Die juristische Aufarbeitung eines illegalen Autorennens mit einem folgenschweren Unfall in Ludwigsburg ist vorerst zu Ende: Am Dienstag fielen die Urteile gegen die drei Angeklagten. Im Fall des Unfallverursachers verhängte das Gericht eine lebenslange Haftstrafe wegen Mordes.
Bruder des Unfallversursachers soll 13 Jahre in Haft
Der Angeklagte hatte sich vor rund einem Jahr mit seinem Bruder auf der Schwieberdinger Straße in Ludwigsburg ein illegales Rennen geliefert. Im Bereich einer Tankstellenausfahrt rammte er das Auto zweier unbeteiligter junger Frauen und verletzte sie tödlich. Sein Bruder, der den zweiten Wagen gefahren hatte, erhielt wegen versuchten Mordes 13 Jahre Haft.
Gegen einen Cousin der beiden Brüder, der als Beifahrer im zweiten Wagen am Rennen beteiligt war, verhängte das Gericht eine Strafe von einem Jahr auf Bewährung. Monatelang hatte die Kammer des Stuttgarter Landgerichts Angehörige, Anwälte und zahlreiche Zeuginnen und Zeugen gehört, Videos angeschaut, es wurden Gutachten in Auftrag gegeben und Einlassungen verlesen.
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Wer wiederholt durch Raserei auffällt, soll seinen Führerschein für immer abgeben müssen, so der BW-Innenminister. Zuletzt waren in Ludwigsburg zwei Frauen getötet worden.
Der Prozess war teilweise sehr emotional verlaufen. Die Familien der Opfer traten als Nebenkläger auf. Besonders bewegend war unter anderem die Zeugenaussage der Schwester einer der getöteten Frauen. Der Zuschauerraum war in der Regel voll. Sowohl Unterstützende der Familien der Getöteten als auch Unterstützende der Angeklagten hatten den Prozess verfolgt.
Der Anwalt der Nebenklage zeigte sich zufrieden mit dem gefallenen Urteil. Dieses sei konsequent und wünschenswert. "Es zeigt uns ganz deutlich, dass unser Rechtsstaat Menschenleben schützt und bei gravierenden Verstößen konsequent Grenzen setzt." Genau das habe sich die Familie der Opfer erhofft.
Oberbürgermeister Knecht: "Immer noch tief bestürzt"
Ludwigsburgs Oberbürgermeister Matthias Knecht (parteilos) zollte den am Prozess beteiligten Richterinnen und Richtern in einer am Dienstag veröffentlichten Stellungnahme großen Respekt. Sie hätten juristisch und emotional einen äußerst komplexen Fall zu bewältigen gehabt. Er sei immer noch tief bestürzt über die furchtbare Tat. "Das Urteil kann den betroffenen Familien hoffentlich bei der Bewältigung und Verarbeitung ihrer Trauer helfen - ihre Kinder, die sie so sehr vermissen, bringt es jedoch nicht zurück", so Knecht.
Die Angehörigen der Opfer zeigten sich nach der Verkündung der Urteile zufrieden. Die Verteidigung hat angekündigt, das Urteil prüfen zu lassen. Im Gerichtssaal blieb es zunächst ruhig, danach begannen viele der Prozessbeobachterinnen und -beobachter zu klatschen. Sie hatten mehrheitlich eine Verurteilung wegen Mordes erwartet.
Auseinandersetzung nach Urteilsverkündung
Beim Verlassen des voll besetzten Saals kam es laut einem Gerichtssprecher in der Folge zu einer lautstarken Auseinandersetzung zwischen mindestens zwei Personen. Der Auslöser ist nicht bekannt. Zahlreiche Wachkräfte vor Ort trennten die Beteiligten demnach rasch und die Situation beruhigte sich schnell. Vor dem Gebäude wurde die Straße in der Folge kurzzeitig gesperrt, um die sichere Abfahrt des Gefangentransports zu gewährleisten, hieß es.
Fahrlässige Tötung oder Mord?
Die entscheidende Frage, die am Dienstag in Stuttgart vor dem Landgericht geklärt werden musste war: Mord oder fahrlässige Tötung? Denn juristisch ist der Fall heikel: Seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2017 sind illegale Autorennen ausdrücklich strafbar. Bei Todesopfern drohen mehrjährige Haftstrafen, in besonders schweren Fällen auch eine Verurteilung wegen Mordes.
Lebenslang ins Gefängnis Nach Ludwigsburger Raserurteil: Wann sind Auto-Raser Mörder?
Der Raser, der in Ludwigsburg bei einem illegalen Autorennen zwei unbeteiligte Frauen getötet hatte, muss wegen Mordes lebenslang ins Gefängnis. Das ist der rechtliche Rahmen.
Voraussetzung dafür ist jedoch, dass ein Fahrer den Tod anderer nicht nur für möglich hält, sondern ihn billigend in Kauf nimmt. In der Vergangenheit haben Gerichte in ähnlichen Fällen unterschiedlich entschieden - von fahrlässiger Tötung bis hin zu Mordurteilen.
Angeklagte verschickten am Tatabend Raser-Video
Im verhandelten Fall seien die beiden Angeklagten über Monate hinweg immer wieder illegale Autorennen gefahren, sagte Timur Lutfullin, Sprecher des Landgerichts Stuttgart, gegenüber dem SWR. Das werde durch massenhafte Videos belegt. Noch wenige Minuten vor dem Unfall habe einer der Beteiligten ein Video an eine Freundin geschickt. Diese kommentierte das Video mit dem Wort "lebensmüde". "Aus Sicht des Gerichtes steht fest, die Angeklagten wussten, dass ihr Verhalten gefährlich ist und zum Tod führen kann", sagte der Gerichtssprecher am Dienstag.
Das Landgericht in Stuttgart war dementsprechend laut Christoph Kehlbach aus der SWR Redaktion Recht und Justiz davon überzeugt, dass die Voraussetzungen für einen Mord in dem Ludwigsburger Fall gegeben sind:
Polizei registriert mehr illegale Autorennen
Über den Einzelfall hinaus verweist der Prozess auf ein anhaltendes Problem. Trotz verschärfter Gesetze registriert die Polizei wieder mehr illegale Autorennen. In Baden-Württemberg wurden 2024 insgesamt 433 Fälle erfasst, im ersten Halbjahr 2025 bereits 293 - ein deutlicher Anstieg, auch durch intensivere Kontrollen.