Auf deutschen Feldern wird es still, denn immer mehr Vögel verlieren ihren Lebensraum. Landwirt Tobias Olbrich aus Herrenberg (Landkreis Böblingen) erinnert sich an seine Kindheit: "Wenn wir mit dem Schlepper am Feld lang gefahren sind, dann kam es regelmäßig vor, dass die Rebhühner vorne über den Weg geflattert sind". Dass das heute immer seltener passiert, deckt sich mit einem Bericht des Bundesamtes für Naturschutz: Die Bestände des Rebhuhns sind in den letzten zwei Jahrzehnten um fast 70 Prozent zurückgegangen. Das Rebhuhn und andere Vögel sind heute vom Aussterben bedroht.
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Für den Vogelschutz: Landwirt verzichtet auf Ernte
Auf Olbrichs Feldern können die Rebhühner noch leben. Der Landwirt gibt sich dafür viel Mühe. Zwei kleinere Äcker und Teile seiner Wiesen hat er brachgelegt. Statt Weizen und Raps sät er dort Blumen, die Insekten anlocken. Die kann das Rebhuhn fressen, genauso wie Blattläuse oder Schnecken, die Pflanzen schaden. Wichtiger ist aber für den Landwirt, dass sich Nützlinge und Schädlinge die Waage halten - sie fühlen sich dort wohl, wo auch das Rebhuhn gerne lebt.
Ich glaube, wir sind kurz davor, diese Vogelart ganz zu verlieren.
Doch Olbrich nimmt dafür ein Risiko auf sich: Der Acker für die Rebhühner ist etwa eineinhalb Fußballfelder groß - und wirft keine Ernte ab. Keimen seine Blumen nicht, muss er nochmal Saat beschaffen, den Acker umwälzen und neu säen. Ein unkalkulierbarer zeitlicher Aufwand, sagt er. Für Olbrich ist es die Mühe wert. In seinem Ort gebe es nur noch ein oder zwei Rebhuhnpaare. "Ich glaube, wir sind kurz davor, diese Vogelart ganz zu verlieren", sagt Olbrich.
Naturschutz messen: Vogelarten verschwinden in Baden-Württemberg
Olbrich liegt mit seiner Einschätzung richtig. Das Rebhuhn ist in Baden-Württemberg vom Aussterben bedroht, genauso wie der Kiebitz und die Grauammer. Sie gehören zu elf ausgewählten Feldvogelarten, die laut Biologen empfindlich auf Veränderungen der Landschaft reagieren.
Deswegen lesen Forscher wie Rainer Dröschmeister an ihnen den Zustand der Natur ab. Der Biologe im Bundesamt für Naturschutz bezeichnet sie als "Fieberthermometer der Natur". Gibt es weniger der Vögel, steigt das Fieber.
Allerdings leben nicht alle Vögel überall. Dröschmeister erklärt: "Bestimmte Lebensräume wie Feuchtwiesen gibt es zwar überall in Deutschland, aber nur in Norddeutschland nehmen sie große Flächen ein. Deswegen finden Arten wie Uferschnepfe oder Braunkehlchen vor allem dort geeignete Lebensbedingungen und kommen dort natürlicherweise häufiger vor."
Sieben von elf Arten verlieren Lebensraum
Doch sichere Lebensräume, wie die Wiesen von Landwirt Olbrich, werden für die in Baden-Württemberg heimischen Vögel immer weniger. Das zeigt die Datenanalyse des SWR Data Lab.
Traktoren und Füchse: Bodenbrüter besonders gefährdet
Manche Arten trifft es härter als andere in Baden-Württemberg. Im Ostalbkreis etwa sind das Braunkehlchen, das Rebhuhn und der Kiebitz verschwunden. Armin Dammenmiller vom Naturschutzbund (NABU) im Ostalbkreis kennt die Gründe vor Ort: "Ackerflächen wurden so zusammengelegt, dass Bauern sie einfacher bewirtschaften können". Feldränder mit Hecken und Wiesen werden dann weniger. Das bedeutet für die Feldvögel weniger Verstecke vor Feinden und auch weniger Insekten zum Fressen. Außerdem seien die Felder mit Giften belastet: Es würde nämlich größtenteils Mais angebaut, für den besonders viele Pestizide gesprüht würden.
Die Folge: Das Braunkehlchen verlor zwischen 2009 und 2022 rund 80% der Lebensräume, in denen es 2005 bis 2009 noch zu finden war. Die Grauammer ist von sieben von zehn ursprünglichen Brutflächen verschwunden. Das Rebhuhn von etwa einem Drittel.
Die drei haben laut der NABU-Ornithologin Christine Mödinger eines gemeinsam: Alle drei sind Bodenbrüter. "Damit sind sie besonders anfällig für Fressfeinde, aber auch für die Bewirtschaftung." Das heißt: Werden ihre Nester tagsüber nicht von den Maschinen der Landwirte überfahren, werden sie womöglich nachts von Füchsen gefressen, weil moderne Felder zu wenig Deckung bieten.
Doch andere Vogelarten kommen auf den Feldern besser zurecht. Der Neuntöter, Star und Mäusebussard haben in Baden-Württemberg sogar Lebensräume hinzugewonnen. Laut NABU-Expertin Mödinger könne das daran liegen, dass die drei in Bäumen oder Hecken brüten. In der Nähe von Feldern gebe es genug davon. Ihre Beute finden sie auf den intensiv genutzten Feldern: Mäuse und kleine Reptilien.
Landwirtschaft im Wandel: drastische Folgen für die Vögel
Der hohe Preisdruck zwingt Bauern in ganz Deutschland, ihre Felder zu vergrößern. Bauer Olbrich erklärt: "Das ist aus unserer Sicht absolut notwendig, um mit den Weltmarktpreisen mitzuhalten. Aber der Nachteil war dann, dass es weniger Rückzugsfläche für die Feldvögel gab." Dass Naturschutz sich seit Jahrzehnten finanziell nicht rechnet, hat für manche Vogelarten drastische Folgen.
Politische Maßnahmen zeigen Wirkung
Naturschützer und engagierte Landwirte wie Tobias Olbrich versuchen, die heimischen Feldvögel vor dem Aussterben zu bewahren - in Tübingen sogar mit Erfolg. Dort legt die Initiative Artenvielfalt Neckartal ebenfalls Kräuter- und Blumenwiesen für Rebhühner an und konnte den Kiebitz in die Region zurückholen. Dafür legten die Naturschützer in den trockenen Böden Pfützen an, in denen junge Kiebitze nach Würmern stochern konnten.
Damit Landwirte wie Olbrich die Mühen auf sich nehmen und keine finanziellen Verluste beklagen müssen, bekommen sie eine für fünf Jahre festgelegte Aufwandsentschädigung aus einem Naturschutz-Projekt des Landes.
Hintergrund ist die "Verordnung zur Wiederherstellung der Natur" der Europäischen Union. Sie gibt vor, dass die elf ausgewählten Vogelarten bis 2030 wieder häufiger vorkommen sollen. Die Bundesländer müssen regelmäßig über den aktuellen Stand berichten.
Dass Maßnahmen wie diese die Ziele erreichen können, zeigt der Vorgänger der Verordnung von 1979. Die damalige Vogelschutzrichtlinie des Europäischen Parlaments schützte laut einer europaweiten Studie des NABU Deutschland vor allem Arten wie den Seeadler, Schwarzstorch und die Wiesenweihe.
Ob Feldvögel auf eine ähnliche Entwicklung hoffen können, hängt davon ab, ob Landwirte, Behörden und alle, die im Lebensraum der Vögel unterwegs sind, Naturschutzmaßnahmen einhalten.