Region und Stadt Stuttgart halten Scherbengericht: Eine Woche nach der offiziellen Verkündung der weiteren Verschiebung um fünf Jahre bei S21 haben der Verkehrsausschuss der Region Stuttgart und der Ausschuss Stuttgart 21/Rosenstein der Landeshauptstadt gemeinsam getagt. Hatte Bahnchefin Evelyn Palla am Freitag zuvor im Lenkungskreis deutliche Kritik ertragen müssen, gab es an diesem Mittwoch für die Bahnvertreter nun überdeutliche Kritik. Und einen Forderungskatalog - samt dem Appell einiger Räte an die Bahn, tatsächlich reinen Tisch zu machen.
Neuer Kostenrahmen bei 14,5 Milliarden Euro Bahn-Chefin bestätigt 2031 als neuen Starttermin für Stuttgart 21 - "Fernwanderweg" für Reisende soll schneller entfallen
Bahnchefin Evelyn Palla hat nach der Sitzung des Lenkungskreises bestätigt, dass Stuttgart 21 im Dezember 2031 in Betrieb gehen wird. Damit bestätigt sie Recherchen des SWR.
VRS-Chef Wieland wirft Verantwortlichen der Bahn Vorsatz vor
Die Reaktionen waren kaum verwunderlich, betrachtet man die Folgen der Verschiebung auf 2031: Der Verband Region Stuttgart (VRS) erwartet Verzögerungen bis hin zu einem Jahrzehnt bei der Entwicklung des Nahverkehrs - insbesondere bei der S-Bahn. So geht die erweiterte und digitalisierte Stammstrecke später in Betrieb, also der zentrale S-Bahn-Tunnel durch den Stuttgarter Kessel. Die S-Bahn-Verlängerungen nach Nürtingen und Neuhausen auf den Fildern (beide Kreis Esslingen) können nicht angeschlossen und genutzt werden. Auch die Sanierung der Filsbahn verschiebt sich. Plus manchem mehr - und etlicher Mehrkosten.
Wir glauben, dass jenseits von Unvermögen, Pfusch und Pannen beim Bereich der Digitalisierung vorsätzlich von der DB Infrago ignoriert und hintertrieben wurde, was der Eigner, was der Deutsche Bundestag wollte.
Schon im Nachgang zum Lenkungskreis hatte der VRS-Chef Rainer Wieland (CDU) die insgesamt schärfste Kritik formuliert. Er erinnerte an die Investitionen der Region, um S-Bahnen für die digitale Leittechnik ETCS fit zu machen. Teile der Züge würden schon ein Jahr nach der nun geplanten Inbetriebnahme des Digitalen Knotens Stuttgart (DKS) zur Ausmusterung anstehen - also eine "Fehlinvestition", so Wieland. Die Region hatte sich auf den nun verworfenen Bahn-Zeitplan verlassen. Den Verantwortlichen der Bahn-Tochter Infrago warf Wieland in diesem Zusammenhang Vorsatz vor und sprach von einem Vertrauensverlust.
Aktueller Stand des Bahnprojekts S21 Stuttgart 21: Das ist der aktuelle Stand beim Milliardenprojekt der Bahn
Immer neue Termine, Kosten und weitere Pannen: Es fällt schwer, beim Milliardenprojekt Stuttgart 21 immer den Überblick zu behalten. Wir bündeln das Wichtigste.
Grüne und Linke: Einblick in Revisionsbericht der Bahn
Ähnlich deutliche Worte fand Wielands Parteifreund und CDU-Fraktionschef im Gemeinderat Alexander Kotz: "Wahrscheinlich würde sich niemand mehr die Bahn als Bauherr wünschen." Die Bahn habe durch ihr Tun "dem Standort Deutschland geschadet". Dennoch: Die bürgerlichen und sozialdemokratischen Vertreter der beiden Ausschüsse betonten weiter, dass Stuttgart 21 eine gute und richtige Idee gewesen sei. Nun müsse die Bahn alles tun, um zu liefern. Und um die Folgen einzudämmen: "Wir erwarten Demut gegenüber den Fahrgästen, gerade beim Thema Sperrpausen und beim Ersatzverkehr", sagte Regionalrat Thomas Leipnitz (SPD).
"Wir erwarten maximale Transparenz von Seiten der Bahn", sagt Michael Lateier im Namen der Grünen im Regionalparlament. Sprich: Die Bahn solle den Revisionsbericht, der im vergangenen halben Jahr erstellt wurde, öffentlich machen - zumindest als Zusammenfassung. Bahnchefin Palla hatte das abgelehnt mit Verweis auf Betriebsgeheimnisse. Dem schloss sich Sebastian Stark für die Fraktion Linke.Piraten.SÖS an - schließlich müsse man aus den Fehlern lernen. Die AfD regte an, die nun entstandene Lücke von mindestens fünf Jahren zu nutzen, um den ÖPNV in der Region Stuttgart zu verbessern.
Neun Forderungen für die Umsetzung von Stuttgart 21
Am Ende richtete die Regionalversammlung neun Forderungen an die Deutsche Bahn. Man poche etwa auf eine vollständige Umsetzung aller Teile von Stuttgart 21, weniger Sperrpausen im S-Bahn-Betrieb, mehr Anstrengungen beim Schienenersatzverkehr und einen besseren Zugang zum Bahnhof - Stichwort "Fernwanderweg". Und: Die Infrastruktur, die nun fünf Jahre länger durchhalten muss, solle verlässlich bleiben - "präventive Instandhaltung" hatte Regionalchef Wieland das genannt. Also: Bauteile austauschen, bevor es zum Ausfall kommt.