Verlässlich von A nach B kommen - das soll mit einem funktionierenden Nahverkehr für alle Menschen möglich sein. Dieses Ziel hatte sich die Landesregierung gesetzt. Alle Ortschaften im Land sollten bis 2026 von 5 Uhr bis Mitternacht angebunden sein. Doch in manchen Teilen Baden-Württembergs ist es schwer, nach der Spätschicht oder dem Fußballtraining gut mit Bus oder Bahn nach Hause zu kommen.
Das SWR Data Lab hat Fahrpläne im gesamten Land analysiert, um zu sehen, wie gut die Gemeinden aktuell versorgt sind.
In Randzeiten, also früh morgens und spät abends, sind Städte meist besser angebunden als ländliche Regionen. Verkehrsforscher Alexander Graf von der Hochschule Karlsruhe nennt das “Konzentrationswirkung”: "Eine flächendeckende Abdeckung mit Bus und Bahn ist kaum realistisch, die Lücken müssen dann On-Demand-Angebote füllen." Dazu zählen beispielsweise Ruftaxis und Rufbusse. Sie fahren nur nach vorheriger Bestellung, aber transportieren idealerweise mehrere Fahrgäste gleichzeitig. In den analysierten Fahrplänen werden diese nicht immer aufgeführt.
Ruftaxis schließen Lücken nur teilweise
Seit einem Jahr gibt es auch in Böllen, einem 100-Einwohnerdorf im Kreis Lörrach, einen Rufbus. Laut SWR-Datenanalyse hat Böllen eine der schlechtesten Busverbindungen in Baden-Württemberg. Ein Linienbus fährt den Ort werktags vier Mal an, der letzte macht um 17:30 Uhr Halt.
Für die meisten Bewohner sei das dennoch kein Problem, sagt die Bürgermeisterin Susanne Broghammer. Man sei es dort gewöhnt, aufs Auto angewiesen zu sein. Für die Schüler würden zudem Schulbusse fahren. Zwischen 18 und 21 Uhr fährt mittlerweile ein Rufbus.
Die Lücken im Fahrplan werden auch andernorts unterschiedlich gut durch On-Demand-Angebote geschlossen: Der Salacher Bürgerbus (Kreis Göppingen) beispielsweise muss 48 Stunden im Voraus bestellt werden und verkehrt nur drei Tage die Woche. Das Ruftaxi im Kreis Calw hingegen kann noch eine halbe Stunde vor Fahrtantritt bestellt werden und fährt täglich bis spät abends.
Fahrgastverband fordert Ausbau des On-Demand-Angebots
Damit On-Demand-Angebote wirklich akzeptiert und genutzt werden, müssten sie noch weiter ausgebaut werden, so Gero Treuner, bahnpolitischer Sprecher im Landesverband des Verkehrsclubs Deutschland (VCD): Das Angebot müsse barrierefrei sein und auch mit Gepäck funktionieren, die Buchung müsse vereinfacht und die Fahrzeiten an Anschlusszüge und -busse angepasst werden.
Teilorte abgeschnitten: Nahverkehr endet im Ortskern
Auch wenn eine Gemeinde in den Randzeiten ans ÖPNV-Netz angeschlossen ist, profitieren davon nicht immer alle, die dort wohnen. Das zeigt ein beispielhafter Blick auf Herbertingen, eine Gemeinde mit fast 5.000 Einwohnern im Kreis Sigmaringen.
Da die Fahrpläne auf Gemeindeebene analysiert wurden, wird Marbach in der Karte genauso eingestuft wie Herbertingen - mit einer letzten Ankunft gegen Mitternacht. Dieses Beispiel zeigt: In der Realität könnten also noch weit mehr Menschen früh am Abend vom ÖPNV abgeschnitten sein.
Morgens fast flächendeckende Versorgung
Auch morgens will die grün-schwarze Landesregierung eine flächendeckende Versorgung sicherstellen: Alle Orte Baden-Württembergs sollen ab 5 Uhr morgens an Bus oder Bahn angebunden sein.
Ziele zum Ausbau des Nahverkehrs von 2026 auf 2030 verschoben
Im Jahr 2021 hatten CDU und Grüne eine Mobilitätsgarantie in ihrem Koalitionsvertrag verankert. Sie beinhaltet, dass alle Ortschaften von 5 bis 24 Uhr mit dem ÖPNV erreichbar sein sollen. Bezahlen müssten den Ausbau jedoch vor allem die Landkreise, so Treuner vom VCD-Landesverband. Auch Joachim Barth, Landesvorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn, sieht die Finanzierung als “größtes ungelöstes Problem” an.
Mittlerweile hat die Landesregierung das ursprünglich gesetzte Ziel von 2026 auf 2030 verschoben. Nach Angaben des Verkehrsministeriums geschah dies aufgrund von Kostensteigerungen nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und Personalmangel.
Auf SWR-Anfrage erklärt das Ministerium weiter, dass das ÖPNV-Angebot sich in den letzten Jahren deutlich verbessert habe, jedoch weitere Anstrengungen erforderlich seien. Ob die angestrebten Verbesserungen bis 2030 erreicht werden können, bleibt aber offen: Aufgrund der "dramatischen Haushaltslage" sei die nötige Finanzierung durch Land und Kommunen bislang nicht gesichert.