BioNTech will sich vom Biotech-Unternehmen zum großen Pharma-Player wandeln. Dazu hat das Mainzer Unternehmen in diesem Jahr einiges eingeleitet: die Suche nach einem erfahrenen Pharmamanager für den Chefposten und die Schließung von mehreren Produktionsstätten in Marburg, Idar-Oberstein (Kreis Birkenfeld) und Tübingen - das ist auch das Aus für CureVac.
Auf der virtuellen Hauptversammlung an diesem Freitag äußerte sich Mitgründer und Noch-Chef Ugur Sahin und dankte den Mitarbeitenden. Die hätten "Herausragendes geleistet", BioNTech empfinde "großen Respekt und Dankbarkeit".
BioNTech will zum kommerziellen Unternehmen mit mehreren Produkten werden
Das Unternehmen befinde sich laut Sahin derzeit in einer "Phase des Übergangs" - vom forschenden Unternehmen zum kommerziellen Konzern mit mehreren zugelassenen Produkten. Bis 2030 will das Unternehmen mehrere Krebsmedikamente marktreif haben.
Das sei ein normaler Entwicklungsschritt bei erfolgreichen Biotech-Unternehmen. Große Zulassungsstudien und die kommerzielle Ausrichtung ist teuer - daraus würden strategische Fragen resultieren: Wie verteilt man das Kapital? Welche Werttreiber priorisiere man?
In diesem Rahmen will BioNTech die Expertise im Vertrieb und Marketing, der Markteinführung und der klinischen Entwicklung erweitern. Außerdem will das Unternehmen den Aufsichtsrat von sechs auf acht Mitglieder vergrößern und dafür die Zustimmung der Aktionärinnen und Aktionäre einholen.
Wie weit sind die Krebsmedikamente von BioNTech?
Für Anleger ist vor allem die Pipeline interessant, also die Medikamente, die BioNTech in der Entwicklung hat. Besonderer Fokus liegt auf einem sogenannten bispezifischen Antikörper.
Das Medikament hatte BioNTech von einem chinesischen Unternehmen zugekauft und entwickelt es nun gemeinsam mit dem US-Pharmaunternehmen Bristol Myers Squibb (BMS). Das Mittel hat laut Beobachtern das Potenzial, dem derzeit umsatzstärksten Medikament der Welt, Keytruda, des US-Konzerns Merck Konkurrenz zu machen. 2025 hatte das Krebsmedikament Keytruda 31,6 Milliarden Dollar Umsatz gemacht. Wenn BioNTech sein Medikament bis zur Marktreife bringt, winken Milliardenumsätze.
Insgesamt testet BioNTech derzeit mehr als 25 potenzielle Krebsmedikamente in den klinischen Phasen 2 und 3. Insgesamt muss ein Medikament drei klinische Studienphasen durchlaufen, bevor ein Unternehmen die Zulassung beantragen und das Mittel auf den Markt kommen kann. Klinische Studien sind teuer - doch BioNTech hat nach wie vor 16,8 Milliarden Euro an Cash.
Gründerpaar geht und zieht in neues Unternehmen
Im März hatten die beiden Gründer des Unternehmens, Ugur Sahin und Özlem Türeci, angekündigt, sich bis Jahresende bei BioNTech zurückzuziehen und stattdessen in einem neuen Unternehmen an der Zukunft der mRNA-Technologie zu forschen. Für Anleger kam die Ankündigung überraschend, die Aktien brachen ein, erholten sich zwischenzeitlich aber wieder. Derzeit sucht BioNTech nach Nachfolgern für die beiden Gründer.
mRNA-Pioniere aus Mainz Neues Unternehmen angekündigt: Mitbegründer-Ehepaar verlässt BioNTech
Eigentlich waren für heute nur die Jahreszahlen von BioNTech für 2025 angekündigt. Die Nachricht über ein neues Unternehmen kommt überraschend.
Stellenstreichungen und Schließung von Standorten: CureVac macht dicht
Zu den Quartalszahlen im Mai verkündete das Unternehmen dann, die mRNA-Produktion in Deutschland einzustellen und in diesem Rahmen bis zu 1.860 Stellen zu streichen. Betroffen sind Standorte in Marburg, Idar-Oberstein und Tübingen. Für das ehemalige Tübinger Unternehmen Curevac, das BioNTech erst im Dezember für 1,25 Milliarden Dollar übernommen hatte, ist das das Ende.
CureVac-Gründer Ingmar Hoerr bezeichnete das Vorgehen gegenüber dem SWR als "perfide". Mit der Übernahme hat sich BioNTech die Patente von Curevac mit eingekauft, über die zuletzt ein Patentstreit lief.
Curevac: Die Historie
Das Mainzer Unternehmen Biontech streicht bis zu knapp 1900 Stellen. Betroffen sind auch die Tübinger bei Curevac, die Biontech erst kürzlich übernommen hatte. Curevacs Historie.
Tübingen kein zentraler Standort mehr für die mRNA-Forschung
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) bezeichnete die Schließung als "schweren Schlag für Tübingen, für Baden-Württemberg und vor allem für die vielen hochqualifizierten Beschäftigten, die CureVac über Jahre getragen haben". Der Tübinger Gemeinderat kritisiert, dass im Zuge der Übernahme der Eindruck vermittelt worden sei, dass der Standort Tübingen innerhalb des Konzerns eine zentrale Rolle im Bereich der mRNA-Forschung einnehmen könne.
BioNTech selbst ist nach einer "umfassenden Analyse von Curevac" zu dem Schluss gekommen, Curevac in dieser Form nicht zu brauchen. Es habe sich gezeigt, dass das Unternehmen Herstellungskapazitäten konsolidieren müsse. BioNTech fokussiere sich auf das, "was mit unserer Strategie und dem Fokus auf Kandidaten in der späten klinischen Entwicklung übereinstimmt".
Jobabbau soll sozialverträglich gestaltet werden
Der Aufsichtsratsvorsitzende Helmut Jeggle bedankte sich wie Firmenchef Sahin bei den Mitarbeitenden, die hätten "Außergewöhnliches geleistet". Der Schritt sei aber notwendig, damit das Unternehmen nicht verwaltet, sondern aktiv nach vorne gestaltet würde. Der Stellenabbau soll sozialverträglich und gemeinsam mit der Politik vor Ort gestaltet werden.