Entsetzen, Empörung und neun Forderungen

ÖPNV um Jahre zurückgeworfen: Stadt und Region kritisieren S21-Verschiebung

Regionalversammlung und Gemeinderat empört die neuerliche Verschiebung von Stuttgart 21 um fünf Jahre. Sie stellen Forderungen auf - und fürchten ein verlorenes Jahrzehnt für den ÖPNV.

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Von Autor/in Fabian Ziehe

Region und Stadt Stuttgart halten Scherbengericht: Eine Woche nach der offiziellen Verkündung der weiteren Verschiebung um fünf Jahre bei S21 haben der Verkehrsausschuss der Region Stuttgart und der Ausschuss Stuttgart 21/Rosenstein der Landeshauptstadt gemeinsam getagt. Hatte Bahnchefin Evelyn Palla am Freitag zuvor im Lenkungskreis deutliche Kritik ertragen müssen, gab es an diesem Mittwoch für die Bahnvertreter nun überdeutliche Kritik. Und einen Forderungskatalog - samt dem Appell einiger Räte an die Bahn, tatsächlich reinen Tisch zu machen.

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VRS-Chef Wieland wirft Verantwortlichen der Bahn Vorsatz vor

Die Reaktionen waren kaum verwunderlich, betrachtet man die Folgen der Verschiebung auf 2031: Der Verband Region Stuttgart (VRS) erwartet Verzögerungen bis hin zu einem Jahrzehnt bei der Entwicklung des Nahverkehrs - insbesondere bei der S-Bahn. So geht die erweiterte und digitalisierte Stammstrecke später in Betrieb, also der zentrale S-Bahn-Tunnel durch den Stuttgarter Kessel. Die S-Bahn-Verlängerungen nach Nürtingen und Neuhausen auf den Fildern (beide Kreis Esslingen) können nicht angeschlossen und genutzt werden. Auch die Sanierung der Filsbahn verschiebt sich. Plus manchem mehr - und etlicher Mehrkosten.

Wir glauben, dass jenseits von Unvermögen, Pfusch und Pannen beim Bereich der Digitalisierung vorsätzlich von der DB Infrago ignoriert und hintertrieben wurde, was der Eigner, was der Deutsche Bundestag wollte.

Schon im Nachgang zum Lenkungskreis hatte der VRS-Chef Rainer Wieland (CDU) die insgesamt schärfste Kritik formuliert. Er erinnerte an die Investitionen der Region, um S-Bahnen für die digitale Leittechnik ETCS fit zu machen. Teile der Züge würden schon ein Jahr nach der nun geplanten Inbetriebnahme des Digitalen Knotens Stuttgart (DKS) zur Ausmusterung anstehen - also eine "Fehlinvestition", so Wieland. Die Region hatte sich auf den nun verworfenen Bahn-Zeitplan verlassen. Den Verantwortlichen der Bahn-Tochter Infrago warf Wieland in diesem Zusammenhang Vorsatz vor und sprach von einem Vertrauensverlust.

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Grüne und Linke: Einblick in Revisionsbericht der Bahn

Ähnlich deutliche Worte fand Wielands Parteifreund und CDU-Fraktionschef im Gemeinderat Alexander Kotz: "Wahrscheinlich würde sich niemand mehr die Bahn als Bauherr wünschen." Die Bahn habe durch ihr Tun "dem Standort Deutschland geschadet". Dennoch: Die bürgerlichen und sozialdemokratischen Vertreter der beiden Ausschüsse betonten weiter, dass Stuttgart 21 eine gute und richtige Idee gewesen sei. Nun müsse die Bahn alles tun, um zu liefern. Und um die Folgen einzudämmen: "Wir erwarten Demut gegenüber den Fahrgästen, gerade beim Thema Sperrpausen und beim Ersatzverkehr", sagte Regionalrat Thomas Leipnitz (SPD).

"Wir erwarten maximale Transparenz von Seiten der Bahn", sagt Michael Lateier im Namen der Grünen im Regionalparlament. Sprich: Die Bahn solle den Revisionsbericht, der im vergangenen halben Jahr erstellt wurde, öffentlich machen - zumindest als Zusammenfassung. Bahnchefin Palla hatte das abgelehnt mit Verweis auf Betriebsgeheimnisse. Dem schloss sich Sebastian Stark für die Fraktion Linke.Piraten.SÖS an - schließlich müsse man aus den Fehlern lernen. Die AfD regte an, die nun entstandene Lücke von mindestens fünf Jahren zu nutzen, um den ÖPNV in der Region Stuttgart zu verbessern.

Gemeinsame Sitzung: In der Liederhalle berieten der Verkehrsausschuss der Region Stuttgart und der Ausschuss Stuttgart 21Rosenstein der Landeshauptstadt über die erneute Verschiebung von S21 um weitere fünf Jahre.
Gemeinsame Sitzung: In der Liederhalle berieten der Verkehrsausschuss der Region Stuttgart und der Ausschuss Stuttgart 21/Rosenstein der Landeshauptstadt über die erneute Verschiebung von S21 um weitere fünf Jahre. Fabian Ziehe

Neun Forderungen für die Umsetzung von Stuttgart 21

Am Ende richtete die Regionalversammlung neun Forderungen an die Deutsche Bahn. Man poche etwa auf eine vollständige Umsetzung aller Teile von Stuttgart 21, weniger Sperrpausen im S-Bahn-Betrieb, mehr Anstrengungen beim Schienenersatzverkehr und einen besseren Zugang zum Bahnhof - Stichwort "Fernwanderweg". Und: Die Infrastruktur, die nun fünf Jahre länger durchhalten muss, solle verlässlich bleiben - "präventive Instandhaltung" hatte Regionalchef Wieland das genannt. Also: Bauteile austauschen, bevor es zum Ausfall kommt.

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Fabian Ziehe
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