Die Moselstraße ist einmal das Zentrum des jüdischen Lebens in Traben-Trarbach gewesen. Einige jüdische Kaufleute hatten dort Geschäfte für Haushaltswaren, Feinkost und Spielzeug. Und im Hinterhaus eines der Anwesen gab es einen kleinen Betsaal.
Die meisten dieser Häuser stehen heute noch. Aus dem ehemaligen Kaufhaus Schoemann in der Fußgängerzone zum Beispiel ist ein Modegeschäft geworden. Seit die Schülerin Helena Wolf sich mit der NS-Zeit befasst hat, hat sie ein mulmiges Gefühl, wenn sie an dem Gebäude in der Brückenstraße vorbeiläuft. Denn sie muss an seinen ehemaligen Besitzer Siegmund Schoemann denken.
Der früher angesehene Kaufmann wurde von den Nazis enteignet. Er floh nach Frankreich, wurde dort gefangen genommen und ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert, wo er 1942 starb.
"Im Kleinen" gegen Antisemitismus vorgehen
Von seinem Schicksal und dem der anderen NS-Opfer aus Traben-Trarbach erzählt bislang nur eine kleine Tafel an der Fassade des Mittelmoselmuseums. Schüler und Schülerinnen wie Helena Wolf könnten bald aber mehr Licht in dieses dunkle Kapitel der Stadtgeschichte bringen.
Nach den Terroranschlägen der islamistischen Hamas vom 7. Oktober 2023 in Israel hat sich in Traben-Trarbach ein Arbeitskreis gegründet. Er will die Erinnerungskultur fördern, wie der evangelische Pfarrer Jörg-Walter Henrich sagt: "Wir wollten schauen, was wir im Kleinen tun können, gegen diese Verachtung gegenüber dem jüdischen Leben."
Stolpersteine und QR-Codes geplant
Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus hat der Arbeitskreis bereits einen Stadtplan entworfen, der ab sofort in der Tourist-Information erhältlich ist. Die Karte zeigt einen jüdischen Rundweg mit 17 Stationen. Darunter sind auch die Häuser in der Moselstraße mit dem Betsaal, das frühere Kaufhaus Schoemann und das Rathaus als ehemalige Zentrale der Nazi-Verwaltung.
An den Stationen plant der Arbeitskreis dieses Jahr Stolpersteine verlegen zu lassen und QR-Codes anzubringen. Mit dem Handy könnten Interessierte dann weitere Informationen zu den NS-Opfern abrufen. "Das Gute ist, dass wir zu den Schicksalen der Menschen fortlaufend etwas ergänzen könnten", erklärt Henrich: "Das könnte auch das Arbeitsfeld von jungen Leuten werden."
Schüler sollen über NS-Opfer recherchieren
Für die Schülerinnen und Schüler am Gymnasium in Traben-Trarbach wäre das keine ganz neue Erfahrung. Die Jugendlichen haben bereits die Schicksale von jüdischen Schülern aus Traben-Trarbach recherchiert. Für den Rundweg wollen sie nun Zeitzeugen in Seniorenheimen befragen.
"Manche Eltern finden, dass es zu früh ist, sich mit dem Thema zu befassen", sagt die pensionierte Lehrerin Anette Heintzen: "Aber es ist deswegen wichtig, weil wir damit ganz, ganz früh schon Empathie wecken und ein Gespür dafür, was es heißt, wenn Menschen ausgegrenzt werden."
Heintzen hat 35 Jahre lang am Gymnasium unterrichtet und das Projekt "Schule ohne Rassismus" betreut. Heute ist sie Mitglied im Arbeitskreis und will weiter dafür sorgen, dass das Thema in den Köpfen der jungen Leute präsent bleibt.
Schüler: "Kann heute wieder passieren"
Das findet auch die sechszehnjährige Clarissa Eltges wichtig: "Heute würde diese Ausgrenzung vielleicht auf mehr Widerstand in der Gesellschaft stoßen, aber ich glaube schon, dass es grundsätzlich noch möglich wäre."
Ihr Mitschüler Johan Bauer sagt: "Als ich mich zum ersten Mal damit beschäftigt hatte, war das Thema mir noch total fern. Als ich dann mehr darüber gehört habe, was damals passiert ist, war ich geschockt."
Gedenkveranstaltung in Traben-Trarbach geplant
Manche der Schülerinnen und Schüler werden auch heute am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus ein paar Worte über die jüdischen Bürgerinnen und Bürger der Stadt sagen. Für den Abend plant der Arbeitskreis ein Treffen am Rathaus mit einem Rundgang durch die Straßen.
Denn es soll nicht in Vergessenheit geraten, wer früher in den Häusern in der Moselstraße und in der Fußgängerzone gelebt hat. Und: Wie es dazu kam, dass sie ermordet wurden.
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Der Pfarrer Jörg-Walter Henrich drückt das Anliegen des Arbeitskreises mit den Worten des Auschwitz-Überlebenden Elie Wiesel aus: "Die Toten zu vergessen, würde bedeuten, sie ein zweites Mal umzubringen."