Psychiaterin Katharina Domschke

Altersdepression: Das solltet ihr über Depressionen wissen

Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland. Wie erkenne ich eine Depression, wie lässt sie sich behandeln und was können Angehörige tun?

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Eine Depression ist grundsätzlich absolut heilbar. Ich kenne sehr viele Patienten, die eine Depression im Leben hatten und dann nie wieder.

Was ist eine Altersdepression?

Eine Altersdepression ist keine "normale Alterserscheinung", wie etwa Altersflecken auf der Haut, erklärt Prof. Katharina Domschke, Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Freiburg. Viel mehr handelt es sich um eine schwere psychische Erkrankung, die laut Definition ab einem Lebensalter von 60 bis 65 Jahren auftreten kann. Sie unterscheidet sich grundsätzlich nicht vom üblichen klinischen Bild einer schweren depressiven Episode.

Unterschied zwischen Demenz und Altersdepression

Ein wichtiges Symptom der Depression ist in jedem Lebensalter eine Einschränkung der geistigen Leistungsfähigkeit: Konzentrationsstörungen, Merkfähigkeitsstörungen, Gedächtnisstörungen. Bei 30-Jährigen denke dabei niemand an eine Demenz, bei 70 oder 80-Jährigen komme dieser Gedanke recht schnell. Das könne Angst machen.

Man bezeichnet im Rahmen einer Depression diese kognitiven Defizite als 'Pseudodemenz': Sie sehen aus, wie man eine Demenz vermuten würde, sind aber keine Demenz.

Die Symptome einer "Pseudodemenz" sind zum Beispiel am Morgen schlechter als am Abend, gehen mit der Stimmung einher und sind nach Behandlung der Depression vollständig rückläufig.

Wolfgang Grupp hat seine Altersdepression öffentlich gemacht

Der Unternehmer Wolfgang Grupp aus Burladingen im Zollernalbkreis hat seinen Suizidversuch öffentlich gemacht. Er leide an Altersdepressionen und habe nicht mehr leben wollen. In einem Brief an seine Mitarbeitenden hat Grupp seine Erkrankung bekanntgegeben und gleichzeitig andere Menschen, die an Depressionen leiden, aufgerufen: "Suchen Sie sich professionelle Hilfe und begeben Sie sich in Behandlung".

Burladingen

Ex-Trigema-Chef appelliert an Betroffene: "Lassen Sie sich helfen!" Wolfgang Grupp berichtet von Suizidversuch: "Ich leide an Altersdepressionen"

Wolfgang Grupp liegt im Krankenhaus. Nun ist öffentlich geworden, dass der frühere Trigema-Chef versucht habe, sich das Leben zu nehmen. Er bedauere den Suizidversuch.

Ich bin Herrn Grupp ausgesprochen dankbar, dass er an die Öffentlichkeit gegangen ist. Es ist ein schwerer Schritt, aber es zeigt Größe, dass er das getan hat und es wird sehr vielen Betroffenen helfen, sich auch Hilfe zu holen. Das ist der entscheidende Schritt.

Wodurch wird eine Altersdepression ausgelöst?

Grundsätzlich kann eine Depression jeden Menschen auch in jungen Jahren treffen. Es gibt aber bestimmte Auslöser, die ab einem gewissen Lebensalter hinzukommen können und eine Altersdepression begünstigen.

Eine wichtige Rolle spielt dabei oft der Wechsel vom Berufsleben in den Ruhestand. Man spreche daher auch von einer "Rentendepression", so Domschke.

Wenn man in die Rente eintritt, fällt ja nicht nur die Arbeit weg, die dem Leben in gewisser Weise auch großen Sinn verliehen hat. Da fallen soziale Bezüge weg mit den Arbeitskollegen, da fällt eine gewisse Bedeutung weg, die man hatte.

Der Eintritt in die Rente ist eine Übergangsphase im Leben, die man meistern muss. Dabei spielt auch zunehmende Einsamkeit eine Rolle, wenn Kinder nicht mehr in der Nähe wohnen und der/die Partner:in oder Freund:innen sterben.

Hinzu kommen unter anderem körperliche Einschränkungen, Krankheiten und abnehmende Mobilität. All diese Faktoren können dazu beitragen, dass im Alter eine Depression auftritt.

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Wie kann ich einer Depression vorbeugen?

Wichtig sei es, die Resilienz (Widerstandskraft) zu stärken, gerade wenn die Zeiten im höheren Lebensalter anstrengender werden, so Katharina Domschke. Zur Orientierung helfe dafür das "PERMA"-Modell des US-amerikanischen Psychologen Martin Seligman:

P – positive Emotionen
E – Engagement
R – Relationships, soziale Beziehungen
M – Meaning, Sinnhaftigkeit des Tuns
A – Accomplishments, Erfolge

Es sei sinnvoll, sich frühzeitig eine Alternative zum Beruf aufzubauen, die einem positive Emotionen, Engagement, soziale Beziehungen, eine sinnvolle Tätigkeit und Erfolge ermöglicht.

Auch sei es wichtig, sich um einen Freundeskreis zu bemühen, der einen auffangen kann. Man könne sich ein Haustier zulegen, um das man sich kümmert, sich in der Nachbarschaftshilfe engagieren, in Vereine gehen, Ehrenämter übernehmen, sich um Enkelkinder kümmern und Sport treiben, zählt Katharina Domschke weitere Möglichkeiten auf. Um geistig flexibel zu bleiben, könne man zum Beispiel auch die Seniorenuniversität oder einen Schachverein besuchen.

Wichtig ist, dass man auf all diesen Gebieten tätig bleibt und das frühzeitig schon organisiert – auch um eine Tagesstruktur aufrechtzuerhalten, wenn der Beruf wegfällt.

Wie läuft die Therapie einer Depression ab?

"Was wir verstehen, können wir auch bestehen", erklärt Katharina Domschke. Es geht zunächst darum, die Symptome der Depression durchzugehen und ein Stück weit zu "entzaubern". Sie als Symptome der Erkrankung zu benennen und die Angst davor zu nehmen.

Bei einer kognitiven Verhaltenstherapie werden mit den Patient:innen die Denkstrukturen besprochen, in denen alles negativ, verzerrt, generalisiert und in Extremen gesehen wird. Anschließend werden hilfreichere Denkmuster etabliert. Expositionsübungen können helfen, die Angst vor dem Tod oder Krankheiten zu nehmen und es kann z.B. ein positiver Aktivitätenplan erstellt werden.

Zusätzlich gibt es die Therapie mit Psychopharmaka, vor denen Katharina Domschke die Angst nehmen möchte.

Es gibt immer noch eine unbegründete Angst vor Psychopharmaka. Da ist immer noch so ein kleines Stigma drauf. Antidepressiva machen nicht abhängig, sie verändern die Persönlichkeit nicht und man kann sie auch über mehrere Wochen gut wieder absetzen.

Antidepressiva seien mittlerweile sehr modern, vor allem Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, die man im höheren Alter langsamer eindosieren müsse, die aber exzellent wirksam seien.

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Was tun, wenn sich depressive Menschen nicht helfen lassen wollen?

Die Antriebslosigkeit und negative Zukunftsperspektive einer Depression beziehen sich auch auf die Aufnahme einer Therapie. Die Schwelle sich Hilfe zu holen, ist für Betroffene daher riesig. Oft dominiere der durch die Depression vorgespiegelte Gedanke "es hilft sowieso nichts".

Ich kann nur ermutigen: Überschreiten Sie einmal die Schwelle, machen Sie einmal die Erfahrung, dass Profis Ihnen unter die Arme greifen, Sie an die Hand nehmen und da rausführen können.

Wichtig für Angehörige sei, sich bewusst zu machen, dass man nur bis zu einem gewissen Grad helfen könne. Man dürfe sich nicht selbst verzehren, um zu helfen. In diesem Fall muss man an Profis abgeben. Bei einer Depression sei man nie alleine krank, es betrifft immer ganze Familiensysteme. Deswegen sei es wichtig, dass Angehörige sich informieren und Hilfe holen, zum Beispiel auf der Webseite der Deutschen Depressionshilfe.

Depression ist heilbar. Das ist eine Episode. Eine Episode ist immer etwas zeitlich Begrenztes.

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