Gedenkort geplant

NS-Frauenlager Flußbach: Wie ein Ort mit seiner dunklen Vergangenheit ringt

Dass in einem Lager in Flußbach einmal Frauen interniert waren, die im Widerstand gegen die Nazis kämpften, ist heute fast vergessen. Doch nun will die Gemeinde das ändern.

Teilen

Stand

Von Autor/in Christian Altmayer

In einer Nacht im Jahr 1942 ziehen zwei junge Frauen in einem Vorort von Paris los, um Graffiti zu sprühen. Odile Benoist-Lucy und ihre Schwester wollen Botschaften an den Häusern ihrer Heimatstadt hinterlassen – gegen die Nationalsozialisten, die Frankreich zu dieser Zeit besetzen.

1940 patrouillieren Wehrmachtsoldaten durch die Champs-Elysees in Paris.
1940 patrouillieren Wehrmachtsoldaten durch die Champs-Elysees in Paris. Gegen die Besetzung gab es damals auch Widerstand. IMAGO / KHARBINE-TAPABOR

"Die beiden waren damals 19 und 20 und sie haben das häufiger gemacht oder auch mal Plakate geklebt", erzählt die Historikerin Lena Haase von der Universität Trier, die sich mit dem Schicksal der zwei Französinnen befasst hat: "So wollten sie sich gegen die Deutschen zur Wehr setzen, in dem Maß, in dem sie das eben konnten."

Doch dieser kleine Akt des Widerstands sollte schwerwiegende Folgen haben. Die beiden Schwestern werden bei der sogenannten Nacht-und-Nebel-Aktion auf der Straße verhaftet und deportiert.

Kaum Widerstandskämpferinnen bekannt

Sie landen im sogenannten Frauenstraflager in Flußbach in der Eifel - so wie mehr als 1.800 weitere Frauen zwischen 1942 und 1944. Darunter sind verurteilte Verbrecherinnen, für die im Wittlicher Gefängnis kein Platz mehr ist oder Zwangsarbeiterinnen, die aus Osteuropa verschleppt wurden. Und auch andere Widerstandskämpferinnen, vor allem aus den Nachbarländern Belgien, Frankreich und Luxemburg.

Von dem ehemaligen NS-Frauenstraflager in Flußbach ist heute nichts mehr zu sehen.
Von dem ehemaligen NS-Frauenstraflager in Flußbach ist heute nichts mehr zu sehen. Dort, wo die Baracken mal standen, soll aber ein Gedenkort entstehen. Förderverein KZ-Gedenkstätte Hinzert

Mutige Frauen, die heute in Vergessenheit geraten sind, wie Haase sagt: "Jeder kennt die Namen von großen männlichen Widerstandskämpfern wie Stauffenberg. Aber außer Sophie Scholl werden den wenigsten Deutschen noch Frauen einfallen, die im Widerstand aktiv waren."

Zu Lebzeiten nicht gewürdigt

Einer der Gründe: Viele Frauen wirken damals eher im Hintergrund. Sie helfen dabei, Menschen vor den Nazis zu verstecken und sie zu versorgen. Oder sie drucken falsche Pässe und unterstützen bei der Organisation. "Alles Tätigkeiten, für die es wenig Aufmerksamkeit gibt", sagt Haase.

Die Historikerin Lena Haase forscht seit mehr als zehn Jahren zum NS-Frauenlager in Flußbach.
Die Historikerin Lena Haase forscht seit mehr als zehn Jahren zum NS-Frauenlager in Flußbach. Inzwischen hat sie die Geschichten von mehr als 1.800 Frauen zusammengetragen, die dort interniert waren. Christian Altmayer

Nach dem Krieg fallen dann viele der Überlebenden wieder in die alten Rollen ihrer Zeit zurück. Sie kümmern sich um Haushalt und Kinder. Über ihren Kampf gegen die Nazis wird nicht mehr gesprochen. "Viele sind daher zu Lebzeiten nie für die Opfer, die sie erbracht haben, gewürdigt worden."

Menschenunwürdige Bedingungen im Lager

Zum Beispiel für die Zeit, die sie im NS-Frauenstraflager in Flußbach verbracht haben - unter menschenunwürdigen Bedingungen. Odile Benoist-Lucy muss damals zur Zwangsarbeit, zum Beispiel bei der Trockenkartoffelfabrik
"Appolonia" in Gillenfeld oder der Firma "Romika" in Gusterath. Bei Widerworten muss sie Strafen fürchten - wie Dunkelhaft oder Nahrungsentzug.

Doch auf dem Acker direkt oberhalb des Dorfes, auf dem die Baracken mal gestanden haben, erinnert heute nichts mehr an diese dunkle Vergangenheit des Ortes. Dabei hat die Historikerin in Flußbach schon vor zehn Jahren einen Vortrag über das Straflager gehalten.

Ortsgemeinde hat geschenkte Gedenktafel nicht aufgestellt

Der Förderverein, der sich um die KZ-Gedenkstätte Hinzert im Hochwald kümmert, hatte der Gemeinde seinerzeit sogar eine Gedenktafel geschenkt. Aufgestellt wurde die aber nie. Über die Gründe kann Haase nur spekulieren: "Es dauert eben häufig ein paar Generationen, bis man sich wirklich dazu durchringt, sich dem zu stellen."

Eifel/Mosel/Hunsrück

Neues Angebot des SWR Studios Trier Nachrichten aus der Region Trier jetzt auf WhatsApp lesen

Das SWR Studio Trier ist jetzt auch auf dem Messenger-Dienst WhatsApp aktiv. Dort finden Sie regionale Nachrichten von Mosel und Saar, aus der Eifel, Hunsrück und Hochwald.

Es falle vielen heute noch schwer, sich einzugestehen, dass die eigenen Vorfahren bei den Verbrechen zugesehen hatten. "Das Lager hatte keine hohen Zäune oder Mauern - das war gut zu sehen, was da vor sich ging", sagt Haase. Und vor allem Landwirte und Winzer hätten davon auch profitiert, weil die Frauen zur Zwangsarbeit auf die Felder und in die Weinberge geschickt wurden.

Ortsbürgermeister unterstützt Pläne

Wollte man von all dem in Flußbach nichts wissen? Der neue Ortsbürgermeister Wolfgang Scheibe weiß nach eigenen Angaben nicht, warum seine Vorgänger sich gegen einen öffentlichen Gedenkort gestellt haben. "Aber wir sind interessiert daran, dass da ein Erinnerungsort mit einer Tafel geschaffen wird", sagt Scheibe.

Wolfgang Scheibe will sich darum kümmern, dass auf diesem Acker ein Gedenkort entsteht.
Ortsbürgermeister Wolfgang Scheibe will sich darum kümmern, dass auf diesem Acker ein Gedenkort für die Opfer des NS-Frauenstraflagers entsteht. Christian Altmayer

"Der älteren Generation sei die Geschichte des Lagers vielleicht noch gegenwärtig", meint der Dorfchef: "Den Jüngeren aber nicht. Und damit das wieder in Erinnerung kommt, möchten wir, dass hier eine Gedenkstätte entsteht."

Förderverein: An NS-Opfer erinnern, ist wichtig

Wie die genau aussehen soll, ist noch nicht entschieden. Auch die Finanzierung muss die klamme Gemeinde klären. Dieter Burgard (SPD) vom Förderverein der KZ-Gedenkstätte Hinzert ist aber zuversichtlich, dass genug Geld zusammenkommen wird: "Das haben wir bei den Stolpersteinen auch immer gesehen, dass sich da noch Spender und Paten finden, die etwas beitragen wollen." Und auch das Land habe eine Förderung in Aussicht gestellt.

Der ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete hatte 1994 das erste Buch über das Frauenlager geschrieben. Damals hatte noch niemand darüber gesprochen. Aber Burgard glaubt, dass das heute wichtiger denn je ist: "Ich denke, in dieser Zeit, in der die Demokratie in Gefahr ist, müssen wir noch mehr darüber informieren, was in einer Diktatur passieren kann."

Dieter Burgard hat 1994 das erste Buch über das NS-Frauenstraflager in Flußbach geschrieben.
Dieter Burgard hat 1994 das erste Buch über das NS-Frauenstraflager in Flußbach geschrieben. Für die SPD saß der Wittlicher im Landtag und war unter anderem Antisemitismusbeauftragter der Landesregierung. Christian Altmayer

Kaum noch Zeitzeuginnen des Lagers am Leben

Hinzukommt, dass es kaum noch Zeitzeuginnen gibt, die ihre Geschichten selbst erzählen können. Die Historikerin Lena Haase hatte noch das Glück, eine von ihnen zu treffen. 2018 war sie in Paris bei Odile Benoist-Lucy zu Besuch, die vor 83 Jahren beim Graffiti-Sprühen verhaftet wurde.

2018 hat Lena Haase die Französin Odile Benoist-Lucy in Paris besucht. Damals war die Überlebende des NS-Frauenstraflagers 97 Jahre alt.
2018 hat Lena Haase die Französin Odile Benoist-Lucy in Paris besucht. Damals war die Überlebende des NS-Frauenstraflagers 97 Jahre alt. Lena Haase

Anders als viele andere Frauen überlebt sie das NS-Regime. Die Nazis deportieren sie irgendwann in ein Nebenlager des KZ Bergen-Belsen, wo viele Gefangene zum Sterben hingebracht werden. Doch dann kommen die Alliierten und befreien die Überlebenden.

Jahre später arbeitet die Französin dann für die neu gegründete Europäische Gemeinschaft, einen Vorläufer der EU. Dass sie dabei auch bereit war, mit den Deutschen zusammenzuarbeiten - das beeindruckt die Trierer Historikerin Haase am meisten: "Ihr war es wichtig, nach dem Krieg wieder einen Zusammenhalt in Europa zu schaffen. Das Einzige, was sie nie wollte war: einen deutschen zum Chef zu haben."

Trier

80 Jahre nach der Befreiung der Tötungsanstalt Hadamar Patientenmorde: Trierer Studenten erinnern an Schicksale von NS-Opfern

82 Menschen aus Trier haben die Nationalsozialisten in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet. Studenten haben jetzt ihre Geschichten recherchiert. Das jüngste Opfer war 15.

SWR4 RP am Morgen SWR4 Rheinland-Pfalz

Hillesheim

Ein Monat lang Veranstaltungen der Kulturinitiative Wie in Hillesheim "Westwallgeschichte(n)" erzählt werden

Welche Grenzen gibt es heute noch real und in den Köpfen? Dieser Frage gehen einen Monat lang Veranstaltungen in Hillesheim nach. Sie verbinden dabei Vergangenheit und Gegenwart.

SWR4 RP am Morgen SWR4 Rheinland-Pfalz

Wittlich

80 Jahre nach der Befreiung Wittlicher Schüler nach Besuch im KZ Auschwitz: "Man fühlt so eine Trauer"

Vor genau 80 Jahren hat die Rote Armee die Überlebenden aus dem Konzentrationslager Auschwitz befreit. Schüler aus Wittlich erzählen, was sie bei einem Besuch dort gelernt haben.

SWR4 RP am Morgen SWR4 Rheinland-Pfalz