Der 77-jährige Ernst Willi Giersen wartet in Ockenfels (Kreis Neuwied) auf den Bus. Mit der ÖPNV-Versorgung seines Ortes ist er nicht zufrieden. Vor allem ältere Menschen seien im Alltag auf Freunde oder ein Taxi angewiesen. Denn in Ockenfels gibt es keinen Supermarkt und keine Apotheke.
So wie in Ockenfels sieht es in vielen rheinland-pfälzischen Gemeinden aus, die früh vom öffentlichen Nahverkehr abgeschnitten sind. Das zeigen landesweite Fahrplandaten, die das SWR Data Lab analysiert hat.
In Randzeiten, also früh morgens und spät abends, sind die Städte meist besser angebunden als Gemeinden auf dem Land. Verkehrsforscher Alexander Graf von der Hochschule Karlsruhe nennt das "Konzentrationswirkung": "Eine flächendeckende Abdeckung mit Bus und Bahn ist kaum realistisch, die Lücken müssen dann On-Demand-Angebote füllen." Dazu zählen beispielsweise Ruftaxis und Rufbusse. Sie fahren nur nach vorheriger Bestellung, aber transportieren idealerweise mehrere Fahrgäste gleichzeitig. In den analysierten Fahrplänen werden diese nicht immer aufgeführt.
Ruftaxis schließen Lücken nur teilweise
Oft fehle laut Graf dabei die Verknüpfung mit den gängigen Angeboten der Nahverkehrsbetriebe, das mache die Buchung kompliziert. Die Lücken im Fahrplan werden durch Rufbusse und -taxis unterschiedlich gut geschlossen: In Eich (Kreis Alzey-Worms) ist der Bürgerbus kostenlos, aber er muss einen Tag im Voraus bestellt werden und fährt nur dienstags und donnerstags. Ruftaxen in Speyer hingegen sind täglich bis in die Nacht unterwegs und können noch 30 bis 60 Minuten vor der Fahrt bestellt werden.
Laut Rupert Röder vom Landesverband des Verkehrsclubs Deutschland könnten On-Demand-Angebote zwar Lücken schließen und eine rudimentäre Mobilität aufrechterhalten. Sie beruhten jedoch zum Teil auf ehrenamtlichen Angeboten, ihre Nutzung sei schlecht planbar und sie seien für den Alltag nicht geeignet.
Auch bei Ernst Willi Giersen in Ockenfels fährt zusätzlich zum Bus ein Sammeltaxi, das sei laut Ortsbürgermeister Torsten Müller aber teuer für die Gemeinde. Zum neuen Schuljahr soll der Takt der Busverbindung deshalb erhöht werden.
Mehr ÖPNV in den Morgenstunden, weniger am Sonntag
Unter der Woche fährt in fast allen Gemeinden vor sieben Uhr ein Bus oder eine Bahn. Am Wochenende starten aber viele Verbindungen später. So sind sonntags um neun Uhr etwas mehr als die Hälfte aller Gemeinden an den ÖPNV angeschlossen.
Laut ÖPNV-Forscher Graf zeige sich hier der Unterschied zwischen Stadt und Land wieder besonders stark: "In Großstädten gibt es zum Teil wirklich gute Sonntagsangebote, aber auf dem flachen Land manchmal gefühlt nahezu Nullversorgung."
Teilorte abgeschnitten: Nahverkehr endet im Stadtkern
Auch wenn eine Gemeinde in den Randzeiten oder am Wochenende ans ÖPNV-Netz angeschlossen ist, profitieren davon nicht immer alle, die dort wohnen. Das zeigt ein beispielhafter Blick auf Zweibrücken, eine Stadt an der Grenze zum Saarland.
Die Anbindung kann innerhalb einer Gemeinde demnach sehr unterschiedlich sein. Das kritisiert auch der Landesvorsitzende des Fahrgastverbandes Pro Bahn, Noah Wand (Anmerkung der Redaktion: Wand ist auch Kreisvorsitzender der FDP Vulkaneifel). Zwar habe sich die ÖPNV-Anbindung im ländlichen Raum merklich verbessert, Buslinen würden jedoch häufig an den Nutzenden “vorbeigeplant”. So würden viele Linien nicht in Industriegebiete fahren und nicht zu den Arbeitszeiten im Schichtdienst passen.
Da die Fahrpläne auf Gemeindeebene analysiert wurden, wird Rimschweiler in der Karte jedoch genauso eingestuft wie Zweibrücken - mit einer letztmöglichen Ankunft gegen Mitternacht. Dieses Beispiel zeigt: In der Realität könnten also noch weit mehr Menschen schon früh am Abend vom ÖPNV abgeschnitten sein.
Landesnahverkehrsplan soll ÖPNV verbessern
Die rheinland-pfälzische Landesregierung plant, den öffentlichen Nahverkehr durch den vor kurzem veröffentlichten Landesnahverkehrsplan zu verbessern. Demnach sollen Bus und Bahn landesweit einheitlich bereits früh am Morgen und bis spät in den Abend fahren. Die angestrebten Betriebszeiten unterscheiden sich je nach Verkehrsmittel und Region.
Das Umweltministerium weist auf SWR-Anfrage auf bereits umgesetzte Verbesserungsmaßnahmen hin. Dennoch sei beispielsweise “ein Sonntagsangebot in allen Gemeinden wünschenswert”. Die notwendige Erhöhung der ÖPNV-Ausgaben für 2025 und 2026 sei "ein absoluter Kraftakt" gewesen, so das Ministerium – vor allem, weil Gelder vom Bund fehlten. Das Land finanziere bereits regionale Buslinien. Für weitere Linien seien die Landkreise und kreisfreien Städte verantwortlich.