In Weissach (Kreis Böblingen) ist es seit Anfang Dezember möglich, E-Rezepte an einem Automaten in einem Supermarkt einzulösen. Entwickelt hat das Gerät Apotheker Manuel Caneri, der nebenan in Flacht, einem Ortsteil von Weissach, eine Filiale leitet. In Weissach kommt die Neuigkeit gut an, denn hier hat die letzte Apotheke vor fünf Jahren dicht gemacht.
Rezeptautomat: Karte reinstecken - Medikamente werden geliefert
Kundinnen und Kunden können ihre Gesundheitskarte in den Automat stecken. Dieser zeigt direkt an, ob und wenn ja welche verschreibungspflichtigen Medikamente auf der Karte gespeichert sind. Nach einem Adressabgleich kann die Arznei nach Hause bestellt werden. Allerdings ruft jemand aus der Apotheke von Manuel Caneri noch bei den Kunden für eine telefonische Beratung an. Danach wird die Arznei ausgeliefert, sodass sie meist noch am selben Tag eintrifft.
Wie praktisch wäre ein Automat, der in der Apotheke anzeigen könnte, ob das Rezept schon auf der Karte ist, habe ich mir gedacht.
Unklare Lage rund um E-Rezepte gab Anschub für die Idee
"Den Anschub haben die E-Rezepte gegeben", erklärt Caneri den Grund für seine "Erfindung". Denn oft sei Patientinnen und Patienten nicht klar, ob ihr Hausarzt bereits die Rezepte auf ihre Karte geladen habe. "Wie praktisch wäre ein Automat, der das ohne Anstehen in der Apotheke anzeigen könnte, habe ich mir gedacht." Zudem hätten viele seiner Kundinnen und Kunden gefragt, ob Caneri nicht eine Filiale drüben in Weissach eröffnen könne. 2020 hat dort die einzige Apotheke geschlossen. Zusammen mit einem IT-kundigen Freund legte er also los und entwickelte Software und Hardware.
"Ein Ortsteil ohne Apotheke ist unvorteilhaft", sagt auch Bürgermeister Jens Millow (parteilos), der für die Ortsteile Weissach und Flacht zuständig ist. Er sei sehr froh, dass sie nun diese Option hätten. Außerdem freut es ihn sehr, wenn kreative Leute aus der Bürgerschaft loslegen und Probleme lösen. "Das bringt die Gemeinde voran", sagt er über den pragmatischen Apotheker Caneri.
Rezeptautomat im Supermarkt wohl einzigartiges Konzept
Der freut sich über das Lob und darüber, dass der Automat endlich im Supermarkt aufgestellt ist. "Da steckt viel Arbeit und Mühe drin", sagt er. Er steht an einem Ort, den die Leute gut erreichen, der barrierefrei ist und gute Öffnungszeiten hat, so Caneri. Zudem freut er sich, dass der Supermarktfilialleiter alles unkompliziert möglich macht: "Zwei Einzelhändler, die so etwas gemeinsam aufbauen: eine schöne Sache!"
Automaten von Apotheken gibt es auch anderswo. Einen Apotheken-Automat in einem Supermarkt gab es in Baden-Württemberg aber bislang nicht. Zudem sieht Caneri die Einzigartigkeit seiner Idee in der Einfachheit: "Kein großer Shop, kein kompliziertes System, es geht einfach nur um die Rezepte." Die Menschen könnten beim Einkauf, den sie sowieso tätigen, auch noch das Medizinische erledigen.
Apotheker gesteht: Automat hat noch Potential nach oben
In den ersten 20 Tagen sei der Automat nur zehn Mal genutzt worden, so Caneri. Das Ganze habe also noch Potential nach oben. Drei Supermarkt-Kunden sagten dem SWR allerdings, sie freuten sich über die Neuerung, gerade weil der Ortsteil keine eigene Apotheke mehr hat.
Angesprochen auf die Wirtschaftlichkeit seiner Erfindung sagt der Apotheker, die stünde ganz hinten. Es würde noch lange dauern, bis sich das Gerät amortisiert hat. Mittelfristig sorge so ein Automat aber sicher dafür, weniger Kunden an die Onlinekonkurrenz zu verlieren.
Apothekerverband: Automat kann kein Ersatz für Apotheke sein
Der Landesapothekerverband (LAV) sieht den Automaten als Versuch, dem Apothekensterben regional zu begegnen und die Bürgerinnen und Bürger weiter zu versorgen, wo keine Apotheke mehr ist. Das teilt der LAV auf SWR-Anfrage mit. Der Automat sei keine Lösung für das eigentliche Problem, sondern ein Weg, die Arzneimittelversorgung übergangsweise zu stützen. Ein Ersatz für die ortsnahe Apotheke könne der Automat aber nicht sein, so der Verband weiter. Das Einlösen von Rezepten sei im Übrigen auch per Smartphone möglich.
Zum Apothekensterben gab der LAV neue Zahlen heraus: In den ersten neun Monaten des Jahres 2025 hätten 63 Apotheken im Land schließen müssen. Damit gibt es den Angaben nach noch 2.089 Vor-Ort-Apotheken in Baden-Württemberg.
Wird der Automat bald in Serie produziert?
Apotheker Caneri nutzt den Automaten nicht nur in Weissach, sondern auch in seiner anderen Filiale in Rutesheim (Kreis Böblingen). Der IT-kundige Freund, mit der er das Gerät erfunden hat, sei gerade dabei, die Idee auszurollen. Zusammen mit dessen Bruder würden die beiden von zu Hause aus die Geräte bauen, vertreiben und warten. "Das ist kein riesengroßes internationales Unternehmen, sondern eine lokale Geschichte", so Caneri. Deswegen mache das Projekt aber auch so viel Spaß.