Die Energiewende im Land ist in vollem Gange. Ingenieurinnen planen Windräder, Behörden bearbeiten Genehmigungen. Hausbesitzer hängen Solaranlagen an ihre Balkone und Handwerkerinnen montieren sie auf Dächern. Das zeigt sich auch in den Ausbauzahlen. Bis Ende Juni, also in der ersten Jahreshälfte, wurden in Rheinland-Pfalz rund 26.000 PV-Anlagen mit einer Leistung von 253 Megawatt ans Netz angeschlossen.
Bisher 14 neue Windräder in diesem Jahr
Außerdem drehen sich 14 neue Windräder im Land, während 25 vom Netz gingen. Damit kamen insgesamt 42 Megawatt Windenergieleistung hinzu, da die neuen Windräder leistungsfähiger sind. Mit dem daraus produzierten Strom können rund 260.000 weitere Personen mit Energie aus Wind und Sonne versorgt werden. Das geht aus den Daten der Bundesnetzagentur hervor, die das SWR Data Lab ausgewertet hat. Aber reicht das Ausbautempo auch, um die Ziele des Landes zu erreichen?
Solar- und Windkraft bieten das größte Potential, um grünen Strom zu produzieren und damit die Energiewende voranzutreiben. Durch den Solar-Boom der letzten Jahre wurden die Ziele, die das Land für den PV-Ausbau verfolgt, in 2023 und 2024 vorzeitig erfüllt.
Dieses Jahr konnten in den ersten sechs Monaten bereits 51 Prozent des Ausbauziels erreicht werden. Auf Anfrage schreibt das Umweltministerium: "Wir erwarten, das im Koalitionsvertrag festgelegte Ausbauziel von 500 MW pro Jahr zu erreichen beziehungsweise zu übertreffen".
Solar-Boom vorüber?
Bereits im Jahr 2010 gab es, bedingt durch niedrige Modulpreise und hohe Förderungen, einen ersten PV-Boom. Wegen veränderter Regularien verlief der Ausbau der PV im Land danach lange verhalten - bis sich das Zubautempo 2022 aufgrund der Energiekrise und der gesteigerten Nachfrage nach unabhängiger Energieerzeugung stark beschleunigt hat.
Diese zweite Boomphase hält bis heute an. In Rheinland-Pfalz kamen in den vergangenen Jahren zusätzlich Solarpflichten für öffentliche und gewerbliche Neubauten und Parkplätze hinzu. Bundesweit hat die Ampelregierung mit verschiedenen Maßnahmen den PV-Ausbau weiter beschleunigt.
Doch ein Blick auf die Ausbauziele für die kommenden Jahre macht deutlich, dass trotz des Solarbooms der Ausbau weiter vorangetrieben werden muss. Denn das Land hat sich das Ziel gesetzt, bereits bis 2030 seinen Strombedarf in der Jahresbilanz mit erneuerbaren Energien zu decken. Dafür ist eine PV-Leistung von 9.000 Megawatt nötig. Bis 2040 soll sich die installierte Leistung dann nochmal mehr als verdreifachen.
Dabei deutet eine Analyse der zugebauten PV-Leistung in der ersten Jahreshälfte auf eine Abflachung des Ausbautempos nach dem Boom hin. Dieses Jahr wurden bislang weniger Solaranlagen registriert als im selben Zeitraum in 2023 und 2024.
Das Netz kommt nicht hinterher
Henrik te Heesen ist Professor für erneuerbare Energien am Umweltcampus Birkenfeld. Er sieht in dem sinkenden Tempo noch kein Problem für den Photovoltaik-Ausbau. "Wir haben eine wahnsinnige Dynamik gehabt, weil es wirtschaftlich inzwischen attraktiv ist, in Photovoltaik zu investieren. Das kühlt sich jetzt ein bisschen ab", sagt te Heesen. Gerade weil der Markt sehr abhängig sei von geopolitischen Einflüssen, könne das Tempo ebenso schnell wieder steigen.
Ähnlich sieht man es im Umweltministerium. Auf Anfrage schreibt eine Sprecherin: "Es war zu erwarten, dass nach einer Phase des beschleunigten Ausbaus auch wieder ein gewisser Konsolidierungseffekt eintritt und sich die Ausbauzahlen auf vergleichsweise hohem Niveau einpendeln". Das Umweltministerium verweist auch darauf, dass der Ausbau der Solarenergie im Land stark von den gesetzlichen Rahmenbedingungen der neuen Bundesregierung abhängen werde.
Der Forscher te Heesen sieht aktuell vor allem Handlungsbedarf beim Netzausbau. Inzwischen gebe es an den meisten Wochenenden mit viel Sonne und wenig Stromnachfrage negative Preise. Anbieter müssen also sogar für den produzierten Strom bezahlen, anstatt Geld dafür zu bekommen. Dadurch verlören Anlagen ihre Wirtschaftlichkeit. Abhilfe würden neben dem Netzausbau auch flexible Stromtarife und Batteriespeicher schaffen, die insbesondere in der Mittagszeit Strom speichern.
Windkraftausbau weiter schleppend
Anders als bei Solaranlagen kommt der Ausbau von Windrädern in Rheinland-Pfalz nur langsam voran. Insgesamt gibt es inzwischen im Land knapp 1.800 Windräder. In der ersten Jahreshälfte kamen 42 Megawatt Windkraftleistung hinzu. Das sind acht Prozent der anvisierten 500 Megawatt, die das Land laut Koalitionsvertrag jährlich zubauen will.
Im Jahr 2025 sollten nach Ausbauzielen des Landes 6.400 Megawatt Windkraftleistung erreicht werden. Dafür müssten aber bis Jahresende nochmal die Hälfte der bisherigen Leistung hinzukommen. Bis 2030 soll sich nach den Plänen der Landesregierung die Windkraftleistung mehr als verdoppeln und bis 2040 auf 10.000 Megawatt ansteigen.
Doch auch bei dem Ausbau der Windkraftanlagen haben die Energiekrise und die daraufhin von der Ampelregierung beschlossenen Gesetze für Dynamik gesorgt. Aufgrund der langen Planungszeiträume für Windanlagen ist die Beschleunigung jedoch noch nicht sichtbar, wenn man auf die installierte Leistung im Land blickt. Anders sieht es aus, wenn man die Windräder im Planungsverfahren hinzuzieht.
Denn bis Windräder ans Netz angeschlossen werden können, durchschreiten sie verschiedene Phasen. Flächen müssen identifiziert, Planungen und Artenschutzprüfungen durchgeführt, Anträge gestellt, Genehmigungen erteilt und die Finanzierung gesichert werden. Erst dann kann der Bau beginnen. Im Schnitt dauert der gesamte Prozess noch rund sieben Jahre. In manchen der Ausbauschritte gibt es jedoch erhebliche Fortschritte.
Windräder werden drei Mal schneller genehmigt
Während die Genehmigungsverfahren nach Angaben des Umweltministeriums im Jahr 2021 durchschnittlich noch über drei Jahre gedauert haben, erteilten die Landratsämter im ersten Quartal dieses Jahres innerhalb von einem Jahr den Projektentwicklern eine Zu- oder Absage für den Anlagenbau. Laut Ministerium hätten beispielsweise die Digitalisierung und Zentralisierung der Verfahren zur schnelleren Bearbeitung der Anträge beigetragen.
Ein Blick auf die Anlagenplanungen zeigt, wie sich der Bau in Zukunft entwickeln könnte: Nach Angaben des Umweltministeriums wurden in 2023 und 2024 jeweils Anlagen mit einer Leistung von mehr als 500 Megawatt genehmigt. Aktuell sind bereits 268 Anlagen genehmigt und können in den nächsten Jahren gebaut werden. Für weitere 421 Anlagen ist bereits der Antrag für die Genehmigung eingereicht.
Angesichts dieser Zahlen würde der Forscher te Heesen noch nicht von einem bevorstehenden Boom sprechen. Aber "in einem Jahr, vielleicht auch in zwei werden wir sehen, dass es richtig vorangeht", sagt te Heesen. Spätestens dann müsste sich die Beschleunigung bei den Genehmigungen auch auf die installierte Leistung niederschlagen.
Entscheidend sei jedoch, dass die Menschen vor Ort von den Windrädern wirtschaftlich direkt profitieren. Denn es habe sich gezeigt, dass so die nötige Akzeptanz in der Bevölkerung gesteigert werden kann.
Ausbau in Rheinland-Pfalz abhängig von Bundesregierung
Nach Prognose des gemeinnützigen Think Tanks Goal 100 sollte Rheinland-Pfalz auf eine Leistung von 8.700 Megawatt im Jahr 2030 kommen und damit das Ziel von 9.000 Megawatt nur knapp verfehlen. Auch die anvisierte Leistung für das Jahr 2040 "scheint durchaus erreichbar", so das Umweltministerium. Doch Sorgen mache sich das Ministerium wegen der neuen Bundesregierung: "Wir stellen leider fest, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht zu den prioritären Handlungsfeldern der Bundesregierung zählt", schreibt das Ministerium.
Dass Flächenziele im Windenergiegesetz und ein Mechanismus zur Förderung von Windkraftanlagen in benachteiligten Gebieten laut Koalitionsvertrag "überprüft" werden sollen, sieht das Ministerium kritisch. Mit Blick auf die Fortschritte unter der vorherigen Regierung dürfe die Beschleunigung des Windkraftausbaus nun nicht wieder ausgebremst werden.