SWR-Reportage auf YouTube

KI übernimmt: Sind Gen Z und Millennials für die falschen Jobs ausgebildet?

Jung, super ausgebildet, aber trotzdem kein Job? Viele in der Gen Z oder bei den Millennials finden keine passende Stelle. Stattdessen hagelt es Ablehnungen auf Bewerbungen.

Teilen

Stand

Von Autor/in Gunnar Hollweg, Lisa Müller, Maximilian Christ

Grund dafür ist gerade vor allem die Künstliche Intelligenz (KI). Müssen wegen KI jetzt alle umdenken? Muss man vielleicht sogar umschulen? Welche Jobs sind überhaupt noch sicher? Wir haben mit Betroffenen gesprochen.

In der IT hieß es zum Beispiel vor einigen Jahren noch, man würde später leicht einen sicheren Arbeitsplatz finden und viel Geld verdienen. Jetzt steht das alles auf der Kippe. KI macht das Programmieren einfacher und schneller. In den letzten Jahren werden deswegen immer weniger Leute gesucht.

KI übernimmt: Sind Gen Z und Millennials auf die falschen Jobs vorbereitet?

Viele junge Menschen sind verunsichert

Viele junge Menschen der Generation Z sind verunsichert. Laut der Studie "Jugend in Deutschland" vom März 2026 glauben immer weniger von ihnen, dass sie gute Aussichten auf einen ersten Job oder eine neue Stelle haben.

Louis findet trotz unzähliger Bewerbungen keinen Job als Chemielaborant. "Ich bin wirklich sehr enttäuscht, gerade weil es ja auch immer heißt: Fachkräftemangel. Ich sehe von dem Fachkräftemangel nichts", meint Louis.  

Das, was Louis beschreibt, gibt es auch in anderen Bereichen. Und aus Sicht von vielen jungen Leuten gibt es einen wichtigen Grund dafür, glaubt zumindest der Freiburger Student Christoph. "KI spielt auf jeden Fall eine Rolle, weil halt doch viele dieser leichten Aufgaben, die man an Junioren abgeben kann, sehr, sehr leicht durch ChatGPT erledigt werden kann", befürchtet er.

Von der UX-Designerin zur Pflegekraft   

Gleichzeitig gibt es den Fachkräftemangel. Aber in ganz anderen Bereichen: Handwerk, Pflege, Gastronomie. Müssen jetzt alle umsatteln, um einen sicheren Job zu finden?

Lea hat früher als UX-Designerin gearbeitet und wird jetzt Pflegekraft. "Ich glaube, für mich persönlich war das eigentlich die logische Konsequenz. Ich wurde dann auch von Bekannten angeschrieben, ich habe gehört, du hast gekündigt. Ich überlege mir das gerade auch." Wie aber sieht die Lage wirklich aus?

Wie ist das, wenn KI den Beruf bedroht?

Christoph ist 23 Jahre alt, macht gerade seinen Master in Informatik und arbeitet nebenher seit ein paar Jahren für eine kleine IT-Firma. Er liebt seinen Job. Aber er weiß, dass sich für seine berufliche Zukunft gerade viel ändert. 

Als ich angefangen habe zu studieren, haben mir immer alle gesagt, du wirst richtig viel Geld verdienen, du wirst immer einen Job finden. Du machst irgendwas, was zukunftssicher ist und das ist natürlich jetzt ein bisschen anders. 

"Die klassische Entwicklerstelle wird wahrscheinlich so nicht mehr lange existieren. Entweder muss man sich spezialisieren oder man muss irgendwas machen, wo man viel mit Leuten zu tun hat, also Social Skills ausbauen", überlegt Christoph.  

Eigentlich hat sich der Freiburger IT-Student das anders vorgestellt. Er hatte hohe Erwartungen an seine berufliche Zukunft: "Als ich angefangen habe zu studieren, haben mir immer alle gesagt, du wirst richtig viel Geld verdienen, du wirst immer einen Job finden. Du machst irgendwas, was zukunftssicher ist und das ist natürlich jetzt ein bisschen anders." 

IT-Branche sucht wegen KI weniger neue Arbeitskräfte

Und genau dieses Versprechen bricht gerade weg. Mit dieser krassen Veränderung hatte Christoph nicht gerechnet. Die Stimmung ist mies und er steht nicht allein da. In der IT-Branche wurden in den letzten Jahren deutlich weniger neue Arbeitskräfte gesucht – einfach, weil die KI viel mehr macht. Das merkt Christoph im Studium und im Job immer mehr. 

Er habe ja auch selbst ganz viel mit ChatGPT gearbeitet. "Das war so unser vierter Arbeitskollege, der eigentlich dreimal so klug wie wir alle zusammen ist und da hat man dann schon gemerkt, oh, dieser Beruf wird sich irgendwie ändern", sagt Christoph. Im Grunde arbeite man so an seinem eigenen Untergang. Indem man die KI-Tools verbessere, erschwere man sich selbst den Einstieg in den Beruf.

Wo wird KI zum Jobkiller?

Ist das jetzt ein Einzelfall oder gibt es noch andere Bereiche, wo KI zum Jobkiller werden könnte?

KI kann Texte schreiben, Bilder erzeugen und Daten analysieren. Besonders betroffen sind Jobs mit vielen wiederholbaren Einstiegsaufgaben. Stefan Sell, Arbeitsmarktforscher an der Hochschule Koblenz, sagt, dass aus diesem Grund gerade die technischen, die Ingenieur-Studiengänge stärker von einem Anstieg der Arbeitslosigkeit betroffen seien. Gleiches gelte auch für Betriebswirte. Bei denen sehe man ganz massive Einstiegsprobleme. "Da schlägt die KI wirklich teilweise brutal zu", sagt Sell. Ziemlich sicher dagegen seien Jobs, für die es wirklich menschliche Fähigkeiten braucht: Einfühlungsvermögen, Kreativität, handwerkliches Geschick.

Wichtig ist aber: Die meisten Jobs verschwinden nicht komplett – sie verändern sich. KI kann in vielen Bereichen den Job auch einfacher machen. Student Christoph nutzt das Tool einfach effizient für seine Arbeit.

Arbeitsmarkforscher Sell rechnet damit, dass bundesweit rund 800.000 Jobs durch den Einsatz von KI in den nächsten Jahren verlorengehen werden, aber gleichzeitig werde die gleiche Anzahl von Stellen in anderen Bereichen geschaffen.

Der Sozialwissenschaftler Prof. Stefan Sell
Der Sozialwissenschaftler Prof. Stefan Sell SWR

Wie können sichere Jobs so schnell überflüssig werden?

Der Wandel kam schneller als erwartet, auch für Expertinnen und Experten. Früher dachte man: Automatisierung trifft vor allem körperliche Arbeit. Jetzt betrifft es auch hochqualifizierte Jobs. 

"Und jetzt auf einmal stehen diese jungen Menschen am Ende der Ausbildung vor der Situation, dass die auf einmal eine Bewerbung nach der anderen schreiben und noch nicht mal eine Antwort bekommen", beklagt Stefan Sell.

Das heißt auch: Studierende oder Auszubildende konnten vor ein paar Jahren noch nicht ahnen, dass das nichts wird mit ihrem Traumjob. 

Wo werden überhaupt noch Fachkräfte gesucht?

Die erste Sache, die ich eigentlich gemacht habe, als ich wieder aus dem Urlaub zurück war, war zu kündigen.

Lea hat auf den zunehmenden Einsatz von KI in ihrem Beruf als UX-Designerin reagiert und einen klaren Cut gemacht. Sie geht in die Pflege. "Das klingt ein bisschen kitschig, dieser Schlüsselmoment, wo ich mit Freunden am Lagerfeuer saß und alle haben so ein bisschen erzählt, dass sie in Sozialberufen arbeiten, dass sie im Handwerk arbeiten und dann kam bei mir irgendwie auf: Krass, warum mache ich das eigentlich nicht? Und die erste Sache, die ich eigentlich gemacht habe, als ich wieder aus dem Urlaub zurück war, war zu kündigen", betont Lea. Dabei weiß Lea, dass sich auch im Pflegebereich Dinge ändern werden. Auch hier werde es neue Geräte geben und die KI werde ihren Einzug halten.

Soziale Berufe liegen im Trend

Damit liegt Lea im Trend. Immer mehr junge Menschen interessieren sich wieder für soziale Berufe. 2025 haben 158.000 Menschen eine Pflegeausbildung gemacht - ein Höchststand seit der Reform der Ausbildung im Jahr 2020. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervor. Von den rund 64.300 neu abgeschlossenen Verträgen entfielen 71 Prozent auf Frauen und rund 29 Prozent auf Männer. Auffällig ist jedoch der stärkere Zuwachs bei den Männern. Während die Zahl der Frauen mit Neuvertrag gegenüber 2024 um sechs Prozent zunahm, stieg die Zahl der Männer um 15 Prozent.

Und auch das Pflegestudium ist gerade stark im Kommen, diesen Weg hat auch Lea eingeschlagen. Zum Jahresende 2025 lag die Zahl der Pflegestudierenden insgesamt bei rund 1.800. Auch hier waren Frauen deutlich in der Mehrheit. Unter den neuen Studierenden waren 77 Prozent Frauen und 22 Prozent Männer.

Probleme gibt es dagegen im Handwerk. Laut dem Berufsbildungsbericht des Familienministeriums blieben 2025 rund 19.000 Ausbildungsstellen (18 Prozent) für Handwerksberufe unbesetzt. 

Lieber Werkbank statt Hörsaal - Ist das der Weg für die Genaration Z?
Lieber Werkbank statt Hörsaal - Ist das der Weg für die Genaration Z? picture-alliance/dpa, Oliver Berg

Und auch der Dienstleistungssektor hat große Schwierigkeiten. Ein Beispiel ist das Hotelgewerbe. Silvia Hees aus Alzey in Rheinhessen bietet Azubis eine Wohnung an, damit sie sich für eine Ausbildung im Betrieb entscheiden. Hätte ihr Unternehmen ohne dieses zusätzlichen Angebot überhaupt eine Chance, neue Arbeitskräfte zu bekommen? Silvia Hees sagt "Nein". "Ohne die Wohnungen könnte ich das Haus zumachen. Bin ich ehrlich", meint Hees.

Das liegt vor allem daran, dass immer weniger junge Menschen eine Ausbildung anfangen. Laut Bundesagentur für Arbeit wurde 2025 mit 191.000 Menschen der tiefste Stand seit 25 Jahren erreicht.

Studium oder Ausbildung? Was ist besser?

Seit Jahrzehnten werden die Hörsäle in den Unis immer voller. Unter den jungen Erwachsenen (25 bis 29 Jahre) hat heute über die Hälfte (58 Prozent) das Abi in der Tasche. Viele junge Menschen setzen weiter auf ein Studium. Die Hoffnung: gutes Gehalt, sichere Zukunft und Aufstieg.

Jahrzehntelang galt in der Bundesrepublik ein Versprechen: Ein Studium zahlt sich aus. Ein Abschluss an einer Hochschule bedeutete mehr Gehalt, mehr Sicherheit, mehr Aufstiegschancen. Akademiker mit Bachelorabschluss verdienten 2024 im Schnitt 6.850 Euro brutto im Monat, bei Beschäftigten mit einer Ausbildung waren es 3.973 Euro, wie das Statistische Bundesamt berichtet. Akademiker mit einer Promotion oder Habilitation kamen auf 9.296 Euro brutto im Monat, eine Handwerksmeister brachte es immerhin auf 5.300 Euro.

Aber: Dieser Vorteil zeigt sich oft erst viele Jahre später, weil Akademiker aufgrund der Länge des Studiums viel später mit dem Erwerbsleben beginnen. Zudem schrumpft der Verdienstabstand in manchen Berufen - vor allem, wenn Handwerker sich weiter qualifizieren. Und Geld ist für viele nicht alles. Daniel hat seinen gut bezahlten Job aufgegeben. Er macht gerade eine Ausbildung zum Notfallsanitäter - trotz deutlich weniger Geld. Zur Zeit habe er nur ein Zehntel dessen, was er zuvor in seinem akademischen Beruf bekommen habe. Wenn er mit seiner Ausbildung fertig sei, werde es ein Drittel sein, rechnet Daniel vor.

Schaut man aber auf die Zukunftssicherheit, sind viele junge Leute zufrieden, die sich für eine Ausbildung entschieden haben. 72 Prozent der Azubis sehen gute berufliche Perspektiven in ihrer Ausbildung. 

Was muss man für eine Umschulung wissen?

Lea hat gemerkt, dass die Luft für sie beruflich dünner wird und hat mit ihrem bisherigen Weg kurzen Prozess gemacht: Sie ist vom UX-Design in die Pflege gewechselt. Einen Wechsel empfiehlt sie auch anderen. Sie habe es noch keinen Tag bereut.

Alexandra Lüdersen ist Berufsberaterin bei der Bundesagentur für Arbeit in Ludwigshafen. Sie weist darauf hin, dass man sich für den Wechsel Unterstützung bei der Arbeitsagentur holen kann.  

Man könne innerbetrieblich oder an einer Berufsschule umschulen. Unter bestimmten Bedingungen könne die Umschulung von der Arbeitsagentur gefördert werden - zum Beispiel dann, wenn man durch die neue Orientierung bessere Jobaussichten hat oder sich besonders gut für den angestrebten Beruf eignet.

Wichtig sei dafür auch, dass man sein berufliches Profil bei einer Umorientierung breit hält, um möglichst gut Anschluss zu finden, rät Lüdersen.

Fazit: Freie Auswahl ist Vergangenheit

Was man aus all dem mitnehmen kann: Es geht nicht darum, Angst vor KI zu haben, sondern darum, zu verstehen, dass sich die Regeln gerade verändern. Der sichere Weg von früher - Studium, guter Job, fertig - funktioniert nicht mehr für alle. Stattdessen kommt es mehr darauf an, flexibel zu bleiben und ehrlich darauf zu schauen, wo man wirklich gebraucht wird. Leas Entscheidung zeigt: Ein Umweg ist kein Rückschritt. Er kann vielmehr in einen Job führen, der wirklich Zukunft hat.

RLP

Schule fertig - und jetzt? Traumjob "Irgendwas mit Superheld" - so finden junge Menschen ihren Berufsweg

Die einen stecken im Abi, die anderen schnuppern beim Girls' and Boys' Day: Wie können junge Menschen ihren Weg zum Traumjob finden - selbst wenn das der "Superheld" ist?

Eckendorf

Kameras und KI im Einsatz Erdbeeranbau im Umbruch: Landwirt aus Eckendorf rüstet sich mit moderner Technik

Mehr und mehr Erdbeerproduzenten in der Region geben wegen hohen Produktionskosten auf. Erdbeerbauer Schäfer aus Eckendorf wehrt sich mit moderner Technik und KI.

SWR4 am Nachmittag SWR4

Walldorf

Quartalszahlen vorgestellt SAP: Solide Geschäftszahlen - doch Anleger fürchten KI-Konkurrenz

SAP meldet steigende Umsätze, das Cloud-Geschäft liegt über den Erwartungen. Doch die Aktie hat zuletzt stark an Wert verloren: Der Hype um KI sorgt für Unsicherheit.

SWR Aktuell am Morgen SWR Aktuell

Baden-Württemberg

Berufswünsche von Jugendlichen Girls' und Boys' Day in BW: Zwischen Rollenklischees und KI-Zukunft

Junge Männer wählen Technik, Frauen Soziales? Doch wenn KI den Arbeitsmarkt verändert, hat nicht jeder Berufswunsch noch Zukunft.

Metzingen

Metzinger Roboterhersteller startet Kooperation Schnelleres Training für menschenähnliche Roboter: So soll Amazon dabei helfen

Die Firma NEURA Robotics aus Metzingen arbeitet jetzt eng mit Amazon zusammen. Das Unternehmen will damit erreichen, dass es seine Roboter schneller trainieren kann.

Heilbronn-Franken

Handwerk gewinnt an Attraktivität Steigende Ausbildungszahlen im Handwerk in BW - Aus Angst vor Künstlicher Intelligenz?

Immer mehr junge Menschen in Heilbronn-Franken entscheiden sich fürs Handwerk. Während KI klassische Jobs verändert, gelten praktische Berufe als sicher und zukunftsfähig.

Mannheim

OpenAI auf Mannheimer Startup-Konferenz KI an der Uni: Ist Studieren ohne ChatGPT und Co. noch möglich?

Mit echten Chats will Tech-Riese OpenAI zeigen, wie Künstliche Intelligenz Studierende besser macht. Doch Experten warnen auch vor Risiken. Wie kann die KI-Revolution an Unis gelingen?

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR BW

Ludwigshafen

Mathe einfach erklärt? Moderner Mathe-Unterricht an der IGS Ludwigshafen Edigheim

Mathe mal anders: An der IGS Ludwigshafen-Edigheim lernen Schüler mit dem Programm MaTeGnu digital, gemeinsam und interaktiv.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Gunnar Hollweg
Lisa Müller
Maximilian Christ
Onlinefassung
Christian Papadopoulos

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!