Gefühlt ist ganz Stuttgart eine Baustelle. Nicht nur am Hauptbahnhof wird gebaut, sondern auch an vielen anderen Stellen der Landeshauptstadt.
"Uns geht es nicht schlecht, wir haben genug zu tun", erzählt ein Bauingenieur, der seinen Namen nicht nennen möchte. Angst um seinen Arbeitsplatz habe er nicht. Es sei einfach so, dass die Branche in den vergangenen Jahren sehr viel mehr zu tun gehabt habe, als sie hätte abarbeiten können. Jetzt sei es zwar ruhiger, aber das heiße nicht, dass nichts zu tun sei.
Wohnungsbau lohnt sich nicht
Der Mittvierziger arbeitet für ein Ingenieurbüro und ist derzeit auf der Großbaustelle des neuen Hauptbahnhofs Stuttgart 21 eingesetzt. Obwohl er sich nicht um seine Zukunft sorgt, sieht er dennoch Fehler in der Baupolitik. Das große Thema sei der Wohnungsbau.
"Es rentiert sich nicht, Häuser zu bauen und zu vermieten. Solange es sich wirtschaftlich nicht rentiert, macht es niemand. Das Risiko geht keiner ein, wenn man daran nichts verdienen kann", analysiert der Bauingenieur.
Baubranche in BW verzeichnet seit Jahren Umsatzrückgänge
Und so setzte sich auch 2024 laut Statistik die Talfahrt der Bauwirtschaft in Baden-Württemberg fort. Um 1,5 Prozent ist der Umsatz vergangenes Jahr gesunken.
Das vierte Jahr in Folge hatte die Branche nach Angaben des Verbandes der Bauwirtschaft Baden-Württemberg einen realen Umsatzrückgang. Vor allem verursacht durch immer weniger Wohnungsbau, rechnet Hauptgeschäftsführer Thomas Möller vor. Vor dem Krieg in der Ukraine seien bundesweit noch 350.000 neue Wohnungen entstanden, zuletzt sei die Zahl aber abgesunken auf unter 200.000 Wohnungen.
Ähnlich sei die Lage in Baden-Württemberg. "Wir brauchten über 50.000 neue Wohnungen im Jahr aufgrund der Entwicklung. Und wir waren dann bei 35.000 Wohnungen, wenn überhaupt", klagt Verbandschef Möller.
Noch Anfang des Jahres erwartete die Bauwirtschaft auch für 2025 Auftragsrückgänge. Dann kam die Ankündigung des 500 Milliarden Euro Infrastrukturpakets der Bundesregierung und eines sogenannten "Bau-Turbos". Doch das hat bei den Bauunternehmern in Baden-Württemberg die Sektkorken nicht knallen lassen. Verbandsgeschäftsführer Möller jedenfalls bleibt skeptisch.
Das ist ein Hoffnungsschimmer, dass die Bundesregierung anerkennt, dass wir Gelder in die Infrastruktur stecken müssen. Aber die sind noch längst nicht da!
Bauen muss schneller und einfacher werden
Bei den Baufirmen sind die Infrastrukturmittel jedenfalls noch nicht angekommen. Stattdessen drohe viel mehr, dass viel Geld für Bürokratie und lange Bauplanung ausgegeben werde, fürchtet Möller.
Bei einem normalen Straßenbauprojekt gingen 85 Prozent der Umsetzungszeit in die Planung- und Genehmigungsphase und nur 15 Prozent in die Bauphase. "Da ist was falsch", klagt Möller.
Durch den von der Bundesregierung geplanten "Bau-Turbo" soll genau das sich ändern. Planungsprozesse in den Kommunen sollen dadurch vereinfacht und beschleunigt werden.
Die Branche hofft nun, dass es auch klappt. Die Verfahren müssten verkürzt und die Mittel so verwendet werden, dass sie wirklich dort ankommen, wo sie gebraucht würden, fordert Möller. Das Geld müsste fürs Bauen verwendet werden und dürfe "nicht im Planungsdschungel versickern".
Mieterbund fordert mehr neue Wohnungen Kampf gegen Wohnungsnot: 600 Wohnungen in BW durch Prämie wieder vermietet
In den vergangenen fünf Jahren sind hunderte Wohnungen nach langem Leerstand wieder vermietet worden. Dafür gab es eine Prämie vom Land, wie das zuständige Ministerium mitteilt.
Mehr Arbeitsplätze - trotz schlechter Konjunktur
Trotz der schlechten Baukonjunktur gab es in den vergangenen Jahren in Baden-Württemberg aber nur wenige Pleiten von Baufirmen. Die Zahl der Mitarbeiter sei sogar auf über 100.000 gestiegen, sagt der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes.
Die Firmen wollten in Zeiten des Fachkräftemangels gute Mitarbeiter halten - in der Hoffnung, dass der "Bau-Turbo" zündet - und die Konjunktur am Bau wieder anzieht.