Obwohl der Zulauf an bedürftigen Menschen in Tagesstätten in Stuttgart stetig mehr werde, sehen soziale Träger sich gezwungen, ihre Hilfsangebote zu reduzieren. "Wir können nicht anders handeln", heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung der Träger der vier Tagesstätten Stadtmission Stuttgart, Die Olga 46, Café 72 und Femmetastisch. Sie erhalten wegen des Sparhaushalts der Stadt Stuttgart seit diesem Jahr zehn Prozent weniger finanzielle Mittel. "Ausgerechnet die Menschen, die sowieso nichts haben, geraten jetzt noch mehr unter Druck durch diese unsozialen Sparmaßnahmen", so Andrea Günther von der Ambulanten Hilfe.
Die Nachfrage nach günstigem Essen ist groß
Unter anderem fällt dienstags das warme Mittagessen eva's Tisch in der Tagesstätte Stadtmission der Evangelischen Gesellschaft weg. Für einen Euro gab es das bisher für Bedürftige von Montag bis Freitag. Die Schlange vor dem Saal sei immer lang und die rund 130 Essen nach einer halben Stunde meist schon vergriffen, so die Evangelische Gesellschaft.
Dienstags werde die Stadtmission künftig erst ab 15 Uhr öffnen, auch um Personalkosten zu senken. Ein kleines Vesper, Getränke, frische Kleidung und die Möglichkeit zu duschen werde es nachmittags weiterhin geben.
Bedürftigen Frauen fehlt dienstags ein Rückzugsort
Auch andere Einrichtungen mussten den Rotstift ansetzen. Die Frauen-Tagesstätte Femmetastisch des Sozialdiensts katholischer Frauen öffnet dienstags künftig gar nicht mehr. Damit falle an diesem Tag nicht nur das Mittagessen weg, sondern auch der wöchentliche Nähtreff. Er werde nun nur noch alle zwei Wochen angeboten, sagte Ingrid Stoll vom Sozialdienst katholischer Frauen dem SWR.
Ihrer Erfahrung nach sind insbesondere Frauen in prekären Lebenslagen überproportional von den Kürzungen betroffen. Für viele der täglich rund 50 Besucherinnen sei Femmetastisch ein unverzichtbarer Rückzugsort.
Caritasverband für Stuttgart: zwei verkürzte Tage
Der Caritasverband für Stuttgart schränkt die Öffnungszeiten ab Mai an zwei Tagen ein. Dienstags und donnerstags fällt das günstige Mittagessen weg - die Tagesstätte Die Olga 46 schließt dann schon nach dem kostenlosen Frühstück um 10 Uhr. Das sei ein bitterer Schritt.
Das Café 72, die Tagesstätte der Ambulanten Hilfe, schließt dienstags ebenfalls schon um 10 Uhr. Dort werden kostenlose Bäckerspenden und frische Kleidung ausgegeben, es gibt Beratung und Zugang zu Waschmaschinen sowie WLAN.
Träger haben Schließzeiten untereinander abgestimmt
Die vier Träger der Tagesstätten haben sich bei den Schließzeiten auf einen gemeinsamen Tag konzentriert. Wenn Gäste von geschlossenen Tagesstätten zu geöffneten gingen, müssten sie aus Mangel an Kapazität abgewiesen werden. Die Gefahr, dass sich dann Frust und Wut entlade, sei groß. "Das ist ein Sicherheitsproblem, wir haben auch eine Verantwortung unseren Mitarbeitenden gegenüber", so Miriam Schiefelbein-Beck vom Caritasverband für Stuttgart.
Schon bevor der Sparhaushalt vom Gemeinderat beschlossen wurde, finanzierten die Träger der Wohnungslosenhilfe im Bereich Fachberatungsstellen und Tagesstätten ihr Angebot mit rund 20 bis 30 Prozent eigenen Mitteln, etwa aus Spenden, wie Andrea Günther dem SWR sagte. Um den Eigenanteil wieder zu senken, hatten die Träger laut Caritasverband für Stuttgart eine Zuschusserhöhung beantragt, stattdessen kam die Kürzung.
Stadt: "Soziale Infrastruktur bleibt leistungsfähig"
Stuttgarts Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann (Grüne) verweist auf SWR-Anfrage darauf, dass die finanzielle Lage seit ihrem Amtsantritt noch nie so angespannt gewesen sei. "Uns ist bewusst, dass die beschlossenen Einsparungen die Träger der sozialen Hilfesysteme vor große Herausforderungen stellen", so Sußmann. Dass die Kürzungen Auswirkungen haben, sei klar. Man stehe im engen Austausch und suche nach Lösungen. Stuttgart verfüge aber weiterhin über ein breites Netz an sozialen Unterstützungsangeboten. Man setze alles daran, diese Strukturen auch unter den aktuellen finanziellen Bedingungen zu sichern.