Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Interview: Warum Frauen den Holocaust anders als Männer erlebten

Hunger, Erniedrigung und Gewalt mussten alle Inhaftierten in Konzentrations- und Arbeitslagern ertragen. Frauen erlebten den Schrecken dennoch anders als Männer.

Teilen

Stand

Von Autor/in Jeanette Schindler

Der rheinland-pfälzische Landtag gedenkt jedes Jahr am 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus. Und in diesem Jahr standen zum ersten Mal die verfolgten und ermordeten Frauen im Mittelpunkt. SWR Aktuell hat darüber mit der Historikerin, Dr. Lena Haase von der Universität Trier gesprochen. Sie forscht seit mehr als zehn Jahren zum NS-Frauenlager in Flußbach in der Südeifel.

SWR Aktuell: Frau Haase, lange Zeit wurde die Verfolgung der Frauen in der NS-Zeit kaum beleuchtet. Erst mit der Frauenbewegung in den 80er Jahren hat sich die Öffentlichkeit gefragt: Wie war das eigentlich für verfolgte Frauen, was haben sie erlebt? Sie haben mehr als 1.800 Frauenschicksale erforscht, gab es da eine Gemeinsamkeit, eine Erfahrung die alle Frauen gleichermaßen gemacht haben?

Dr. Lena Haase: Eine ganz generelle Gemeinsamkeit zu nennen, ist schwierig. Aber ich würde anknüpfen an dem, was Sie gerade in der Anmoderation erwähnt haben, nämlich, dass Frauen einfach lange Zeit überhaupt gar nicht im Fokus standen - weder in der Forschung, noch der öffentlichen Auseinandersetzung. Das ist ein sehr typischer Befund, dass Frauen nach '45 ganz gleich, welche Rollen sie vorher gespielt haben während der NS-Zeit, erstmal wieder in ihre ursprüngliche Rolle, häufig als Hausfrau und Mutter wieder zurückgegangen sind. Sie sind wieder hinter die Männer zurückgetreten.

Social-Media-Beitrag auf Instagram

SWR Aktuell: Die Konzentrationslager waren für alle Inhaftierten die gleiche Hölle, aber Frauen machten bestimmte Erfahrungen nur, weil sie Frauen waren. Welche waren das?

Lena Haase: Die Grundbedingungen waren für alle gleich. Für die Frauen kam häufig zusätzlich hinzu, dass an ihnen besondere medizinische Experimente beispielsweise durchgeführt werden konnten. Das lässt sich im sogenannten Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, aber auch in Auschwitz nachvollziehen. An Schwangeren wurde mit Abtreibungen experimentiert, Fruchtbarkeits-Experimente wurden durchgeführt oder unterschiedlichen Möglichkeiten des Schwangerschaftsabbruchs.

SWR Aktuell: Auch sexuelle Gewalt war ein Machtinstrument. Waren inhaftierte Frauen stärker betroffen als Männer?

Lena Haase: Frauen wurden mancherorts dazu gezwungen, in Lagerbordellen zu arbeiten. Auch hier ist sicherlich Auschwitz das bekannteste Beispiel, aber auch das gab es teilweise an manchen anderen Standorten auch. Das heißt, die zur Sexarbeit gezwungenen Frauen sind natürlich insofern auch eine Besonderheit, wenn es um die unterschiedlichen und dann geschlechtsbestimmten Formen der Erniedrigung und der Ausbeutung letztlich auch gegangen ist.

Manche Frauen konnten ihre Kinder im Lager bekommen, teilweise heimlich. Sie haben versucht, diese Kinder zu verstecken.

SWR Aktuell: Dann kommt noch dazu, dass Frauen schwanger werden können. Wie war die Situation für schwangere Frauen in Konzentrationslagern?

Lena Haase: An einigen wurden bis in den neunten Monat hinein medizinische Experimente durchgeführt, um die Schwangerschaft abzubrechen. Das war auch immer abhängig davon, zu welcher Häftlingskategorie, welcher Nationalität oder vermeintlichen Rasse, die Frauen zugeordnet wurden. Manche konnten ihre Kinder im Lager bekommen, teilweise heimlich. Sie haben versucht, diese Kinder zu verstecken. Auch solche Berichte gibt es aus Ravensbrück beispielsweise, wo kleine Babys und dann auch Kleinkinder im Lager überlebt haben.

SWR Aktuell: Hatten Frauen andere Überlebensstrategien als Männer? Ich kann mir vorstellen, dass es vielleicht andere Möglichkeiten gab, zu überleben, als sie Männer hatten.

Lena Haase: Die grundlegende Überlebensstrategie, unabhängig, ob Männer oder Frauen, war, dass man eigentlich nur in der Gemeinschaft bestehen konnte. Also, Einzelkämpferinnentum führte leider selten dazu, dass man irgendwie erfolgreich durch dieses Lager durchgehen konnte. Ich glaube, das war ganz zentral.

SWR Aktuell: Es gibt Berichte darüber, dass Frauen dazu gezwungen waren, sich zwischen Tod und Prostitution zu entscheiden. War das eine Strategie für Frauen im Konzentrationslager zu überleben, die Männer nicht hatten?

Lena Haase: Dort wo Lagerbordelle existierten war es für Frauen sicherlich eine Strategie, in der man eine Möglichkeit gesehen hat, einen Ausweg aus der Situation und der Verfolgung zu finden. Aber es wurden auch Männer sexuell ausgebeutet, wenn auch nicht so institutionalisiert wie Frauen. Homosexualität war im Nationalsozialismus strafbar, aber unterschwellig gab es trotzdem solche "Günstlingswirtschaften". Also, dass Kapos sich entsprechend junge Häftlinge zu sexuellen Diensten herangezogen haben und ihnen dafür Vergünstigungen haben zukommen lassen.

SWR Aktuell: Sie haben speziell zum Frauenstraflager Flußbach in Rheinland-Pfalz geforscht. Wer wurde dort inhaftiert und zu welchem Zweck war das Lager überhaupt errichtet worden?

Lena Haase: Es gab in Flußbach, könnte man grob sagen, zwei große Gruppen an Häftlingen. Das waren einerseits Frauen, die aufgrund eines normalen Verbrechens oder Vergehens inhaftiert worden sind, beispielsweise wegen Diebstahls und Vergleichbarem. Und andererseits waren es Frauen, die wegen ihrer politischen Überzeugung oder weil sie im Widerstand waren, inhaftiert wurden. Die Justizgefangenen waren mehrheitlich deutsche Frauen und die anderen mehrheitlich ausländische Frauen. Und je mehr politische Häftlinge im Lager waren, um so gewalttätiger und härter wurde das Leben im Lager.

Flußbach

Gedenkort geplant NS-Frauenlager Flußbach: Wie ein Ort mit seiner dunklen Vergangenheit ringt

Dass in einem Lager in Flußbach einmal Frauen interniert waren, die im Widerstand gegen die Nazis kämpften, ist heute fast vergessen. Doch nun will die Gemeinde das ändern.

SWR Aktuell am Morgen SWR Aktuell

SWR Aktuell: Die Situation von Frauen wurde erst spät erforscht. Anfangs gab es sogar Zweifel, ob es angesichts von Millionen ermordeter Menschen überhaupt moralisch vertretbar sei, über Geschlecht und Sexualität zu sprechen. Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig?

Lena Haase: Ich glaube, die banalste Antwort wäre zu sagen, weil wir sonst eigentlich nur die halbe Geschichte erzählen. Denn die Bevölkerung besteht nun mal zu ungefähr 50 Prozent aus Frauen. Und wenn wir uns nur mit der Geschichte von Männern auseinandersetzen würden, dann ist es nur die halbe Geschichte, die wir erzählen können. Ich glaube, das ist das zentrale Argument.

Das Gespräch führte Jeanette Schindler, Redakteurin bei SWR Aktuell RLP. Es wurde für die schriftliche Fassung gekürzt und redigiert. 

Koblenz

Internationaler Gedenktag am 27. Januar Erinnern an die Opfer des Holocaust in Koblenz und Andernach

Am 27. Januar 1945 wurden die Häftlinge im Konzentrationslager Auschwitz befreit: 81 Jahre später wird heute in Andernach und Koblenz an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert.

Die Worte stammen von seinem Vater Marcel Reif über seine "Sei ein Mensch"-Rede im Bundestag

"Sei ein Mensch." Das sind Worte, die Marcel Reif vor einem Jahr bei seiner Rede im Deutschen Bundestag zum Holocaust-Gedenktag an uns weitergegeben hat.

Guten Morgen RLP SWR1 Rheinland-Pfalz

Forum Erinnern oder abhaken – Wie gelingt Gedenken in Deutschland?

Das Erinnern an die Verbrechen der Nazis und ihrer Helfer und an die opfer des Holocaust hat in Deutschland einen wichtigen Stellenwert. Doch das Interesse schwindet. Wie sollte das Gedenken der Zukunft aussehen?

Forum SWR Kultur

Traben-Trarbach

Holocaust-Gedenktag So wollen Schüler in Traben-Trarbach an NS-Opfer erinnern

Die Geschichte der jüdischen NS-Opfer ist in Traben-Trarbach fast unsichtbar. Ein Arbeitskreis will das jetzt ändern und Schüler in die Gedenkarbeit einbinden.

SWR4 RP am Morgen SWR4 Rheinland-Pfalz

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Jeanette Schindler

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!