Abrechnungsbetrug betrifft alle, weil die Beiträge zur gesetzlichen oder privaten Krankenkasse immer stärker steigen. Bei dieser Betrugsform rechnen Ärztinnen und Ärzte, Apotheken, Pflegedienste, Krankenhäuser und Medizinische Versorgungszentren oder Therapeuten Leistungen ab, die sie nicht erbracht haben - und verursachen damit teils hohe Schäden.
Spezialeinheiten in allen Polizeipräsidien in RLP
"Es ist ein Ausnutzen dieses Systems, das auf Vertrauen beruht und auch nur so funktioniert", sagt Gudrun Nollert. Sie leitet seit Mitte 2024 die Spezialeinheit gegen Betrug im Gesundheitswesen beim Polizeipräsidium Koblenz. Das Land hat damals in jedem der fünf Polizeipräsidien in Rheinland-Pfalz solche Spezialeinheiten geschaffen, um Ermittlungen zentral zu führen und damit effektiver zu machen.
Man kommt da mit Fällen in Berührung, die man so nicht erwartet hat. Auch, was die kriminelle Energie angeht.
Überraschende Fälle und kriminelle Energie
Die Koblenzer Hauptkommissarin hat vor ihrer Berufung zur Leiterin der Spezialeinheit im Fachkommissariat für Wirtschaftsdelikte gearbeitet, sie kennt sich also mit Betrügerinnen und Betrügern aus. Doch die Dimensionen im Gesundheitswesen überraschen sie immer wieder. "Es ist ein bisschen so, als würde man einen Vorhang zurückziehen, wie Alice im Wunderland im Kaninchenbau", sagt sie und lacht. "Man kommt da mit Fällen in Berührung, die man so nicht erwartet hat. Auch, was die kriminelle Energie angeht."
Keine Infos zu konkreten Ermittlungen
Konkrete Details zu laufenden Fällen darf sie zwar nicht nennen. Doch sie berichtet, dass sie und ihr Team gerade an einem besonders großen Ermittlungskomplex zum Nachteil von Patientinnen und Patienten arbeiten, die sich selbst nicht wehren können.
"Das macht mich wütend, und da bleibt mir auch der Mund offen stehen über die Dreistigkeit", sagt Nollert. Deshalb prüfe das Team immer auch die Möglichkeit, ob die Behörden Vermögenswerte einziehen können, um den entstandenen Schaden auszugleichen.
Schaden kann oft nur geschätzt werden
Und der Schaden kann sehr hoch sein. Für das erste Halbjahr 2025 liegt er laut Innenministerium allein für 17 Fälle, in denen die Ermittlungen im Bereich des Polizeipräsidiums Koblenz abgeschlossen wurden, bei geschätzten 1,6 Millionen Euro. Tatsächlich dürfte er aber deutlich höher liegen. In einer Antwort an den SWR heißt es nämlich: "Ein Schaden wird nur bei vollendeten Fällen erfasst. Ist ein Schaden nicht bezifferbar, wird ein ideeller Schaden von 1 Euro registriert."
Wie läuft die Arbeit der Spezialeinheit in Koblenz ab?
Die Spezialeinheit in Koblenz besteht aus etwa 20 Polizisten, Fachkräften mit medizinischem Wissen und Experten für Abrechnungen im Gesundheitswesen. Gemeinsam analysiert das Team die Daten, die oft noch mühsam per Hand aus den Patientenakten auf Papier herausgefiltert werden müssen.
Hinweise auf Betrug kommen dabei aus verschiedenen Quellen - von den Krankenkassen selbst, die Auffälligkeiten melden, von ehemaligen Beschäftigten in Praxen oder Pflegediensten, die auf falsche Abrechnungen hinweisen, oder von Angehörigen, die Rechnungen prüfen und Unregelmäßigkeiten entdecken.
Millionenschäden und neue Strukturen bei der Polizei
Für die Zeit zwischen 2021 und 2024 hat die Koblenzer Spezialeinheit nach eigenen Angaben in jedem Jahr in rund 40 Fällen von Abrechnungsbetrug ermittelt - mit einem durchschnittlichen Gesamtschaden von etwa 3,7 Millionen Euro jährlich in der Region. Doch viele Fälle bleiben wahrscheinlich unentdeckt.
Die Koblenzer Kommissarin findet es aber wichtig, mit ihrem Team den Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen aufzuklären. Die Betrügerinnen und Betrüger schädigten die Allgemeinheit, sagt sie. Und sie hofft darauf, dass die Digitalisierung im medizinischen Bereich die Ermittlungen in Zukunft leichter macht. Doch Gudrun Nollert weiß auch: "Das ist ein bleibendes Phänomen, und das geht auch nicht mehr weg."