Einen Menschen am Telefon nach Hause begleiten - das ist das Ziel des sogenannten Heimwegtelefons. Zu Beginn des Gesprächs werden Start und Ziel in ein Kartensystem eingetragen. Dann geht es los, mit dem Handy am Ohr. Am anderen Ende der Leitung sitzt der ehrenamtliche Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin und hört zu.
Die rund 100 Mitarbeitenden kommen aus ganz Deutschland, auch aus Rheinland-Pfalz. Einer von ihnen ist Daniel. SWR Aktuell hat mit ihm gesprochen - über die Ängste der Anrufenden, die Motivation der Ehrenamtlichen und über die aktuelle "Stadtbild"-Debatte.
SWR Aktuell: Daniel, was ist die Idee des Heimwegtelefons?
Daniel: Das Heimwegtelefon soll eine einfache, unkomplizierte, niederschwellige Anlaufstelle sein, an die ich mich wenden kann, wenn ich abends oder nachts unterwegs bin, mich unsicher fühle und eben niemanden mehr im Familien- oder Bekanntenkreis erreichen kann. In solchen Momenten einfach jemanden zu haben, mit dem ich sprechen kann und dadurch mit dieser Situation nicht alleine sein muss, das ist die Idee.
SWR Aktuell: In welchen Situationen rufen die Menschen beim Heimwegtelefon an, was sind deren Gründe?
Daniel: Die Gründe sind so vielfältig, wie die Menschen vielfältig sind. Häufig sind es diese letzten 5 oder 10 Minuten, die man zurücklegt, wenn man zum Beispiel aus dem öffentlichen Nahverkehr ausgestiegen ist. Und jetzt den letzten Weg bis nach Hause alleine gehen muss. Manchmal sind es aber auch Menschen, die zum Beispiel ihr Auto auf einem weiter weg geparkten Parkplatz suchen. Das ist ganz unterschiedlich.
SWR Aktuell: Gerade wird viel über die Aussagen des Bundeskanzlers zum "Problem im Stadtbild" diskutiert. Er hat sich zunächst ja sehr vage ausgedrückt und dann erklärt, dass er illegale Migranten meint. Wie sehen Sie das - sind diese illegalen Migranten Grund für das Unsicherheitsgefühl von vornehmlich Frauen oder gibt es diese Angst im öffentlichen Raum schon viel länger?
Daniel: Dass gerade Frauen, weiblich gelesene Personen, sich auf ihrem Weg im öffentlichen Raum unwohl fühlen, ist ein Phänomen, das nicht unbedingt neu ist. Denn auch vor 2015, vor den großen Migrationsströmen, gab es ja Situationen, in denen Frauen gesagt haben: Ich fühle mich hier nicht wohl. Unserer Erfahrung nach sind es vor allem Erfahrungen mit Cat Calling (Anm. d. Red.: sexuell anzügliches Rufen und Pfeifen), mit Betrunkenen, mit Menschen, die laut sind, die uneinschätzbar wirken, die dazu führen, dass gerade Frauen sagen - ich fühle mich gerade in dieser Situation nicht wohl. Ob das genau auf das Stadtbild zurückzuführen ist, das ist natürlich eine Debatte, die die Gesellschaft gerade führt.
SWR Aktuell: Ist diese Debatte hilfreich?
Daniel: Wir sind vor allem einfach froh, dass die Thematik grundsätzlich überhaupt mal besprochen wird, dass also Menschen in diesem Land gerade miteinander sprechen: Was führt denn bei ihnen dazu, dass sie sich vielleicht im öffentlichen Raum unwohl fühlen.
SWR Aktuell: Das heißt aber, die Problematik ist sehr viel älter als die Debatte übers "Stadtbild"?
Daniel: Das Heimwegtelefon wurde ja vor den großen Flüchtlingsbewegungen ab 2015 gegründet (Anm. d. Redaktion: Die Gründung war 2011). Wir hören das auch immer mal wieder von Menschen, die sagen: Ach, da hätte ich mich mal gefreut, wenn es das mal in meiner Jugend gegeben hätte. Und da reden wir vielleicht von einer Jugend, die eher in den 1990er Jahren oder in den 1980er Jahren gelegen hat. Also die grundsätzliche Problematik ist wesentlich älter als diese "Stadtbild"-Debatte oder das, was in dieser "Stadtbild"-Debatte als Ursache aufgeführt wird.
SWR Aktuell: Was machen eigentlich die Mitarbeitenden beim Heimwegtelefon, wenn zum Beispiel eine Frau anruft, die sich akut bedroht fühlt oder wenn wirklich was passiert?
Daniel: Grundsätzlich raten wir allen Menschen, wenn sie sich in einer akuten Bedrohungssituation befinden, bitte auch sofort den Notruf, also die 110 oder die 112, zu wählen. Dann bitte erstmal nicht an ein Angebot wie unseres wenden, sondern direkt den Rettungskräftekontakt suchen. Sollte sich in einem Telefonat eine Situation einstellen, von der wir Zeuge werden - eine Situation, wo wir sagen, hier ist jetzt der Punkt gekommen, wo die Person am anderen Ende Hilfe durch Polizei oder Rettungsdienst benötigt - dann schreiten wir natürlich auch ein. Durch das Konzept des Gesprächsverlaufs wissen wir während des Telefonats, wo sich die Person gerade aufhält.
SWR Aktuell: Und wenn sich die Situation zuspitzt?
Daniel: Wenn dann wirklich etwas passieren sollte, dann haben wir die Möglichkeit, diesen Vorfall weiterzugeben - an Polizei oder Rettungsdienst, um die Hilfe vor Ort anschieben zu können. Letztlich tun wir damit nur das, was wir alle auch im öffentlichen Raum tun sollten, wenn wir sehen, dass eine Person in Gefahr ist: Dass wir das mindestens den Behörden - also, der Polizei oder dem Rettungsdienst - melden, damit die diesen Menschen helfen können. Wir tun das eben aus dem Home Office heraus.
SWR Aktuell: Können Sie sich noch an einen bestimmten Fall erinnern, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Daniel: Wir sprechen nicht über einzelne Fälle, weil uns ganz wichtig ist, dass die Menschen am anderen Ende der Leitung das Gefühl bekommen: Meine Geschichte, meine Situation ist tatsächlich auch sicher beim Heimwegtelefon.
SWR Aktuell: Wer ruft in der Regel bei Ihnen an – sind das mehr Frauen oder auch Männer?
Daniel: Statistisch gesehen rufen mehr weiblich gelesene Personen an. Aber es kommt durchaus vor, dass auch Männer sich an das Heimwegtelefon wenden. Wir erleben, dass Männer sehr große Zurückhaltung haben – oft mit dem Gefühl, ich darf gar keine Angst haben. Aber natürlich kann das durchaus auch männlich gelesene Personen betreffen. Wenn wir in die Kriminalstatistik schauen, dann sehen wir, dass durchaus auch sehr viele männlich gelesene Personen von Gewalttaten im öffentlichen Raum betroffen sind.
SWR Aktuell: Wie viele Anrufe bekommen Sie im Durchschnitt an einem Wochentag und am Wochenende?
Daniel: Das ist abhängig von Jahreszeit, Tageszeit und natürlich von dem Wochentag. Die meisten Anrufe erhalten wir logischerweise an den Wochenenden - vor allem natürlich in den Nächten, wenn wir auch nach Mitternacht noch erreichbar sind. Die allermeisten Anrufe gehen tatsächlich im September ein, weil das die Zeit ist, in der es noch relativ lange hell und draußen warm ist. Das können in so einer Nachtschicht dann durchaus mal 50 bis 80 Anrufe werden.
SWR Aktuell: Was motiviert Sie denn, diese ehrenamtliche Arbeit zu machen?
Daniel: Was mich immer wieder prägt und auch immer wieder motiviert, mitten in der Nacht am PC zu sitzen und auf den nächsten Anruf zu warten, ist dieses Gefühl, zu spüren: Ich kann gerade mit einer ganz, ganz einfachen Geste meinem Gegenüber eine ganz, ganz große Erleichterung bringen. Und es ist tatsächlich so, dass man auch immer wieder erlebt, dass Menschen am Ende wirklich fast den Tränen nah sind, weil sie sich vollkommen überfordert fühlen mit der Situation oder dem gerade Erlebten. Und wenn dann nach ein paar Minuten sich die Stimmung lockert und ich spüre: Dieser Mensch, den ich da gerade dran habe, dem fällt der Ballast ab und da ist wieder Hoffnung und Zuversicht und Freude in der Stimme – das ist einfach ein unbezahlbarer Moment und dafür machen wir es auch.
SWR Aktuell: Vielen Dank für das Gespräch!