Bei der Stuttgarter S-Bahn werden seit einigen Wochen nachts Testfahrten für das digitale Zugsicherungssystem ETCS durchgeführt. Wenn Stuttgart 21 in Betrieb genommen wird, soll der gesamte Bahnverkehr im Tiefbahnhof, sowie der S-Bahn-Verkehr auf der Stammstrecke digital gesteuert und gelenkt werden. Da im Großraum Stuttgart bisher die neue Technik nur auf der ICE-Strecke Wendlingen - Ulm in Betrieb ist, werden die Testfahrten dort durchgeführt.
Mit der S-Bahn nachts auf die ICE-Strecke Wendlingen - Ulm
In Stuttgart selbst ist das neue System ETCS (European Train Control System) bisher noch nicht regulär in Betrieb. Auf der Neubaustrecke Wendlingen - Ulm hingegen findet schon seit Jahren ETCS-Betrieb statt. Da aber tagsüber die Strecke primär vom ICE-Verkehr und auch vom Regionalverkehr befahren wird, können die Lokführerschulungen für die S-Bahn-Fahrer dort nur am späten Abend und nachts stattfinden. Seit Dezember 2025 fahren immer wieder die beiden Triebfahrzeugführer Kristof Vandoorne und Patrick Seeger auf die Strecke. "Inzwischen machen wir das so oft, das ist jetzt Alltag", sagt Vandoorne.
Jedes Mal genau beobachtet wird der Übergang bei Wendlingen von der alten, herkömmlichen Signaltechnik zur neuen digitalen Technik. "Da kommt das letzte Lichtsignal", erklärt Patrick Seeger. Denn bei der digitalen Technik gibt es keine Signale mehr entlang der Strecke. Ab jetzt werden die Displays im Führerstand wichtig. Ein Zeichen leuchtet auf. "Jetzt sind wir in ETCS. Den Vorteil sehen wir hier: Wir haben derzeitig 20 Kilometer freie Fahrt, mit der maximalen Geschwindigkeit." Bei der S-Bahn sind das gemütliche 140 Stundenkilometer, wo sonst ICEs mit 250 Sachen vorbeirauschen.
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Die erneute Verzögerung von Stuttgart 21 bedeutet: Der Kopfbahnhof muss länger in Betrieb bleiben. Allerdings gibt es keine passenden Verträge mehr mit den Verkehrsunternehmen.
Vorausschauendes Fahren - und mehr Kapazität
Über die Displays und die digitalen Anzeigen können die Lokführerinnen und Lokführer viel mehr im Voraus sehen. Sie bekommen genau angezeigt, wann sie abbremsen müssen und wie schnell sie gerade fahren dürfen. "Für uns ist das schon ein Meilenstein in der Digitalisierung hier im Bahnbetrieb. Vor allem in Stuttgart. ETCS hier zu fahren - das ist eine Neuerung. Das ist die Zukunft", sagt Matthias Glaub, der Geschäftsführer der S-Bahn Stuttgart.
Außerdem soll durch ETCS und das digitalen Stellwerk möglich sein, Züge enger hintereinander fahren zu lassen. Vor allem für den S-Bahn-Tunnel - die Stammstrecke - versprechen sich Bahn und Verband Region Stuttgart eine Kapazitätssteigerung. Doch bis es soweit ist, muss die Technik getestet werden. 5.000 Kilometer unter ETCS - so die selbstauferlegte Regelung der Bahn - müssen für jeden Fahrzeugtyp zuerst absolviert werden, damit alle Kinderkrankheiten erkannt und behoben werden.
Kritik an Baustellen und Digitalisierung
Die Leidtragenden sind aber zurzeit vor allem die, die eines Tages von den Vorteilen profitieren sollen: die Fahrgäste. Baustellen, Sperrungen - aktuell wieder zwischen Bad Cannstatt und Waiblingen. Bei aller Begeisterung für die digitale Technik - das ärgert nach eigenen Aussagen zunehmend den S-Bahn-Chef selbst: "Ich habe da auch kein Verständnis für, das ist so. Und diese Performance gerade, die kann nicht zufriedenstellend sein."
Außerdem werden seit 2023 die Lokführerinnen und Lokführer der Stuttgarter S-Bahn in ETCS geschult und ausgebildet. Eine ETCS-Zulassung verliert nach drei Jahren aber die Gültigkeit, dann sind Nachprüfungen nötig. "Wir müssen diese Lokführer dann auch vom normalen Fahren freistellen. Das heißt, von den Lokführer, die wir haben, sind dann einige nicht einsatzbereit. Das kostet auch Geld", sagt Glaub. Wann Stuttgart 21 eröffnet werden soll, ist indes immer noch nicht klar.