Wenn Leonie Müller (Name von der Redaktion geändert) an ihrer Schule Schwimmunterricht gibt, ist sie angespannt. Mehr als ein Dutzend Schüler sind in ihrer Klasse, manche schwimmen schon seit Jahren, andere waren zuvor noch nie in einem Schwimmbecken. Immer wieder komme es vor, dass ein Kind Angst vor dem Wasser hat, erzählt sie. Solche Kinder hätten Priorität - das müssten sie. Aber die anderen sollten auch etwas lernen. "Die Heterogenität ist riesig", sagt die Sportlehrerin, die anonym bleiben möchte.
Die Bedingungen im Schwimmbad prüfe Müller deshalb akribisch: Wo ist der Erste-Hilfe-Kasten? Wo der Notausgang? Lassen sich Schwimmer- und Nichtschwimmerbereich trennen? Das mache sie schon immer, erzählt die Lehrerin. Doch seit im Jahr 2023 ein siebenjähriger Junge in Konstanz im Schwimmunterricht ertrank, ist sie noch aufmerksamer. Prüft das Becken noch genauer, erklärt die Regeln noch nachdrücklicher. Denn: "So etwas hinterlässt Spuren."
Todesfall und Urteil beschäftigen Lehrkräfte
Vor Kurzem ist das endgültige Urteil zum Schwimmunfall in Konstanz gefallen. Die beiden Lehrerinnen, die den Unterricht gegeben hatten, waren bereits 2025 wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden. Im Berufungsprozess sind nun die ursprünglichen Bewährungsstrafen zu Geldstrafen abgemindert worden. Trotzdem liegt die Schuld laut Urteil bei den Lehrkräften. Was heißt das für die Lehrer und Eltern?
Für den Sportlehrer Jürgen Rössler von der Mettnau-Schule, einem beruflichen Gymnasium in Radolfzell (Kreis Konstanz), ist die Situation klar. "Die beiden wurden vollkommen alleine gelassen." Rössler war nach eigenen Angaben beim Prozess in Konstanz anwesend, hatte in der Vergangenheit selbst Schwimmunterricht gegeben.
Die beiden wurden vollkommen alleine gelassen.
Durchdenke man die Konsequenzen, könnten Lehrer kaum noch Lehrformate anbieten, um im Ernstfall nicht persönlich zu haften, sagt er. "Keine Studientage, keine Ausflüge, nur noch Yoga."
Nach dem Unfall: Verunsicherung bei Lehrkräften und Eltern
Was nach dem Unfall bleibt, ist also vor allem eins: Verunsicherung. Das merkt auch der Schulleiter Walter Beyer von der Grundschule Wald im Kreis Sigmaringen. Besonders Eltern hätten teils ängstlich auf den Vorfall reagiert. "Sie wollten wissen, wie so etwas überhaupt passieren konnte - und wie wir uns absichern."
Geholfen habe, die Rahmenbedingungen des Unterrichts sowie neu getroffene Maßnahmen zu erklären, sagt Beyer. "Unsere Lehrkräfte haben alle Rettungsfähigkeit und eine methodisch-didaktische Ausbildung." Außerdem habe man den Lehrkräften zwei Sportstudierende zur Unterstützung zur Verfügung gestellt.
Lehrerin wünscht sich verpflichtendes Vier-Augen-Prinzip
Auch an Müllers Schule werde das so gehandhabt: Im Schwimmunterricht sei stets eine zweite Person anwesend, die die Kinder ebenfalls beobachtet - wobei die Hauptverantwortung weiter bei der Lehrkraft liege. Ohne die zweite Person würde sie den Unterricht inzwischen ungern geben wollen, sagt die Lehrerin.
Deshalb plädiert die Lehrerin auch dafür, im Schwimmunterricht flächendeckend ein Vier-Augen-Prinzip einzuführen. "Es ist eine riesengroße Unterstützung. Mehr Augen sehen einfach mehr."
Eltern können Kinder vor Schulbeginn vorbereiten
Generell dürfe die Verantwortung für einen sicheren Schwimmunterricht nicht allein bei der Lehrkraft liegen, findet Leonie Müller. Auch Eltern könnten viel tun, wenn sie die Kinder vorab ans Wasser heranführten. "Es ist wirklich wichtig, dass die Kinder schon Schwimmerfahrungen mitbringen, wenn sie in die Schule kommen", sagt die Lehrerin. Generell sei diese Empfehlung seit dem Vorfall stärker in den Fokus gerückt.
Es ist wirklich wichtig, dass die Kinder schon Schwimmerfahrungen mitbringen, wenn sie in die Schule kommen.
Auch die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) rät Eltern, die Kinder vor der Schule ans Wasser zu gewöhnen. "Kinder müssen erst einmal lernen, dass Wasser auch positiv ist", sagt etwa Alf Andrews vom Landesverband BW. Das ließe sich schon zu Hause umsetzen. "Wenn man beim Duschen darauf achtet, dass das Wasser über den Kopf läuft, dann hat man schon mal einen Teil weg." Im Schwimmbad könnten Eltern dann mit kleinen Übungen anfangen: "Mit den Beinen im Wasser strampeln, Tauchen, Wasserspiele - all das sind Dinge, die Eltern mit ihren Kindern machen können."
Schwimmunterricht im Vorfeld wäre ideal
Ideal wäre, wenn die Kinder bereits einen Schwimmkurs hätten, sagt Lehrerin Leonie Müller. "Es ist dann viel leichter, mit ihnen das auszuarbeiten, was sie an Erfahrung schon mitbringen." Auch wenn sie wisse, dass das nicht immer möglich sei.