Zehn Wochen nach ASB-Kündigung

Stuttgart: Fast alle Kinder mit Behinderungen wieder mit Schulbegleitung im Unterricht

Vor rund zehn Wochen hat die Stadt dem ASB die Schulbegleitung für Kinder mit Behinderungen aufgekündigt. Mittlerweile sind wohl fast alle Kinder wieder in der Schule.

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Von Autor/in Maxim Flößer

Nach den Osterferien sollte wieder Normalbetrieb herrschen: Nachdem die Stadt Stuttgart Anfang Februar dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) wegen mutmaßlichen Betrugsvorwürfen den Vertrag für die Schulbegleitung von Kindern mit Behinderungen aufgekündigt hatte, versprach sie schnelle Lösungen. Mittlerweile sollen fast alle Kinder wieder im Unterricht sein. Für Eltern und Schulen hat sich die Situation noch nicht entspannt.

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Wie die Stadt auf SWR-Anfrage mitteilt, mittlerweile gehe es um 145 statt um 146 Kinder, denn eine Familie sei zwischenzeitlich verzogen. 139 der 145 Kinder seien wieder beschult. "Für die übrigen Kinder finden aktuell weitere Hospitationen statt", so ein Sprecher. Eine weitere Fachkraft starte in dieser Woche. Um Kinder zeitweise zu Hause betreuen zu lassen, sei zwar für ein Kind ein Antrag auf Persönliches Budget gestellt worden. Doch da kurzfristig eine Schulbegleitung gefunden worden sei, sei der Antrag zurückgezogen worden.

Zur Frage, welche weiteren Angebote für die Belange von Menschen mit Behinderung entwickelt wurden, hieß es, man prüfe derzeit intensiv verschiedene Unterstützungsoptionen. "Die Verwaltung beabsichtigt, hierzu zunächst in den Austausch mit den Elternvertretungen zu gehen", so der Sprecher.

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Drei Kinder mit Behinderungen nach wie vor nicht in der Schule

Laut Anna Linder, Vorsitzende des Gesamtelternbeirats, fehlen entgegen der Angaben der Stadt nach wie vor zwölf Eingliederungshilfen für die betroffenen Kinder. Neun davon könnten zwar bereits wieder tageweise in die Schule. Aber noch nicht regulär von Montag bis Freitag. Das liegt auch daran, so Linder, dass manche der neuen Schulbegleiter nach kurzer Zeit wieder abgesprungen seien. Drei Kinder seien nach wie vor nicht im Unterricht.

Durch diese Situation würden die betroffenen Kinder nicht die Förderung erhalten, die sie dringend brauchen. Dadurch kann man an den sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren auch noch nicht von Normalbetrieb sprechen, sagt Anna Linder. Aktuell laufe nach wie vor noch die Einarbeitungsphase der Eingliederungshilfen.

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Durch diese unbeständige Situation seien viele der betroffenen Schülerinnen und Schüler in ihrer Ausbildung und Entwicklung zurückgeworfen worden. Besonders hart betroffen waren laut Linder zwei Klassen an der Helene-Schoettle-Schule in Stuttgart, in denen Kinder mit Autismus unterrichtet werden.

Das bestätigt auch Thomas Mästle, Konrektor der Helene-Schoettle-Schule, auf SWR-Nachfrage. Erst vergangenes Schuljahr hatten die Kinder in den zwei sogenannten TEACCH-Klassen sich mühsam an neue Schulbegleiter gewöhnen müssen. Kaum waren Kinder und Begleiter aufeinander abgestimmt, fielen diese durch die Vertragsauflösung im Frühjahr wieder weg. Für die Kinder war das eine extreme Belastung, so Mästle. Denn Kinder mit Autismus brauchen klare Strukturen, ihnen bekannte Betreuer und einen individuellen Tagesablauf.

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Mittlerweile haben laut dem Konrektor zwar alle Kinder wieder eine Begleitung. Doch der Weg dahin sei anstrengend gewesen. Durch die hohen Anforderungen sind nicht alle Schulbegleiter geeignet, so Thomas Mästle. Auch Gruppenbetreuungen seien nur bedingt möglich, da einige Kinder explizit Einzelbetreuung brauchen. Und bei dem speziellen Klassenkonzept kommen nur Fachkräfte in Frage, die wissen, welche diversen Bedürfnisse Menschen auf dem Autismus-Spektrum haben. Darum würde erst jetzt der Unterricht langsam wieder in Richtung Normalität kommen, so Thomas Mästle.

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Bei einem Online-Treffen diese Woche konnten sich Eltern mit der Beauftragten der Stadt Stuttgart für Menschen mit Behinderungen austauschen. Laut SWR-Informationen berichteten viele Familien von einer nach wie vor belastenden Situation. Viele seien verunsichert.

Bei dem Treffen wurde auch diskutiert, inwiefern die Stadt die Eltern finanziell unterstützen könnte. So hätten Eltern die Möglichkeit ein sogenanntes persönliches Budget zu beantragen. Hierbei handelt es sich um den Rechtsanspruch für Menschen mit Behinderungen auf Geld- statt Sachleistungen. Laut Sozialgesetzbuch könnten sie dadurch eigenständig eine Schulbegleitung engagieren. Laut Gesamtelternbeirätin Anna Linder sei dies aber sehr komplex und belaste die betroffenen Familien zusätzlich.

Laut SWR-Informationen sucht die Stadt nach Möglichkeiten, um die Familien für den Unterrichtsausfall und die Belastung zu entschädigen. Dabei soll auch der Vorschlag aus der Stadtverwaltung geäußert worden sein, den Familien einen Nachmittag auf dem Stuttgarter Frühlingsfest oder im Zoo zu finanzieren. Eltern der Kinder mit Behinderungen hätten dies als realitätsfern abgelehnt.

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Die Vorsitzende des Gesamtelternbeirats Anna Linder lobt gegenüber dem SWR zwar die Stadt, dass für viele Kinder schnell neue Schulbegleiterinnen und -Begleiter gefunden wurden. Trotzdem stehe für sie fest: Eine solche abrupte Kündigung dürfe nicht noch mal passieren.

Mit Blick auf das Ende des Schuljahres fürchtet der Gesamtelternbeirat, dass es erneut zu einem Personalwechsel für einige der betroffenen Kinder kommen könnte. Auch, weil für die Schulen unklar sei, wie stabil die Personallage der neuen Träger aussieht. So lange seien Lehrkräfte, Schulleitungen und die Kinder selbst stark gefordert, damit der Unterricht geregelt ablaufen könne.

Diese Woche wurde zudem bekannt, dass die Bundesregierung bei der Eingliederungshilfe und damit bei den Schulbegleitern sparen will. Konkret könnte das bedeuten, dass Kinder mit Behinderungen keinen individuellen Begleiter mehr an die Seite gestellt kriegen. Stattdessen strebt die Regierung Gruppenlösungen an. Bis zum Sommer soll eine Arbeitsgruppe Ergebnisse erarbeiten. Eine solche Lösung würde für noch mehr Instabilität für die Kinder und Unterrichtsausfall sorgen, so Anna Linder.

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Maxim Flößer
Maxim Flößer ist Redakteur im SWR Studio Stuttgart

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