Die Treppe, die unters Dach der Stuttgarter Oper führt, ist steil. Intendant Marc-Oliver Hendriks erklimmt sie und zeigt auf ein Oberlicht: "Hier hat es eine Zeit lang reingeregnet, das hat die Decke und das Tragwerk strapaziert." Metallstreben stützen das Dach des historischen Gebäudes von 1912, es droht einzustürzen - ein deutliches Zeichen für den "gewaltigen Sanierungsstau", wie Hendriks sagt.
Zieht die Stuttgarter Oper vorübergehend nach Ludwigsburg?
Die Württembergischen Staatstheater, die aus Oper, Ballett und Schauspiel in der Landeshauptstadt bestehen, sind gemeinsam das weltweit größte Dreispartenhaus. Die Oper selbst zählt zu den bedeutendsten in ganz Europa. "Zurecht ist man ja international stolz drauf, was hier in Stuttgart passiert und natürlich bin ich in Sorge, dass das Niveau über die nächsten Jahrzehnte nicht gehalten werden kann", sagt auch Cornelius Meister, der Generalmusikdirektor des Staatstheaters.
Dass die Oper saniert werden muss, ist unstrittig - doch darüber, wie das geschehen soll, wird heftig debattiert. Der Umbau soll Jahre dauern, der Spielbetrieb gleichzeitig aber nicht stillstehen. Geplant ist, Opern- und Ballettaufführungen an einen Interimsstandort zu verlegen, möglicherweise in die Nähe des Stuttgarter Nordbahnhofs. Alternativ kam kürzlich ein Vorschlag aus der Nachbarstadt Ludwigsburg: Dort könnten die Stuttgarter Kulturschaffenden im Forum am Schlosspark unterkommen. Diese Option könnte günstiger sein als ein Neubau. Kommende Woche wollen sich die Oberbürgermeister von Stuttgart und Ludwigsburg laut Stuttgarter Zeitung mit Vertretern des Landes treffen, um über mögliche Lösungen zu sprechen.
Zwei Milliarden Euro Sanierungskosten stehen im Raum
Die geschätzten Kosten für den Umbau liegen offiziell bei rund einer Milliarde Euro, doch nach SWR-Recherchen könnte die Summe auf bis zu zwei Milliarden steigen. Kritiker befürchten, dass die Opernsanierung das nächste Milliardengrab nach Stuttgart 21 werden könnte. Zum Vergleich: Die Hamburger Elbphilharmonie kostete weniger als die Hälfte. Auf den Straßen Stuttgarts ist die Skepsis groß. "Die Stadt hat kein Geld für Schulen oder andere wichtige Projekte. Da muss man Prioritäten setzen", sagt ein Passant auf dem Opernvorplatz. Viele Bürgerinnen und Bürger äußern Unverständnis über die immense Investition, vor allem angesichts der angespannten Finanzlage der Stadt.
Stadt Stuttgart finanziell angeschlagen
Stuttgart, einst wirtschaftlich stark, kämpft mit einer erheblichen Finanzlücke: Rund eine halbe Milliarde Euro fehlt im Haushalt. Die Gewerbesteuereinnahmen, vor allem aus der Automobilindustrie, sind deutlich zurückgegangen. Auch die Kulturförderung wurde bereits gekürzt, was die Situation für die Oper zusätzlich erschwert. Intendant Hendriks sorgt sich, ob es unter diesen Bedingungen möglich sein wird, Weltklasse-Künstlerinnen und -Künstler wie Friedemann Vogel oder die Musiker des Orchesters in Stuttgart zu halten. Schließlich zahlten andere Häuser höhere Gehälter.
Ohne Subventionen Ticketpreise von etwa 300 Euro
Dabei kann Hendriks auf Erfolge verweisen: "Die Nachfrage ist da." Die Besucherzahlen seien gut wie seit 20 Jahren nicht mehr. "Wir haben historische Einnahmerekorde", schwärmt der Intendant. Dennoch ist klar, dass die Einnahmen die Kosten nicht decken können. Der durchschnittliche Ticketpreis liegt bei 80 Euro. Ohne Subventionen müssten Besucher jedoch etwa 300 Euro pro Ticket zahlen, was die Oper für viele unerschwinglich machen würde.
Wir dürfen das Geld nicht einfach ausgeben, nur weil wir Lust auf Oper haben.
Die Frage, wer die Sanierungskosten trägt, bleibt heikel. Zwischen Stadt und Land gibt es einen Grundsatzbeschluss zur gemeinsamen Finanzierung. Arne Braun (Grüne), Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft und Kunst, betont gegenüber dem SWR: "Wir stehen dazu". Und schränkt gleichzeitig ein. Das Land werde nicht alles abfangen, was die Stadt Stuttgart nicht bezahlen könne. Jede Ausgabe für die Opern-Sanierung werde genau geprüft. Schließlich handle es sich um Steuermittel. "Wir dürfen das Geld nicht einfach ausgeben, nur weil wir Lust auf Oper haben", so Braun in der SWR-Sendung "Zur Sache Baden-Württemberg".
Veraltete Technik muss weiter finanziert werden
Zurück in der Oper. Hendriks geht hinter die Bühne. Hier befindet sich der Dimmer-Raum, der die Lichtanlage der Bühne steuert. 700 Schaltkreise werden von hier aus bedient, doch die Technik ist veraltet. "Es gibt keinen Support und keine Ersatzteile mehr", erklärt Hendriks. Damit das Staatstheater überhaupt den laufenden Betrieb aufrechterhalten kann, müssen Millionen für Reparaturen und Ersatzteile ausgeben werden. Geld das verloren ist, weil die Teile im künftigen Neubau nicht mehr gebraucht werden. Denn sollte die Sanierung kommen, würde hier moderne Technik eingebaut. Es ist nur einer von vielen Bausteinen eines Projekts, das die Gemüter spaltet.