Der langjährige Bahn-Manager Olaf Drescher hält angesichts der desolaten Lage des Schienenkonzerns einen radikalen Kurswechsel für nötig. Der 65-jährige Stuttgart-21-Projektleiter spricht sich im SWR-Videopodcast "Zur Sache! intensiv" dafür aus, sich vom staatlichen Eigner zu lösen.
Das jahrzehntelange Hin und Her bei der Strategie habe die Bahn letztlich in die derzeitige Misere geführt, sagte der Experte für Großprojekte. Zugleich forderte Drescher die Deutschen auf, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass die dringend nötige Sanierung der maroden Trassen in den nächsten zehn Jahren zu vielen Einschränkungen führen werde.
Manager sieht Bahn im Dilemma zwischen Gewinn und Gemeinwohl
"Man verlangt, dass wir als Bahn wirtschaftlich arbeiten, auf der anderen Seite verlangt man aber, dass die Bahn sich am Gemeinwohl orientiert. Das ist nicht miteinander zu verknüpfen, das muss man ganz deutlich sagen", sagte Drescher. "Man muss sich für eine Linie entscheiden, die kann man dann konsequent durchziehen." Er stellte klar: "Ich wäre für das Unternehmertum, weil ich glaube, dass Unternehmertum uns in der gesamten Wirtschaft voranbringt."
Zwar ist die Deutsche Bahn AG eine Aktiengesellschaft. Allerdings gehört das Unternehmen zu 100 Prozent dem Bund. Das heißt, sie ist zwar in staatlicher Hand und muss sich an politische Vorgaben halten, agiert aber nach wirtschaftlichen Grundsätzen. Drescher ist dafür, Anteile an private Eigner abzugeben.
Der Manager nahm in dem Videopodcast eine schonungslose Analyse der Lage der Bahn vor. Zu den Klagen über fehlende Pünktlichkeit, schlechten Service und die tiefroten Zahlen sagte er: "Das stimmt ja alles." Die Führungsriege der Bahn sei sich einig, dass es Reformen geben muss. "Wir müssen in der Tat sehr vieles ändern, damit wir wieder das Vertrauen der Menschen gewinnen, damit wir wieder wahrgenommen werden als ganz wichtiges Bindeglied in der Gesellschaft."
Stuttgart-21-Projektleiter nennt Strategie des Bundes "sehr diffus"
Drescher beklagte aber auch eine "sehr diffuse Eigentümerstrategie". Die Politik habe ständig neue Absichten gehabt. "Mal war es der Börsengang, mal war es die Internationalisierung." Nun konzentriere man sich wieder auf Deutschland und verkaufe alle möglichen Auslandsbeteiligungen. "Dann ist die Finanzierung der Infrastruktur seit Jahren ein Streitpunkt und ist immer noch nicht endgültig gelöst."
Drescher begrüßte es, dass der Bund der Bahn für die dringend nötige Sanierung von Schienentrassen bis 2029 100 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen zur Verfügung stellen will. Doch diese Aussicht sei für den Konzern immer noch zu kurzfristig, denn die geplanten Großprojekte zögen sich deutlich länger hin als vier bis fünf Jahre. "Für die gibt es keine Perspektive, keine konkrete Beständigkeit in der Finanzierung."
Bahn-Manager warnt: Geld aus Sondervermögen könnte verbrannt werden
Die Politik verdränge immer wieder, dass die Bahn und die Unternehmen für die Sanierungsprojekte einen langen Planungsvorlauf bräuchten. "Man vergisst immer bei solchen Sachen, dass man nicht einfach die Schippe in die Hand nimmt und jemand Geld in die Hand drückt und dann fängt die Arbeit an."
Derzeit kranke Deutschland daran, "dass wir genau diese Ingenieurskapazität nicht haben. Wir arbeiten also teilweise mit sehr, sehr spärlichen Plänen. Die Fachleute sind nicht da, auch in der Industrie sind sie teilweise nicht da." Das bedeute im Umkehrschluss, dass es kaum Wettbewerb unter den Unternehmen gebe, die sich für Sanierungen bewerben. "Deswegen besteht immer die Gefahr, dass auch vieles durch den Kamin geht, was einfach nur die Teuerungsrate betrifft", sagte Drescher.
Drescher hält Sanierung von maroden Trassen für alternativlos
Um den Wettbewerb wieder herzustellen, müssten die Firmen langfristig in Personal investieren. "Und das machen sie nur dann, wenn die langfristige Perspektive da ist. Und vier Jahre sind da zu wenig." Drescher geht davon aus, dass die Bahn ihre Sanierungsprojekte noch stärker priorisieren muss, um das Geld bis 2029 verbauen zu können. "Die Sanierung ist fast alternativlos. Wir müssen etwas tun." Er erklärte weiter: "Dem Verfall der Infrastruktur, dem kann man zuschauen, das ist wie so ein Domino-Effekt, der dann stattfindet, wenn die Infrastruktur einmal ein gewisses Alter erreicht hat."
Der Manager appellierte an die Deutschen, toleranter zu sein, wenn es in der Sanierungsphase Beschränkungen gibt. Man müsse nun mal erstmal durch das "sogenannte Tal der Tränen, bevor man dann in den Garten Eden kommt". Hier brauche es einen Mentalitätswechsel: "Wir müssen uns, glaube ich, davon trennen, dass wir der Meinung sind, wir können das alles machen und können alles ändern, können alles verbessern, ohne dass wir irgendwie einen gewissen Preis dafür zahlen." Das sei zum Beispiel auch beim Bau von Stromleitungen so, um den Strom von der Nordsee in den Süden Deutschlands zu bringen.
Projektleiter ärgert sich über Verzögerung bei Stuttgart 21
Drescher ist seit 2020 Leiter des Projekts Stuttgart-Ulm - also der Mann, der Stuttgart 21 und die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm zum Laufen bringen muss. Vorher war er dafür zuständig, Großprojekte wie die Hochgeschwindigkeitsstrecke Hamburg-Berlin oder Berlin-München fertigzustellen.
Bei Stuttgart 21 hatte die Bahn nach mehreren Verzögerungen versprochen, dass das Projekt 2025 eröffnet wird, doch dann musste der Termin auf Ende 2026 verlegt werden. Drescher sagte dazu: "Es ärgert mich schon ein bisschen, dass wir hier einmal noch mal nachlegen mussten."
Projektpartner wollen zeitweise Kombibetrieb Stuttgart 21 wird vorerst nur in Teilen in Betrieb genommen
Ab Dezember 2026 sollen ICE-Züge planmäßig durch den neuen Tiefbahnhof fahren. Der Kopfbahnhof bleibt vorerst weiter in Betrieb. S-Bahn-Fahrgäste müssen mit Einschränkungen rechnen.
Drescher soll bis Inbetriebnahme von S21 an Bord bleiben
Es sei ihm sehr wichtig, Stuttgart 21 in Betrieb zu nehmen. "Das ist mein Ziel, weil ich stark der Auffassung bin, dass die Leute es verdient haben. Also sowohl die Stadt Stuttgart mit der einzigartigen Architektur als auch die Eisenbahn, weil die neue Infrastruktur immer besser ist als eine alte Infrastruktur." Auch wenn er Ende 2026 schon 67 Jahre alt sei, wolle er das Projekt noch abschließen. Der Bahn-Vorstand habe vor kurzem entschieden, dass er bis zum Schluss an Bord bleiben solle. Sein Vertrag sei bis Januar 2027 verlängert worden.
Eine weitere Verlängerung sei jedoch möglich, um den Teilbetrieb bis Ende Juli 2027 ebenfalls abzuschließen. Der Bahn-Vorstand habe ihn schon gefragt. "Aber da muss ich auch noch Lust dazu haben." Hintergrund ist, dass der Fernverkehr und ein Teil des Regionalverkehrs zwar ab Dezember 2026 in den neuen Tiefbahnhof fahren, ein Teil des Regionalverkehrs endet dagegen bis Juli 2027 weiter im alten oberirdischen Kopfbahnhof.
Hinweis: Das Interview mit Olaf Drescher wurde am Donnerstag, 24. Juli 2025, geführt.