12,82 Euro pro Stunde - das ist der gesetzliche Mindestlohn. Noch. Nach einem aktuellen Beschluss der Mindestlohnkommission soll dieser ab dem Jahr 2026 auf 13,90 Euro, ab 2027 auf 14,60 Euro steigen.
Im reichen Baden-Württemberg bekommen laut Statistischem Landesamt derzeit rund 142.000 der 5,6 Millionen Beschäftigten den Mindestlohn. Besonders häufig in Branchen wie Gastronomie, Logistik, Einzelhandel und Gebäudereinigung. Auch wer online Essen bei einem der großen Anbieter per App bestellt, bekommt das häufig von Menschen geliefert, die für den Mindestlohn arbeiten.
Fahrradkurier in Stuttgart: Harte Arbeit für Mindestlohn
Seine Kollegen nennen ihn "Legend". Ein Spitzname, der Respekt ausdrückt. Denn obwohl "Legend" mit 63 Jahren der älteste im Team ist, gehört er zu den Schnellsten. 500 Lieferungen in einem einzigen Monat - das ist sein persönlicher Rekord, sagt er. "Legend" ist Fahrradkurier in Stuttgart - bei Hitze, Schnee und Regen - und das alles für den Mindestlohn.
"Legend" will seinen echten Namen nicht nennen. Zu groß ist die Sorge vor Stigmatisierung. Seit vielen Jahren liefert er mit seinem E-Bike Essen aus. An diesem Sommertag zeigt das Thermometer über 30 Grad im Schatten. Auf seinem Rücken: ein schwerer Rucksack voller Bestellungen.
"Das ist dann krass, gell?", sagt er und beschreibt seinen Alltag: Treppen hoch, Treppen runter, Rad abschließen, konzentriert durch den Stadtverkehr. Es sei ein gefährlicher Job. Ein Kollege wurde bereits von einem Auto erfasst und mitgeschleift, erzählt "Legend". Und das alles für 12,82 Euro pro Stunde.
Essen bestellen: Arbeitgeber zahlt Bonus statt Tarifvertrag
Während "Legend" einen der steilsten Anstiege in Stuttgart erklimmt, läuft ihm Schweiß über das Gesicht. Der Weg ist berüchtigt unter den Kurieren. Sie haben bei ihrem Arbeitgeber nach einem Zuschlag für die Höhenmeter gefragt - vergeblich, erzählt der 63-Jährige. Statt eines Tarifvertrags gibt es bei seinem Arbeitgeber ein Bonus-System: Wer viel liefert, bekommt mehr Geld.
Das Bonus-System klinge besser, als es sei, sagt Kollege Michael Jokusch. Er ist im Betriebsrat der Lieferfirma. "Der Computer entscheidet, wer wann welchen Auftrag bekommt. Man kann schnell fahren, aber dann wartet man ewig auf den nächsten Auftrag", erklärt Jokusch. Nachvollziehbar sei das System nicht.
Fahrradkuriere: Tarifbindung statt erhöhten Mindestlohn?
Fahrradkurier Michael Jokusch war zu Gast in der SWR-Sendung "Zur Sache! Baden-Württemberg". Dort sagte der Gewerkschafter, für ihn greife die aktuelle Debatte um den Mindestlohn zu kurz. Zwar begrüße er eine Erhöhung grundsätzlich, doch sehe er darin keine langfristige Lösung für seine Branche. "Für uns ist es wichtiger, einen Tariflohn zu bekommen. Der Mindestlohn bedeutet im Endeffekt für mich, dass der Arbeitgeber mir sagt: Eigentlich würde ich gern weniger bezahlen, ich darf aber nicht. Das ist die Aussage", ergänzt Jokusch in der Sendung.
SPD-Landeschef Andreas Stoch entgegnete, der Mindestlohn sei "die unterste Auffanglinie, weil wir Menschen, die arbeiten, aus der Armut raushalten wollen." Tarifverträge und Mindestlohn würden sich aus Stochs Sicht nicht gegenseitig ausschließen. Im Gegenteil: Durch Tarifabschlüsse seien die Löhne in unteren Einkommensgruppen gestiegen - und nicht nur wegen des gesetzlichen Mindestlohns, so Stoch.
Wirtschaftsministerin und IHK sehen Erhöhunge des Mindestlohns kritisch
Deutlich kritischer gegenüber der geplanten Mindestlohnerhöhung äußerte sich hingegen die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU). "Der Hochlohnstandort Deutschland wird damit für Investitionen weiter an Attraktivität verlieren", so die Ministerin.
Erhöhung in zwei Schritten Mindestlohn soll auf 14,60 Euro steigen: So reagieren Politik und Wirtschaft aus BW
Die Kommission hat entschieden, dass der Mindestlohn von 12,82 Euro pro Stunde in zwei Schritten auf 14,60 Euro erhöht wird. Vor- oder Nachteil für die Wirtschaft in BW?
Auch Susanne Herre, Hauptgeschäftsführerin der IHK Region Stuttgart, sieht in der geplanten Mindestlohnerhöhung keine ausreichende Antwort auf die aktuellen Herausforderungen. Die Lebenshaltungskosten in der Region seien schlicht zu hoch. Selbst ein höherer Mindestlohn könne das nicht auffangen, so Herre.
Für wen ein höherer Mindestlohn gelten soll und für wen nicht, auch darüber herrscht während der Sendung Uneinigkeit. Während Fahrradkuriere wie "Legend" und Michael Jokusch eine Tarifeingliederung fordern, gibt es auch Diskussion darüber, ob beispielsweise ausländische Erntehelfer ebenfalls den Mindestlohn erhalten sollen.
Wenn der Staat das Leben mitfinanzieren muss
Die Armutssicherung durch den aktuellen Mindestlohn kann Supermarktkassiererin Claudia Wanner nicht bestätigen. Denn auch sie arbeitet für den Mindestlohn - acht Stunden täglich. Sie ist pünktlich, freundlich, zuverlässig, so Wanner. Trotzdem reiche das Geld nicht zum Leben. Claudia Wanner muss aufstocken, ist angewiesen auf staatliche Unterstützung. Eine demütigende Situation, wie sie sagt.
Wanner hatte darauf gehofft, dass der Mindestlohn direkt auf 15 Euro angehoben wird. Dann käme sie auch alleine zurecht. "Das kann ich mir jetzt von der Backe schmieren, sagen wir es, wie es ist. Ich bleibe weiter arm, bin weiter auf staatliche Hilfe angewiesen und jetzt gucken wir mal, wie die Inflation sich weiterentwickelt", sagt sie.
Es sei nicht leicht. Man müsse schon sehr "schwäbische Hausfrau sein, um über die Runden zu kommen", erzählt Wanner während eines Workshops der Diakonie Württemberg in Stuttgart. Für sie sei die Debatte, ob der Mindestlohn weiter steigen sollte, Hohn: "Das ist zynisch. Menschenverachtend. Arm in einem reichen Land zu sein, das kickt doppelt."
Lieferdienst-Mitarbeiter "Legend" empfindet es als unfair, dass er für seine Arbeit nur den Mindestlohn bekommt. Der Fahrradkurier fordert deshalb: "Gerechter Lohn für harte Arbeit!"