Mit ihrem Team gehörte die Notärztin Alice Eiserbeck vom Universitätsklinikum Ulm am Sonntagabend zu den Ersten, die bei dem Zugunglück in Riedlingen (Kreis Biberach) vor Ort waren. Dem SWR berichtete die Notärztin von herausfordernden Bedingungen bei dem Einsatz. Und von einem "Bild der Verwüstung", das sich am Unglücksort bot. Einen Einsatz in dieser Größenordnung, erzählt sie, habe sie in ihrer Zeit als Notärztin in Deutschland noch nicht erlebt. "Enorm geholfen" hat ihr eine erst kürzlich absolvierte Großübung in Ulm.
Notärztin zu Zugunglück: "Zusammenhalt der Rettungskräfte"
Alice Eiserbeck berichtet jedoch auch von einem besonderen Zusammenhalt der Rettungskräfte. Gerade die Feuerwehr habe eine "extrem großartige Leistung" vollbracht, "indem sie einfach erstmal den Zugang freigeschnitten hat, mit Motorsägen, mit schwerem Gerät, was auch relativ schnell da war."
SWR übertrug Gedenkgottesdienst am Freitag Nach Zugunglück bei Riedlingen: Bergung ist beendet
Drei Tage nach dem Zugunglück bei Riedlingen (Kreis Biberach) ist die Bergung der entgleisten Triebwagen und Waggons abgeschlossen. Am Freitag gab es einen Trauergottesdienst.
Erste Aufgabe der Notärztin: die Lage sichten
Die junge Notärztin und ihr Team leisteten Notfallversorgung. Ihre eigentliche Aufgabe als erste Notärztin sei es jedoch gewesen, zusammen mit dem Team, sich einen Überblick zu verschaffen. Das heißt: Zu schauen, wie viele Patientinnen und Patienten es gibt, wie viele davon schwer verletzt sind, wie viele noch im Zug eingeschlossen sind, wie viele eingeklemmt. Das Ziel: "Sich erst einmal - so schnell wie möglich - ein Bild zu machen. Und das dann rückzumelden an die Leitstelle, um dann von den übergeordneten Stellen weitere Koordinationen zu bekommen."
Von Terrorübung an der Uniklinik Ulm "profitiert"
Solche "Lagen" werden regelmäßig trainiert: An der Uniklinik Ulm, in der Unfallchirurgie, habe es erst kürzlich eine große Terrorübung gegeben, in der ähnliche Situationen geübt wurden, erzählt Alice Eiserbeck. Und zwar im Rahmen einer Großübung in Ulm, rund um das weitgehend leerstehende Einkaufszentrum Blautalcenter.
Im Mittelpunkt steht bei solchen Übungen das sogenannte Triage-System: Wenn in der Notaufnahme einer Klinik, etwa nach einer Massenkarambolage, eine Vielzahl schwerst verletzter Patienten ankommt, muss innerhalb kürzester Zeit entschieden werden, welche als Erste behandelt werden - und welche zunächst nicht. "Diese Fähigkeiten, diese Struktur, dieses Triage-System, die Sichtungen, die Entscheidungen, die zu treffen sind, das sind natürlich Sachen, die einem auch draußen vor Ort enorm helfen." Davon habe sie profitieren können, sagt Notärztin Alice Eiserbeck.
Wenn man sieht, wie gut die Prozesse, die man übt, funktionieren, das ist einfach toll.
Das bestätigt auch Oberarzt-Kollege Simon Bauknecht von der Uniklinik Ulm. Er war am Abend des Zugunglücks der leitende Arzt. Gegen 19 Uhr habe er von dem Unglück erfahren, erzählt er dem SWR. "Wir gingen von schwerverletzten Patienten aus, dementsprechend haben wir Personal alarmiert und angefordert und die Klinik auf die Herausforderung vorbereitet." Innerhalb kurzer Zeit standen mehr als 120 Beschäftigte zusätzlich zur Verfügung.
Oberarzt Uniklinik: Trainierte Abläufe haben funktioniert
Für Oberarzt Simon Bauknecht auch ein Beweis dafür, dass die Abläufe, die bei den Notfall-Übungen trainiert werden, funktionieren. "Wir sind total stolz: 120 Leute so schnell an einem Sonntagabend und teilweise auch aus dem Urlaub zu aquirieren, das ist einfach phantastisch." Wenn man sehe, wie gut die Prozesse, die man übt, dann funktionierten, das sei einfach toll. Die Konzepte, die erst vor wenigen Monaten geübt worden seien, hätten gegriffen. Erste Verbesserungen seien bereits umgesetzt worden. "Das machte einen stolz, wenn man sieht, dass man das als Team schafft."
Großübung in Ulm zu "Massenanfall von Verletzten"
Die Großübung mit Rettungskräften fand im Mai im weitgehend leerstehenden Blautalcenter in Ulm statt. Es sollte getestet werden, wie gut die Zusammenarbeit von Polizei, Rettungskräften und Kliniken bei Einsatzlagen mit vielen Toten und Verletzten funktioniert. In der Fachsprache heißt das "Massenanfall von Verletzten", kurz: MANV. Dabei geht es um schnelle Entscheidungen, um die Klassifizierung von Verletzten. Bei der Großübung im Blautalcenter ging es um ein Bedrohungsszenario durch bewaffnete Täter. Beteiligt waren insgesamt 1.100 Polizisten, Rettungskräfte und Klinikbeschäftigte - darunter auch die Ulmer Uniklinik-Ärzte Alice Eiserbeck und Simon Bauknecht.
Polizei sieht leichte Verbesserungspotentiale Großübung in Ulm: Rettungskräfte, Kliniken und Polizei ziehen positive Bilanz
Polizei, Hilfsorganisationen und Kliniken aus dem Raum Ulm ziehen eine positive Bilanz der Großübung vom Samstag. Dies berichten alle beteiligten Organisationen übereinstimmend.