Am Freitag und Samstag kein Zugverkehr wegen insgesamt drei Böschungsbränden am Stuttgarter Hauptbahnhof, am Montag Stromausfall im alten Stellwerk, am Mittwoch und Donnerstag technische Probleme und Weichenstörungen. Die alte Technik im Stuttgarter Kopfbahnhof wird immer anfälliger - auch wegen der hohen Temperaturen. Doch darüber hinaus scheint es ein weiteres Problem zu geben: Es gibt kaum noch Menschen, die sich mit der alten Stellwerkstechnik auskennen. Dabei soll der alte Bahnhof noch mindestens bis 2032 betrieben werden.
Stuttgarter Hauptbahnhof: Alte Technik und kaum jemand kennt sich aus
Insider berichten dem SWR, dass die Hitze deutschlandweit der alten Relaistechnik in Stellwerken zu schaffen macht. Doch es komme in Stuttgart noch ein weiteres Problem dazu: "Es fehlen schlicht die Leute mit dem Erfahrungswissen der alten Technik." Inzwischen benötige man vier bis fünfmal so lang, eine Störung im Stellwerk von 1977 zu beheben, wie vor einigen Jahren. "Wir können froh sein, dass es noch eine Handvoll Menschen gibt, die noch einen Wissenstransfer leisten können." Es müssten erst mühevoll wieder Menschen auf die alte Technik eingelernt werden. "Der Know-how-Verlust in Stuttgart ist dramatisch", so die Insider weiter.
Warum immer wieder S-Bahn-Stammstrecke betroffen?
Besonders anfällig sei schon seit längerem ein spezieller Verbindungsblock im Stuttgarter Stellwerk, der die Strecke zum Flughafen mit abdeckt. Dieser falle immer wieder aus - das wirke sich dann auch auf die Stammstrecke der S-Bahn aus. In Stuttgart sei ein verstärkender Faktor im Vergleich zum restlichen Bahnnetz, dass gerade in der Landeshauptstadt auch kein neues Personal für die alte Technik aufgebaut wurde, da der Bahnhof eigentlich seit 2019 nicht mehr in Betrieb sein sollte.
Die Kollegen im Stuttgarter Stellwerk können einem leidtun.
Bahn entschuldigt sich für Unannehmlichkeiten
Auf SWR-Anfrage hält sich die Bahn bedeckt, was die Gesamtsituation des Stuttgarter Stellwerks angeht. Sie bestätigt die Böschungsbrände vom Wochenende Ende Juni und die Störung des Stellwerks am Montag. "Die Deutsche Bahn (DB) bedauert die Beeinträchtigungen für Fahrgäste sehr und bittet für entstandene Unannehmlichkeiten um Entschuldigung."
Stellwerk muss mindestens weitere sechs Jahre halten
Relais sind elektromagnetische oder elektromechanische Schalter, über die Weichen und Signale gesteuert werden können. In Stuttgart befindet sich das größte noch in Betrieb befindliche Relaisstellwerk Deutschlands. Es stammt aus dem Jahr 1977 und sollte eigentlich gemeinsam mit dem Kopfbahnhof seit 2019 außer Betrieb sein - es ist kein Geheimnis, dass seit Jahrzehnten nur noch das Nötigste in die alte Infrastruktur investiert wurde.
Wegen der erneuten Verschiebung von Stuttgart 21 werden der Kopfbahnhof und die alte Technik aber nochmal weiter Jahre in Betrieb bleiben müssen - bis mindestens 2032. Es gibt bereits erste Zweifel daran, dass der neueste Terminplan für Stuttgart 21 überhaupt eingehalten werden kann. Gut möglich also, dass noch weitere Verzögerungen anstehen.
Bei der Pressekonferenz der Bahn und der S21-Projektpartner am vergangenen Freitag wurde bereits versprochen, dass die Fahrgäste im Großraum Stuttgart weniger leiden sollen als in den vergangenen Jahren. Davon ist aktuell aber wenig zu spüren. Rainer Wieland (CDU), Vorsitzender des Verbands Region Stuttgart, forderte: "Wir legen großen Wert darauf, dass wir zu einer präventiven Instandhaltung übergehen." Weichen, die kaputtzugehen drohten, sollten zum Beispiel frühzeitig getauscht werden, um möglichst wenige Einschränkungen durch ausfallende Technik zu haben.
Entsetzen, Empörung und neun Forderungen ÖPNV um Jahre zurückgeworfen: Stadt und Region kritisieren S21-Verschiebung
Regionalversammlung und Gemeinderat empört die neuerliche Verschiebung von Stuttgart 21 um fünf Jahre. Sie stellen Forderungen auf - und fürchten ein verlorenes Jahrzehnt für den ÖPNV.
Knapp 800 Millionen Euro für alte Infrastruktur?
Inzwischen liegen die Gesamtkosten von Stuttgart 21 bei 14,5 Milliarden Euro - seit einer Woche ist der Kostenrahmen offiziell um drei Milliarden angehoben worden. Zunehmend macht die Info bereits die Runde, dass rund 790 Millionen Euro nochmal in die alte Infrastruktur am Hauptbahnhof investiert werden müssen. Auch dazu antwortet die Bahn nicht konkret und verweist darauf, dass die Investitionen in die alte Infrastruktur in den Mehrkosten von drei Milliarden Euro bei Stuttgart 21 inkludiert sind.
Inwiefern sich das auf weitere Sperrungen auswirkt, ist bisher unklar. Die Bahn verweist selbst auf die Bahnstrecke vom Hauptbahnhof nach Stuttgart-Vaihingen, bei der dieses Jahr die Gleise getauscht wurden und noch im Herbst weiter getauscht werden. In Bezug auf die restliche Infrastruktur heißt es: "Die notwendigen Instandhaltungen werden nun in die gesamte Bauplanung für die nächsten Jahre einbezogen."
Es könnte also gut sein, dass ähnlich auch am Hauptbahnhof für die Instandhaltung in den nächsten Jahren Gleise und Weichen im Bahnhof und Gleisvorfeld wochenweise gesperrt und getauscht werden müssen. Alles für einen Bahnhof, der eigentlich nicht mehr in Betrieb sein sollte.