswertete, zeigt: Im ersten Quartal 2025 lag der Anteil der Einstiegsjobs 45 Prozent unter dem Fünf-Jahres-Durchschnitt von 2020 bis 2025.
Junge Hochschulabsolventen müssen sich besonders anstrengen: Akademiker unter 30 verschicken im Schnitt 40 Bewerbungen, um zum ersten Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Bewerber mit abgeschlossener Ausbildung kommen im Vergleich mit 26 Bewerbungen zum Ziel. Drei Viertel der befragten Akademikerinnen und Akademiker berichten zudem von Ghosting - die Unternehmen geben keinerlei Rückmeldung.
Haben Unternehmen einen Einstellungsstopp?
Arbeitsmarkt-Forscher Janssen hat dafür eine Erklärung: "Aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen Lage wollen viele Unternehmen derzeit nicht investieren und stellen vorerst keine neuen Mitarbeiter ein. Stattdessen versuchen sie, die bestehenden Arbeitskräfte zu halten", erklärt er.
Gleichzeitig sei insgesamt eine deutliche Zurückhaltung bei Neueinstellungen zu beobachten. Das zeige sich auch beim Thema Übernahme, ergänzt Kai Burmeister vom Deutschen Gewerkschaftsbund Baden-Württemberg (DGB): "Duale Studierende - etwa von der DHBW - werden heute seltener übernommen als noch vor einigen Jahren."
Wir befinden uns derzeit in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage - mit Zöllen, Lieferengpässen und anderen Problemen. Deshalb beobachten wir in vielen Unternehmen einen Einstellungsstopp.
Hohe Anforderungen: Wenn der Bachelor nicht mehr ausreicht
Berufserfahrung spielt laut Janssen mittlerweile eine deutlich größere Rolle als noch vor einigen Jahren - besonders im IT-Bereich. Unternehmen wünschen sich Bewerberinnen und Bewerber, die mehr mitbringen als nur einen Abschluss, zum Beispiel konkrete Fähigkeiten wie das Beherrschen einer Programmiersprache oder Kompetenzen im Umgang mit KI.
Janssen sieht einen Mismatch zwischen den Anforderungen der Unternehmen und den Inhalten der Hochschulen. Studiengänge passten sich zu langsam an den Arbeitsmarkt an. In den USA sei das belegt, in Deutschland jedoch noch nicht eindeutig.
Erwartungen junger Menschen haben sich verändert: "Gen Z" will Flexibilität
Ein weiterer Grund für die Zurückhaltung vieler Unternehmen liegt in den veränderten Erwartungen der "Generation Z". Laut einer Statista-Umfrage aus dem Jahr 2023 wären 78 Prozent bereit, ihren Job für ein höheres Gehalt zu wechseln, 67 Prozent für mehr Flexibilität.
Psychologe Rüdiger Maas vom Generationenforschungsinstitut "Generation Thinking" sieht darin weniger reine Illoyalität als einen Wandel im Denken: Junge Menschen wollen sich nicht mehr langfristig an ein Unternehmen binden, sondern in Lebensphasen planen. Geld spiele dabei meist nur eine untergeordnete Rolle, wichtiger seien Arbeitsklima, Sinnhaftigkeit und Flexibilität. "Viele junge Menschen sind sich ihrer Bedürfnisse stärker bewusst - und handeln auch danach", so Maas.
DGB-Vorsitzender Burmeister ergänzt: "Unternehmen müssen lernen, den vielfältigen Erwartungen dieser Generation gerecht zu werden. Wenn sie von ihren Mitarbeitenden Flexibilität verlangen, sollten sie selbst auch flexiblere Modelle anbieten, die zum Leben passen. Junge Menschen bringen Leidenschaft und Engagement mit, wenn man ihnen den passenden Rahmen bietet."
Die Gen Z wächst in einer Welt auf, in der Trends kommen und gehen - und das spiegelt sich auch im Arbeitsverhalten wider.
Berufseinstieg in Krisenzeiten: Hier kann man sich Beratung und Hilfe holen
Arbeitsmarkt-Forscher Janssen rät, den Berufseinstieg in Krisenzeiten hinauszuschieben. Wer dann startet, beginne oft mit einem niedrigeren Einstiegsgehalt oder landet in einer unpassenden Position. Viele Absolventen entscheiden sich daher für einen Master oder ein Doktorat.
Wer dennoch aktiv nach einem Einstieg sucht, kann sich Unterstützung bei Interessenvertretungen wie ver.di oder der Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit holen.