Finanznot der Krankenkassen: Wie krank ist unser Gesundheitssystem?

Die Zusatzbeiträge einiger gesetzlicher Krankenkassen wurden Anfang 2026 erneut erhöht. Prof. Dr. Simon Reif untersucht das deutsche Gesundheitssystem und fordert mehr Ehrlichkeit.

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Wenn es eine einfache Lösung gäbe, das Gesundheitssystem besser zu machen, hätte das schon jemand getan. Alles, was man machen kann, wird sich entweder auf den Geldbeutel der Leistungserbringer oder die Verfügbarkeit der Leistungen auswirken.

Steigende Krankenkassenbeiträge – Erhöhung ohne Ende?

Nach Information der Stiftung Warentest hat etwa die Hälfte der Krankenkassen ihre Beiträge Anfang 2026 angehoben. Unterschiedlich stark und in der Regel höher als vorher erwartet. Und das, obwohl die Bundesregierung zum Ziel hatte, dass die Kassenbeiträge stabil blieben und dafür ein Sparpaket mit rund zwei Milliarden Euro geschnürt hatte.

Gesundheitsökonom Prof. Dr. Simon Reif nimmt die Kassen in Schutz: für die meisten Beitragserhöhungen könne die einzelne Kasse nichts. Sie müssten schlicht mehr Geld ausgeben, als sie einnehmen. Da es keine Ausgabensenkung und nicht mehr Zuschüsse vom Bund gebe, sei der einzige Weg, die Beiträge zu erhöhen.

Dafür, dass wir Leistungen entbudgetiert und Budgets für die Krankenhäuser erhöht haben, kann die einzelne Krankenkasse nichts. Das sind politische Entscheidungen, dass wir im ambulanten Sektor eine Form von Leistungsausweitungen haben, die Geld kosten – und irgendwo muss dieses Geld reinkommen.

Die steigenden Gesundheitskosten verteilen sich laut Simon Reif zu je einem Drittel auf:

  • Steigende Lebenserwartung (demografischer Wandel). Allerdings: durch Migration kämen junge Menschen hinzu, die Beiträge zahlen und "nichts kosten".
  • Technischer Fortschritt und damit verbunden bessere Behandlung
  • Ausweitung von Leistungen

Ließe sich durch weniger Krankenkassen Geld einsparen?

In Deutschland gibt es über 90 gesetzliche Krankenkassen und rund 40 private Krankenversicherungen. Vor ein paar Jahrzehnten waren es sogar noch deutlich mehr Kassen, die Zahl ist gesunken. Würden wir Geld sparen, wenn wir weniger Krankenkassen hätten?

Simon Reif sagt, er habe berechnet, wie sich die Verwaltungskosten verändern, wenn mehr Mitglieder in einer Krankenkasse sind. Dabei kam heraus, dass wir nicht per se etwas sparen würden, wenn wir weniger Krankenkassen hätten.

Dieses Argument, dass alles billiger werden würde, wenn wir weniger Krankenkassen haben, stimmt halt nicht.

Berlin

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken | 3.11.2025 Gesundheitssystem in Deutschland: ein hoffnungsloser Patient?

Steigende GKV-Beiträge, hohe Kosten, schleppende Krankenhausreform: Wie die neue Bundesministerin Nina Warken das deutsche Gesundheitswesen wieder fit machen will.

Leute SWR1 Baden-Württemberg

Wie könnte das deutsche Gesundheitssystem verbessert werden?

Das deutsche Gesundheitssystem habe im internationalen Vergleich sehr hohe Ausgaben, so Reif. Es gehe also nicht unbedingt darum, noch mehr Geld hineinzustecken, sondern das vorhandene Geld besser einzusetzen.

Ich bin überzeugt, das Ziel von den allermeisten Leuten im Gesundheitswesen ist, eine sehr gute Versorgung für die Patientinnen und Patienten aufrechtzuerhalten. Nur sind wir nun mal in einer Welt, in der wir begrenzte Ressourcen haben und uns überlegen müssen, wie wir das am besten organisieren und finanzieren.

Das Problem: Gesundheit sei auch ein riesiger Wirtschaftszweig in Deutschland. Dadurch gebe es sehr unterschiedliche Interessen. Das mache Veränderungen schwierig.

Das lange Ringen um die Krankenhausreform

Ein gutes Beispiel sei die Krankenhausreform, meint Simon Reif. Jeder sehe, dass wir in Deutschland zu viele Krankenhäuser haben. Das habe Nachteile, wie beispielsweise zu wenig Erfahrung bei speziellen Operationen. Oder dass das Pflegepersonal sich auf zu viele Orte verteilt.

Es sind sich alle einig, dass eine Zentralisierung bis zu einem gewissen Grad eine gute Idee wäre – aber: nur bis zu dem Punkt an dem das Krankenhaus bei mir um die Ecke [wegfällt] und ich dann weiter fahren muss.

Simon Reif fordert eine ehrliche Diskussion darüber, wie viel Geld wir als Gesellschaft in unser Gesundheitssystem stecken wollen, was wir davon haben und wie wir es organisieren wollen. Schließlich habe jedes Gesundheitssystem Vor- und Nachteile.

Im Vergleich zum englischen Gesundheitssystem beispielsweise würde ich sagen, haben wir es in Deutschland doch sehr gut getroffen.