Ende April hat das Landeskriminalamt (LKA) unter anderem in Böblingen und Bad Dürkheim mehrere Gebäude nach geraubten Kulturgütern durchsucht. Nach SWR-Recherchen gibt es jetzt neue Erkenntnisse.
Ein Verdächtiger ist der Polizei bekannt: Er hat bereits vor elf Jahren versucht, eine seltene keltische Kanne zu verkaufen. Die Spuren führen durch ganz Europa und bis nach London. Denn eine kriminelle Bande handelt laut LKA europaweit mit Kulturgütern.
LKA: Tagelange Durchsuchungen in Böblingen und Bad Dürkheim
Als das Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg am 22. April im baden-württembergischen Böblingen in der Poststraße ermittelt, bleibt das nicht unbemerkt. Drei Tage lang stehen mehrere Transporter und ein Dutzend Polizistinnen und Polizisten vor dem US-Shop in Böblingen. Hinter Sichtschutzwänden sucht das LKA bei dem Ladenbesitzer nach illegal ausgegrabenen Kulturgütern.
Wie Recherchen des SWR und der "Rheinpfalz" jetzt gezeigt haben, spielt sich ein ähnliches Szenario zeitgleich im rheinland-pfälzischen Bad Dürkheim ab. Mitten im Wohngebiet in einer ruhigen Straße durchsuchen Beamte ein Wohnhaus. Auch diese Durchsuchung dauert mehrere Tage. Auch hier sind laut Anwohnern einige Polizeifahrzeuge vor Ort.
Razzia des Landeskriminalamts Illegale Waffen und Kulturgüter? Ermittler durchsuchen tagelang Böblinger Ladenräume
Ein Böblinger Geschäftsmann steht unter Verdacht, mit Waffen und illegal ausgegrabenen Gegenständen gehandelt zu haben. LKA und Polizei sind seit Mittwoch vor Ort im Einsatz.
US-Shop Besitzer verkauft Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg
Rund zwei Monate nach der Durchsuchung hat der US-Shop in Böblingen weiterhin geöffnet. Inhaber Uwe Sziller erzählt im SWR-Interview, dass er selbst Sondengänger sei und regelmäßig nach Kulturgegenständen suche - “sondeln” nennt man das in diesen Kreisen. Eine Genehmigung dafür habe er nicht, obwohl er diese laut Landesgesetz eigentlich braucht. Das sieht er allerdings anders: "Ich suche das, was ich so finde. Ich laufe eigentlich nur in Steilhängen, wo normal keiner läuft." Anschließend verkaufe er das, was er finde: Messerklingen und Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg, Armbrustbolzen, Axtklingen und Pfeilspitzen. Sondeln gehe er aber alleine - mit einer europaweiten Bande habe er nichts zu tun.
Der Handel mit wissenschaftlich bedeutsamen Objekten ist illegal, wobei schon das Ausgraben ein großes Problem darstellt, sagt der leitende Ermittler vom LKA Baden-Württemberg, Stefan Holz: "Der Schatz ist nicht der Gegenstand, der Schatz ist der ganze Kontext drumherum. Was erzählt mir der Boden? Wie war die Lage?", erklärt Holz. Wenn Raubgräber also Funde aus ihrem Kontext rissen, sei es für Archäologen quasi unmöglich, diese zu bestimmen.
Auch das sieht Sziller anders: "Ich reiße nichts aus dem Fundzusammenhang, wenn ich an einem Berg suche oder auch an einem Burghang, wo Bolzen und Coladosen sich vermischen. Da liegt der Armbrustbolzen oder die Pfeilspitze mit der Coladose oder der Abziehlasche in einer Fläche. Also da tue ich nichts aus dem Fundzusammenhang reißen, so wie die das immer gerne behaupten."
LKA findet mehr als 10.000 Kulturgegenstände
Das LKA ermittelt gegen Sziller, weil er gegen den Schutz von Kulturgütern verstoßen haben soll. Neben den beiden Durchsuchungen in Böblingen und Bad Dürkheim haben die baden-württembergischen Ermittler auch in Niederösterreich, Bayern und Hamburg Gebäude durchsuchen lassen. Vom Ergebnis waren die Ermittler überrascht: "Wenn man vor zehn Jahren eine Durchsuchung gemacht hat, waren wir im höheren zweistelligen Bereich bis 100 Objekte. Jetzt befinden wir uns in den Zehntausender-Bereichen von Funden", sagt Kriminalhauptkommissar Stefan Holz mit Blick auf die große Zahl der beschlagnahmten Güter. Was genau die Polizei gefunden hat, will er derzeit aus ermittlungstaktischen Gründen noch nicht preisgeben. Dass illegale Sondengänger allerdings kulturelles Erbe für eine gesamte Gesellschaft vernichten, steht für Holz fest.
Sie zerstören uns, den Fundkontext, uns als Nation, als Kultur, als Gesellschaft.
Zusammenhang mit Kulturraub-Fall von vor elf Jahren
Deutlich wird dieses Problem an einem Fall aus dem Jahr 2015, der nach SWR-Recherchen mit den aktuellen Ermittlungen im Zusammenhang steht. Damals hatte ein studierter Archäologe aus Bad Dürkheim eine keltische Schnabelkanne im Auktionshaus Bonhams in London zur Versteigerung angeboten - für umgerechnet rund 100.000 Euro. Dieses Angebot fiel einem australischen Archäologen auf, der die Schnabelkanne keinem bekannten Fund zuordnen konnte und die Auktion deswegen seinen deutschen Kollegen meldete. Daraufhin wurde die Auktion gestoppt und die Polizei verständigt, die die Schnabelkanne in Bad Dürkheim sichergestellt hat - offenbar bei demselben Mann, dessen Räume das LKA im April 2026 durchsucht hat, wie SWR-Recherchen jetzt ergaben.
Die Verwicklung des Mannes aus Bad Dürkheim in den damaligen Fall ist unstrittig. Denn gegen die Sicherstellung der Kanne hat er damals vor dem Verwaltungsgericht Neustadt an der Weinstraße geklagt. Das Urteil (AZ 5 K 1216/17.NW) aus dem Jahr 2018 liegt dem SWR vor - darin heißt es: "Die Indizien sprechen vielmehr dafür, dass die Kanne aus einer Raubgrabung stammt."
Laut Urteil sind sich Experten einig, dass die Schnabelkanne aus einem "reichen Fürstengrab" stammen müsse. Die Klage wurde abgewiesen und die Kanne blieb im Besitz des Landes Rheinland-Pfalz. Heute steht sie im Leibniz-Zentrum für Archäologie in Mainz. Offen bleibt, ob der Bad Dürkheimer Hobbyarchäologe womöglich in weitere illegale Geschäfte mit historischen Schätzen verwickelt ist. Fragen dazu ließ er unbeantwortet.
Schnabelkanne könnte eigenes Museum bekommen
Da der Fundort der Schnabelkanne nicht bekannt ist, fehlen wichtige Informationen, um die Kanne zuordnen zu können. Martin Schönfelder vom Leibniz-Zentrum für Archäologie in Mainz vermutet, dass die Kanne aus einem Grab mit anderen Grabbeigaben stammt: "Goldbeigaben, Eisen, Waffen, Wagen, all das kann jetzt einfach auf dem Acker oder im Weinberg liegen" - oder im Keller eines Grabräubers.
Würde man den genauen Fundort kennen, wäre das nicht nur ein Schatz für die Wissenschaft: "Aus so einem Grab und mit so einer Kanne kann man mehr oder weniger ein ganzes Museum konstruieren." Und das hätte nicht nur Auswirkungen auf die Kulturwelt, sondern natürlich auch auf den Fundort, an dem dann das Museum entstehen könnte.