Seit Wochen wird in Stuttgart ein drohender Abriss des hassgeliebten Wittwer-Baus mitten in der Innenstadt emotional diskutiert. Zuletzt haben die Fraktionen Linke/SÖS/Plus und Grüne im Gemeinderat beantragt, zumindest einen Teilerhalt des historischen Gebäudes zu prüfen. Der Landesverband der Deutschen Architektinnen und Architekten macht ebenfalls mobil und kündigt Aktionen und eine Ausstellung zu Geschichte und Bedeutung des Wittwer-Baus im Sommer an. Allerdings kann von einem Termin und einem Plan für den Abriss noch lange keine Rede sein.
Neubau anstelle des Wittwer-Baus - bisher nur ein grober Entwurf
Um was geht es? Im März war bekannt geworden, dass der Eigentümer des markanten Gebäudes auf der Königstraße, die Dinkelacker AG, das Haus gerne abreißen und an der Stelle neu bauen würde - vermutlich im Jahr 2028. Seitdem sind die Gemüter erhitzt. "Architects for Future" argumentiert, dass Abriss und Neubau die Klimaziele verfehlen würden. Stattdessen brauche es eine Entwicklung im Bestand, um Ressourcen, graue Energie und baukulturelle Identität zu erhalten.
Generell sind die meisten Architektinnen und Architekten der Meinung, der Bau von 1967 sei ein prägendes Beispiel der Stuttgarter Nachkriegsmoderne und deswegen auf jeden Fall erhaltenswert. Mit der großen Buchhandlung im Gebäude sei er lange Zeit ein wichtiger Ort der Stadtgeschichte gewesen.
Aber sind die Diskussionen nicht verfrüht und jetzt schon zu emotional? Auf SWR-Anfrage teilt die Stadt mit, dass seither noch nicht mal das zweistufige Wettbewerbsverfahren terminiert sei. In der Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung und Technik Anfang März hat Dinkelacker lediglich einen ersten Entwurf gezeigt. "Der gezeigte Entwurf sollte nur eine ungefähre Vorstellung geben", heißt es von Seiten der Stadt.
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Nicht nur der Abriss sorgt für Aufregung
Trotzdem sorgt jetzt neben dem Komplettabriss noch ein weiterer Aspekt für höchste politische Aufregung: Der gezeigte Entwurf passt nicht in das geltende Baurecht. Darauf macht die Fraktion Linke/SÖS/Plus aufmerksam und sagt: Überschreitet ein Neubau die Baugrenze, muss der Gemeinderat über eine neue Baugenehmigung entscheiden.
Bisher wurde aber laut Auskunft der Stadt Stuttgart noch kein Antrag auf Abbruch des Gebäudes beim Baurechtsamt eingereicht. Und es sei auch das Ziel der Stadt, innerhalb des Baurechts zu bleiben. Es sei richtig, heißt es auf SWR-Anfrage, dass der gezeigte Entwurf vom März nicht in das geltende Baurecht passt. Aber: "Im geplanten Wettbewerbsverfahren wird das geltende Baurecht den Rahmen vorgeben", so die Stadt.
Das sagt der Eigentümer Dinkelacker
Die Dinkelacker AG teilt auf SWR-Anfrage mit, dass das Gebäude nach 60 Jahren am Ende seiner Lebenszeit angekommen sei. Es würde die heutigen Anforderungen unter anderem bei Erdbebenschutz, Barrierefreiheit und Brandschutz nicht mehr erfüllen. Gerade wegen des Erdbebenschutzes müsse bei einer Sanierung viel gemacht werden, und die spätere Nutzbarkeit würde dadurch eingeschränkt.
"Es stellt sich deshalb die Frage, ob eine reine Bestandssanierung tatsächlich die beste und nachhaltigste Lösung wäre", so die Dinkelacker AG in einem Statement. Der Wettbewerb sei ein zentraler Schritt, eine endgültige Entscheidung sei aber noch nicht gefallen. Die Grünen-Fraktion im Rathaus argumentiert, dass zumindest ein Teilerhalt möglich sei und auch städtebaulich sinnvoll ist, das sehe man am Haus des Tourismus am Marktplatz.
Wie finden das die Stuttgarterinnen und Stuttgarter?
Und was denken die Stuttgarterinnen und Stuttgarter? Schließlich ist der Wittwer-Bau seit Jahrzehnten ein markanter Treffpunkt für viele in der Innenstadt. "Das Gebäude gibt es, seit ich auf der Welt bin. Einen Abriss fände ich schade, für mich gehört es zu Stuttgart", sagt eine Stuttgarterin gegenüber dem SWR. Ein anderer Passant sagt: "Es gewinnt sicherlich keinen Architekturpreis, aber von mir aus kann es gerne stehenbleiben." "Ich würde es vermissen, wenn es wegkommt!", so eine weitere Stuttgarterin.