Es ist ein verheerender Anblick, der sich den Rettungskräften Ende Februar 2026 in Mainz bietet: Ein Luxus-Sportwagen der Marke Mercedes AMG liegt stark verformt auf dem Dach. Die Unfallstelle ist mit Trümmern und Glasscherben übersät. Zwar laufen die Ermittlungen noch, doch der Verdacht ist klar: Hier soll ein Fahrer ein verbotenes Rennen gegen sich selbst gefahren sein. Ihm droht eine Freiheitsstrafe.
Zahl illegaler Rennen steigt
Die Polizei erfasst immer mehr solcher illegaler Rennen. 357 Anzeigen gab es alleine 2024 in Rheinland-Pfalz. Für 2025 läuft die Auswertung noch - die Tendenz: steigend. Überhöhte Geschwindigkeit ist auch in Rheinland-Pfalz die Hauptursache für Verkehrsunfälle mit Toten und Verletzten.
Was es bedeutet, jemanden durch ein verbotenes Autorennen zu verlieren, hat Familie Stites aus Bobenheim-Roxheim erfahren. Ihr Sohn Damon starb im Juli 2019 bei einer solchen Fahrt. Der Fahrer: ein Bekannter, der mit dem BMW seines Vaters unterwegs war. Bei Mannheim kam der vollbesetzte Wagen auf regennasser Fahrbahn mit mindestens 130 km/h von der Straße ab, krachte gegen einen Baum.
Raser-Prozess dauert mehr als sechs Jahre
Damon, der zehn Tage zuvor 19 Jahre alt geworden war, starb auf der Rücksitzbank. Auch ein Freund erlag seinen Verletzungen. Ein anderer überlebte und wurde zum Pflegefall. Fahrer und Beifahrer wurden nur leicht verletzt. Es folgte ein Gerichtsprozess, der erst Ende Februar 2026 endete - über sechs Jahre später.
Das Verfahren gehöre zu denen, die man sein Leben lang nicht vergesse, sagt der Anwalt der Familie, Frank K. Peter aus Worms. "Es ist für alle Beteiligten eine unheimliche Belastung." Denn so eine Tragödie könne man eigentlich erst dann verarbeiten, wenn der Prozess abgearbeitet sei. Und das habe in diesem Fall immens lange gedauert. "Das war sicherlich die Hölle für so eine Familie."
Justizfehler ziehen Verfahren in die Länge
Grund für die lange Dauer waren Verfahrensfehler der Justiz. Das erste Urteil wurde vom Bundesgerichtshof aufgehoben, es kam zu einer Neuauflage des Prozesses, auch durch Beweise, die erst vom Anwalt und der Familie entdeckt wurden.
Offenbar war der Unfallfahrer Arif A. schon vorher mit Raservideos aufgefallen. Jetzt ist das Urteil rechtskräftig: drei Jahre Jugendhaft, vier Jahre Führerscheinentzug wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und vorsätzlichen verbotenen Straßenrennens. Reicht das, um andere Raser abzuschrecken?
Präventionsprogramm an Schulen Erst im Eiscafé, dann im Sarg: Wie "Crash-Kurs RLP" Fahranfänger schützen will
"Die Fahrerin hatte das Lenkrad tief in den Bauch gerammt. Die Beifahrertür war da, wo die Handbremse ist". Es ist der blanke Horror, den Schüler in Alzey aufgetischt bekommen.
Warum Menschen zu Rasern werden
Der Verkehrspsychologe Patrick Grieser ist sich da nicht sicher. Er hatte schon hunderte Temposünder in seiner Praxis - und es werden immer mehr. Meistens handele es sich um Männer - sowohl junge als auch ältere. Die Jungen hätten oft ein Selbstwertproblem, so Grieser. Sie meinten, sich mit teuren Autos beweisen zu müssen. Bei den Älteren spielten meist Probleme im Hintergrund eine Rolle: "Wenn sie dann rasen, dann wird dieses Adrenalin ausgeschüttet und dann sind sie im Hier und Jetzt und nicht mehr bei ihren Problemen."
An solchem Verhalten kann laut Grieser mit einer gezielten Therapie gearbeitet werden. Doch es gebe noch eine weitere Ursache für Raserei: Junge Menschen, gerade auch Fahranfänger, kämen in Deutschland viel zu einfach an hochmotorige Autos heran. Die Totraser, die in seiner Praxis vorstellig würden, seien immer Fahrzeuge "mit viel zu vielen PS" gefahren und hätten praktisch über keine Fahrerfahrung verfügt.
Anwalt: Raserei ist gesellschaftliches Problem
Doch wie sollen PS-Grenzen für junge Fahrer durchgesetzt werden? Und wie kann man verhindern, dass es zu rücksichtslosem und gefährlichem Verhalten kommt? Von Tempolimits, Bußgeldern und drohendem Führerscheinentzug lassen sich Raser zu oft nicht abhalten. Für den Strafrechtsexperten Frank K. Peter ist klar: "Diese Raser-Szene, diese Poser-Szene ist ein gesellschaftliches Problem." Man müsse bereits vorher ansetzen und etwas tun, "um den Tod von so jungen Menschen einfach zu verhindern".