70 Prozent der Pflegekräfte in Kliniken und Altenheimen berichten davon, selbst schon körperliche Gewalt oder verbale Übergriffe erlebt zu haben. Das hat eine aktuelle Befragung der Landespflegekammer ergeben.
Leander Bober ist Pfleger und stellvertretender Bereichsleiter Pflege am Klinikum Worms. Er arbeitet seit 15 Jahren in der Notaufnahme. Wir haben ihn nach seinen Erfahrungen mit gewalttätigen Patienten gefragt.
SWR1: Im vergangenen Jahr gab es allein im Klinikum Worms 30 schwerwiegende Übergriffe gegen das Personal. Was haben Sie persönlich schon erlebt?
Wie Pflegekräfte mit Gewalt durch Patienten umgehen
Leander Bober: Ich habe persönlich schon die ganze Bandbreite an Übergriffen erlebt, die von den sozusagen "normalen" kleinen Anfeindungen und dem etwas rauen Umgangston bis hin zu tätlichen Angriffen reicht.
Es geht sehr häufig um Patienten, die alkoholisiert oder intoxikiert mit Drogen sind.
SWR1: Was ist da passiert?
Bober: Bei der körperlichen Gewalt geht es sehr häufig um Patienten, die alkoholisiert oder intoxikiert mit Drogen sind und deswegen ihre Situation falsch beurteilen und sich gegen das Personal richten.
Bei den weniger schwerwiegenden Vorfällen machen Patienten oft ihrem Unmut Luft über die Wartezeiten oder über die ihrer Ansicht nach unzureichende medizinische Versorgung im Gesundheitswesen.
So können sich Pflegekräfte schützen bei Gewalt durch Patienten
SWR1: Kann man sagen, wer in schwierigen Situationen besonders schnell austickt und mit Gewalt reagiert?
Bober: Leider überhaupt nicht. Das zieht sich im Prinzip quer durch alle Bevölkerungsschichten und Bildungsgruppen. Wir müssen aber auch sagen, dass unter diesen vielen Patienten, die wir behandeln, die allermeisten sehr froh und dankbar sind.
SWR1: Was macht Ihr Arbeitgeber, um die Pflegekräfte besser gegen Gewalt zu schützen?
Bober: Wir haben interne Trainings, mit denen wir uns auf solche Situationen vorbereiten. Wir üben Kommunikation und versuchen, diese Situation vorher zu erkennen und noch vor der Entstehung zu entschärfen.
Außerdem hilft es natürlich, sich bewusst zu machen, dass dieser Umgang miteinander nicht normal ist und dass man das nicht einfach aushalten muss. In schwereren Formen kann das zur Anzeige gebracht werden und in den leichteren Formen gut deeskaliert werden.
Aktuelle Umfrage zur Belastung der Pflegekräfte Gewalt gegen Pflegekräfte in Rheinland-Pfalz nimmt zu
70 Prozent der Pflegekräfte in RLP berichten von körperlichen Angriffen durch Patienten oder Angehörige. Das ergab eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach und der Landespflegekammer.
SWR1: Es gibt sogar Sicherheitsräume bei Ihnen in der Klinik, wo Sie sich im Fall der Fälle zurückziehen könnten.
Bober: Ja, die sind mit einem besonderen Telefon ausgestattet, um Hilfe zu holen. Wir haben dafür einen festen Ablauf festgelegt, aus welchen Bereichen Kollegen zur Hilfe kommen können, um so eine Situation allein durch viel mehr Personal vor Ort zu entschärfen. Da geht es nicht darum, sich körperlich auseinanderzusetzen, sondern einfach Präsenz zu zeigen.
Es ist wichtig, den Mitarbeitenden bewusst zu machen, dass das keine normale Form der Kommunikation ist.
Gewalt gegen Pflegekräfte inzwischen ein alltägliches Phänomen
SWR1: Zunehmende Gewalt gegen Pflegekräfte – was macht das mit Ihren Kolleginnen und Kollegen und mit Ihrem Berufsstand?
Bober: Für uns ist das ja im Prinzip alltäglich. Es ist ein Phänomen, mit dem die meisten Pflegekräfte schon während ihrer Ausbildung oder spätestens in den ersten Berufsjahren konfrontiert werden.
Es ist wichtig, den Mitarbeitenden bewusst zu machen, dass das keine normale Form der Kommunikation ist und dass man sich von einzelnen Patienten, die die Beherrschung verlieren, nicht entmutigen lassen darf.
Wir sind weiterhin dafür da, Patienten zu helfen und sie gut zu versorgen, und wir wollen auch den Patienten grundsätzlich freundlich gegenübertreten.