Krieg in Nahost

Iraner in Stuttgart: "Angst, ob meine Familie überleben wird"

Im Nahen Osten herrscht Krieg. Wie geht es Menschen, die Familie im Iran haben? Was sind ihre Ängste und Hoffnungen? Ein Taxifahrer aus Stuttgart und andere berichten.

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Stand

Von Autor/in Siri Warrlich, Luisa Weinig

Die Familie von Samir Paktiawal lebt noch. Das erste Telefonat seit Beginn der neuen Angriffe gelang am Montagvormittag. Davor war das ganze Wochenende lang keine Verbindung möglich, erzählt Samir Paktiawal dem SWR. Er ist im Iran aufgewachsen und lebt seit 2005 in Stuttgart, arbeitet hier als Taxifahrer und im Fitness-Studio. Seine Angehörigen leben in einer iranischen Millionenstadt.

Stuttgarter Taxifahrer: Familie war Wochenende im Keller

"Mein Vater, meine Mutter und meine Schwester waren das ganze Wochenende lang im Keller. Sie haben laute Explosionen gehört", berichtet er. Heute sei es ein bisschen ruhiger und die Familie habe den Keller kurz verlassen können.

Samir Paktiawal lebt in Stuttgart. Er ist in großer Sorge um seine Familie in der iranischen Stadt Maschhad.
Samir Paktiawal lebt in Stuttgart. Er ist in großer Sorge um seine Familie in der iranischen Stadt Maschhad.

Samir Paktiawal hat eine afghanische Mutter und einen iranischen Vater. Schon in den letzten Wochen riet Paktiawal seiner Familie, einen Großeinkauf an Lebensmitteln zu machen, damit für den Notfall Essen zu Hause ist.

Samir Paktiawal: "Ich fühle mich extrem hilflos"

Paktiawal glaubt nicht daran, dass der Krieg tatsächlich zu einem Ende des Mullah-Regimes im Iran führen wird. Er ist voller Sorge um seine Familie und die Weltlage. "Ich habe Angst davor, dass ein dritter Weltkrieg beginnt."

"Ich fühle mich traurig und extrem hilflos", sagt Paktiawal. Ich kann gar nichts machen. Es gibt keine Flüge, weshalb ich nicht mal versuchen kann, meine Verwandten nach Deutschland zu holen. Man weiß nicht, wer überleben wird und wer nicht."

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Ludwigsburgerin erreicht Familie nicht

Im Gegensatz zu Samir Paktiawal konnte Arezoo Shoaleh aus Ludwigsburg ihre Angehörigen im Iran bislang nicht erreichen. "Das Internet ist wieder komplett abgeschaltet. Auch Telefonieren ist nicht möglich", sagt die 54-jährige Sozialpädagogin, die in Ludwigsburg den Verein "Frauen für Frauen" leitet und auch stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Ludwigsburger Gemeinderat ist.

Arezoo Shoaleh lebt in Ludwigsburg. Sie engagiert sich für Frauen im Iran.
Arezoo Shoaleh lebt in Ludwigsburg. Sie engagiert sich für Frauen im Iran.

Sholaeh sorgt sich sehr. "Im Moment ist es so, dass das ganze Land zu unserer Familie geworden ist."

Arezoo Shoaleh: "Einzige Chance, Land zu befreien"

Mit dem aktuellen Angriff der USA verbindet Arezoo Shoaleh Hoffnung. "Ich glaube, dass es eigentlich die einzige Chance ist, dieses Land aus der Gewalt des islamischen Regimes zu befreien." Die Hoffnung auf einen Regimewechsel sei aktuell groß, ebenso groß sei aber die Frage, wie es jetzt weitergeht.

"Sobald in den Nachrichten irgendetwas über Verhandlungen gesagt wird, bleibt uns allen die Luft weg. Das verunsichert. Nicht, dass das jetzt eine Strategie ist, ein paar Köpfe wegzubekommen und dann mit neuen Menschen aus dem Regime zu verhandeln. Das darf nicht passieren", sagt Shoaleh dem SWR am Telefon.

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Mann aus Stuttgart: Angst vor weiterem Blutvergießen

Ein Mann Anfang 30 aus dem Großraum Stuttgart will so anonym wie möglich bleiben. Denn er hat Angst um seine Verwandten im Iran. Er glaubt, dass der Weg zu einem Regimewechseln im Iran noch lang ist. "Es ist viel zu romantisch gedacht, dass jetzt alles in sich zusammenfällt, nur weil man die Spitze abgeschnitten hat."

"Die Revolutionsgarde im Iran ist ja nicht einfach nur eine paramilitärische Einheit. Das ist eine Organisation, die hat einen Geheimdienst, die hat einen militärischen Arm, die hat einen Auslandsgeheimdienst und sie ist die größte wirtschaftliche Institution im Iran." Es sei nicht damit getan, nur die Führungsriege zu beseitigen. "Ich befürchte, dass noch sehr viel Blut vergossen wird."

Verwandte im Iran haben Angst, offen zu sprechen

Er beobachtet, dass seine iranischen Verwandten selbst in Telefonaten mit der Familie in Deutschland Angst hätten, offen zu sprechen. "Wie das Regime auf die Demonstrationen im Januar reagiert hat, zeigt, dass ihnen Menschenleben egal sind." Ob Demonstranten erschossen werden oder nicht, sei von Willkür und Zufall abhängig - das zeigten Geschichten von Leuten, die er kenne, sagt er. "Es kann jederzeit sein, dass die Leute wieder rausgehen auf die Straßen und mit so einer Gewalt konfrontiert sind."

Für ihn waren die letzten Tage ein Wechselbad der Gefühle: Hoffnung, Glück und Angst. Seine Familie wollte am Samstag zunächst die Stadt verlassen. "Dann haben sie sich mittags nochmal gemeldet, als das Internet wieder ging und haben unter Jubel und Gesang verkündet, dass sie doch in der Stadt geblieben sind, weil das Gerücht umging, dass Chamenei tot ist und sie bereit sein wollten, falls Leute wieder auf die Straßen gehen." Danach war das Internet wieder weg, erzählt er.

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Stuttgarterin hofft auf Sturz des Regimes

Auch für die 25-jährige Nesrin (Name von der Redaktion geändert) aus Stuttgart waren die letzten Tage sehr emotional. Ihr Vater kam vor mehr als 30 Jahren aus dem Iran nach Deutschland. Die Nachrichten über mögliche politische Veränderungen im Land weckten in ihr und ihrer Familie eine Mischung aus Freude, Hoffnung, aber auch Unsicherheit.

"Das erste Mal haben wir wirklich darüber gesprochen, ob es realistisch ist, dass wir irgendwann in den Iran gehen könnten", sagt sie. Doch diese Hoffnung ist auch von Ängsten begleitet: "Ich habe Sorge, dass ich davon träume, und dann passiert es doch nicht. Vielleicht rückt einfach die nächste Führungsriege nach und der Iran wird nicht von diesem Regime befreit."

Angriff auf Iran: Familiengruppe wie Live-Ticker

Nesrin hat das ganze Wochenende am Handy verbracht: "Unsere Familiengruppe war voll mit neuen Infos, Videos und Nachrichten aus dem Iran. Es war wie ein Live-Ticker." Ihr Vater, der seit seiner Ausreise nie wieder in den Iran zurückkehren konnte, zeigte dabei erstmals einen Funken Hoffnung, eines Tages in seine Heimat zurückzukehren. Denn er wünsche sich, eines Tages sein Heimatland auch seinen Kindern zu zeigen.

Doch neben der Freude bleibt auch die Angst um die Verwandten im Iran. "Man will nicht, dass das, was man hier sagt, irgendeine Auswirkung darauf hat, dass ihnen etwas passiert", erklärt sie. Deshalb möchte Nesrin auch zum Schutz ihrer Angehörigen anonym bleiben. Gleichzeitig stellt sie sich Fragen über die Zukunft des Landes: Wie groß wird der Einfluss von Staaten wie den USA oder Israel sein? Werden die Menschen nach all den Strapazen wirklich in Freiheit leben können? Obwohl sie selbst noch nie im Iran war, ist die Verbindung der 25-jährigen Stuttgarterin stark: "Es fehlt einfach ein Teil. Das ist wie so ein Puzzlestück."

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Siri Warrlich
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Luisa Weinig
Bild von SWR-Redakteurin Luisa Weinig

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