Zu Besuch bei einer Männergruppe in Stuttgart

Die Krise der Männlichkeit: Wann ist ein Mann ein Mann?

Harte Kerle, Softies, Frauenhasser, Frauenversteher. Wer definiert heute eigentlich, was männlich ist? Jeder Mann selbst, finden Männer aus der Männergruppe ManKind Project.

Teilen

Stand

Von Autor/in Daniela Diehl

Social Media ist voll mit toxischer Männlichkeit, Männern, die emotional isoliert sind, Männern, die zu soft sind oder nicht soft genug. Jungen werden schon in der Schule abgehängt, studieren deutlich seltener als Mädchen. Männlichkeit in der Krise - wie soll man heutzutage sein als Mann? Männergruppen wie das ManKind Project bieten einen geschützten Raum, um sich mit der eigenen Rolle als Mann auseinanderzusetzen.

Nähe statt Wettkampf

Michael Sudahl, 52 Jahre alt und Männercoach, ist seit Jahren Teil einer Männergruppe im Raum Stuttgart. Eine zentrale Lektion, die er dort gelernt habe, sei es, Hilfe anzunehmen. "Ich muss nicht alles alleine schaffen. Es ist okay, Unterstützung zuzulassen", sagt er. Auch körperliche Unterstützung.

Vor dem Interview rückt er seinen Stuhl näher an den von Terje Lange, legt seine Hand auf dessen Bein, um ruhiger zu werden. Vor seiner Arbeit in Männergruppen hätte er das niemals gemacht. Er habe 20 Jahre lang Handball gespielt, "da ging es eher darum, wie kann ich einem Mann eine verpassen, ihn stoppen. Nicht darum, wie ich auf eine Weise Kontakt habe, die mich dann auch emotional nährt."

Initiation: Eine Mutprobe der anderen Art

Mit Terje Lange zusammen hat er vor 15 Jahren sein Initiationswochenende erlebt, ein zentraler Bestandteil des ManKind Projects. Initiation - das klingt erstmal patriarchalisch, nach fiesen Mutproben, wie man sie aus Filmen kennt. Doch es geht um etwas ganz anderes, erklärt Terje Lange, Jugendhausleiter in Stuttgart-Degerloch. "Es geht darum, sich selbst zu zeigen - mit all seinen Schwächen, Verletzlichkeiten und ungelösten Themen." Männer lernten, sich nicht länger hinter der Fassade des "Supermanns" zu verstecken, sondern sich als sensibles und verletzliches Wesen zu akzeptieren.

Männer unter sich

Die regelmäßigen Treffen der Männergruppen - meist einmal im Monat für drei Stunden - bieten Raum, diese Erkenntnisse zu vertiefen. Die Teilnehmer sprechen offen über ihre Gefühle, Ängste und Herausforderungen. Warum das in reinen Männergruppen stattfindet? "Meine Erfahrung ist so, dass Männer auch erstmal einen Raum brauchen, wo sie sich so sicher fühlen, dass sie wirklich hinschauen können", sagt Terje Lange.

Michael Sudahl ergänzt, es sei eine andere Energie im Raum, wenn auch Frauen dabei seien. "Vielleicht finde ich die auch sexuell interessant." In einer gemischten Gruppe wäre er abgelenkt, würde sich eher im Außen orientieren. "Unter Männern kann ich mich besser auf mich selbst konzentrieren", sagt Sudahl.

Krisen als Chance nutzen

Bei den meisten Männern ist es ein Wendepunkt im Leben, der sie in die Männergruppe bringt. Wie Burnout oder Scheidung. Altersmäßig sei es ganz unterschiedlich, auch bei den Berufen sei die Bandbreite groß. Timo Grau ist heute mit 38 der Jüngste in der Runde. Der Schulsozialarbeiter kam eher zufällig über einen Freund in die Gruppe.

Dranzubleiben, immer wieder hinzugehen, erfordere Mut:  "Sich seinen Gefühlen zu stellen, ist eine der härtesten Aufgaben", sagt er. Es sei viel schwerer, mit Ohnmacht konstruktiv umzugehen, als in typische Rollenmuster zu verfallen. Den starken Mann zu markieren, aggressiv zu sein.

Traditionelles Männerbild wieder weit verbreitet

Doch genau dieses Rollenvorbild ist aktuell vor allem auf Social Media weit verbreitet. Tristan Horx ist Zukunftsforscher und Dozent an der SRH Hochschule Heidelberg. Die Beliebtheit traditioneller Männerbilder erklärt er so: "Wenn mir erzählt wird, ich hätte früher mehr Macht gehabt und jetzt gehe es mir schlechter, dann erscheint es rational, zu diesem Zustand zurückzukehren." Dass dieser Zustand für alle - auch für Männer - schädlich war, wüssten die Jungs nicht. Es wurde ihnen nie vermittelt.

Social-Media-Verbote könnten helfen

Horx findet Social-Media-Verbote bis 14 oder 16, wie sie mehrere Länder eingeführt haben, positiv. Um Jungen vor der Manosphere und den dortigen Männlichkeitsinfluencern zu schützen. Das Männlichkeitsbild jedes einzelnen könne nur so gut sein wie es die Gesellschaft vorlebe. "Und da haben wir versagt", findet Horx. Auch Terje Lange sieht in seiner täglichen Arbeit im Jugendhaus Degerloch, dass es für Jungs aktuell viel normaler ist, traditionelle Rollenbilder zu bedienen, einen auf stark zu machen.

Als Junge sozialisiert zu werden, heißt, Gewalt ist für dich normal. Und es ist ein großes Risiko, dich verletzlich zu zeigen.

Zuzugeben, dass man Schläge bezogen habe, nicht stark genug gewesen zu sein, das sei toxisch für Jungen. "Schwachsein stellt dich als Junge infrage, dann bist du kein richtiger Junge", sagt Terje Lange. Um Unterstützung und Trost zu bitten, sei unter Männern selten. Und deshalb gefährlich, weil dann direkt der Vorwurf komme, kein echter Mann zu sein.

Männergruppe des ManKind Projects
Nähe zuzulassen, ist ganz selbstverständlich für die Männergruppe des ManKind Projects

Keine echten Kerle, oder gerade doch?

Männergruppen wie ihre würden Männer weich, weinerlich, unmännlich machen. Diesen Vorwurf hören sie oft. Genau das Gegenteil sei richtig. Seine Gefühle zu kennen und damit umgehen zu können, das sei männlich, sagt Michael Sudahl. Und gibt gleich ein Beispiel: Wenn er Frust im Job habe und aus Angst und Ohnmacht nichts sage.

Dann nehme er das Gefühl mit nach Hause. Und lasse die Wut dort raus. In der Männergruppe sprächen sie über solche Situationen. Und fänden Wege, Wut und Ohnmachtsgefühle im Job dort zu äußern. Und das "ist alles andere als ein weicher, weinerlicher Mann, sondern das ist jemand, der eine Haltung hat", sagt Surdahl.

Für die nächste Generation muss das besser werden

Für die nächste Generation müsse das leichter werden, findet Zukunftsforscher Tristan Horx. Damit die sich nicht ständig fragen müsse, wie hart ein Mann zu sein habe. Vorbilder sollten immer aus dem echten Leben kommen, nicht aus Social Media. Die Jungen bräuchten Trainer, Lehrer, ältere Jungs, zu denen sie aufschauen können. Die aber keine performative Männlichkeit vor sich hertragen. Genau das bieten die Männergruppen des ManKind Projects, finden die Stuttgarter Männer.

Alle drei haben Söhne. Welches Männerbild wollen sie denen vorleben? Terje Lange wünscht sich, dass seine Söhne lernen, dass es okay ist, auch mal etwas nicht zu können. Und trotzdem geliebt und gewertschätzt zu werden. Und Timo Grau wünscht sich für seinen Sohn: "Dass er der Mann ist, der er sein möchte. Ohne Einschränkungen." Das sei die Grundphilosophie ihrer Männerarbeit. Wie das geht, besprechen sie regelmäßig bei ihren Treffen.

Konstanz

Nach Epstein, Fakepornos und Pelicot Männer demonstrieren gegen Gewalt an Frauen in Konstanz

In Konstanz haben am Samstag Männer ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen gesetzt. Mitinitiator der Demonstration ist ein Konstanzer Lehrer und Social-Media-Influencer.

SWR Aktuell Baden-Württemberg mit Sport SWR BW

Männlichkeit in der Krise? Auf der Suche nach einer neuen Identität

Männer scheinen nicht zu wissen wohin mit sich, besonders im Umgang mit Frauen. Wie die Krise der Männlichkeit zu stoppen ist.

Sonntagmorgen SWR1

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Daniela Diehl
SWR-Redakteurin und -Reporterin Daniela Diehl

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!