Ausfall von Schulunterricht, Lehrermangel, zu große Klassen: Es sind Dauerthemen der Bildungspolitik, gefühlt seit Jahrzehnten, nicht nur in Rheinland-Pfalz. Die Lehrerverbände beklagen sich, die Opposition kritisiert, die Landesregierung schaut auf die positiven Seiten - soweit, so bekannt.
Auch im jüngst gestarteten Schuljahr klingen die Zahlen zunächst einmal sehr gut. Zu Schuljahresbeginn waren laut Bildungsministerium 99,6 Prozent der Planstellen besetzt. Lediglich 146 Stellen seien noch zu besetzen, hieß es. Das werde bis dahin durch Vertretungskräfte kompensiert. Der Pflichtunterricht könne grundsätzlich erteilt werden.
470 zusätzliche Lehrerstellen stünden zum neuen Schuljahr zur Verfügung. Damit seien rund 45.000 Lehrkräfte an den Schulen in Rheinland-Pfalz beschäftigt – so viele wie noch nie.
Bildungsminister Sven Teuber (SPD) verwies auch darauf, dass in den vergangenen sieben Schuljahren rund 11.000 Lehrkräfte eingestellt worden seien. Man habe in Rheinland-Pfalz frühzeitig effektive Maßnahmen ergriffen, um Lehrkräftemangel zu vermeiden, sagte er zu Schuljahresbeginn.
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In RLP hat der Schulunterricht wieder begonnen - mit einer guten Nachricht für die Schülerinnen und Schüler: Es gibt keine unangekündigten Überprüfungen der Hausaufgaben mehr.
Lehrerverbände: Planstellen decken nicht tatsächlichen Bedarf
Und dennoch legen die Lehrer-Verbände in Rheinland-Pfalz den Finger immer wieder in die Wunde "Unterrichtsausfall". Planstellen seien eben geplant, sagt Jochen Ring vom Philologenverband im Gespräch mit dem SWR, das heiße nicht, dass damit der tatsächliche Bedarf gedeckt sei. Die vom Ministerium genannten 99,6 Prozent spiegelten den Stand einer "Plan"-Erfüllung wider.
Es kommt an dieser Stelle ein schwer verständliches Ungeheuer der Bildungspolitik ins Spiel: der sogenannte strukturelle Unterrichtsausfall. Das ist die Lücke zwischen dem geplanten und dem tatsächlich realisierbaren Unterricht einer Schule.
Schulen in Rheinland-Pfalz müssten in einem gewissen Prozentsatz - zwei bis drei Prozent, sagt Ring - von vornherein Unterricht ausfallen lassen, um Vorgaben des Ministeriums zu erfüllen.
Ministerium: So gut wie kein Ausfall von Pflichtunterricht
Das Bildungsministerium widerspricht. Dass von vornherein nicht alle Stunden gemäß Stundentafel mit einer Lehrkraft besetzt seien, sei nicht richtig. Den Ausfall von Pflichtunterricht gebe es in Rheinland-Pfalz so gut wie nicht. Strukturellen Unterrichtsausfall gebe es wohl, trotz guter Lehrkräftesituation. Der entstehe jedoch, wenn die Schulen - zusätzlich zum Pflichtunterricht - nicht alle gewünschten weiteren Angebote anbieten könnten, wie etwa bestimmte Förderangebote oder AGs.
Hinzu kommt der temporäre Unterrichtsausfall, der sich im Alltag kurzfristig ergibt. Lehrkräfte werden krank, gehen in eine Fortbildung oder reduzieren ihre Stundenzahl etwa für die Kindererziehung.
Bei Ausfall einer Lehrkraft muss die Vertretung geregelt werden. Dabei gilt es schon als Vertretungsstunde, wenn die Schüler sich still beschäftigen, ohne dass unterrichtet wird. Eigenverantwortliches Arbeiten heißt das. Wenn die Lücke durch einen fachfremden Kollegen geschlossen wird, findet zwar kein regulärer Fachunterricht statt, von der Statistik wird die Stunde aber trotzdem als "nicht ausgefallen" erfasst.
Trend: Studierende auf Lehramt müssen einspringen
Oftmals springen an den Schulen inzwischen Studierende auf Lehramt ein, um Ausfälle zu beheben. Dies ist ein Trend der vergangenen Jahre. Lars Lamowski, der Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), weist immer wieder darauf hin. Er kritisiert, dass so auf Dauer die Qualität des Unterrichts leiden könnte.
Nur wenige Seiteneinsteiger ins Lehramt in RLP
Es gibt in Rheinland-Pfalz eine im Bundesvergleich geringe Zahl an Quer- und Seiteneinsteigern. Die Zahl bewegt sich seit Jahren bei etwa ein Prozent der Lehrkräfte, so das Bildungsministerium. Im vergangenen Schuljahr waren es 475. Vor allem ostdeutsche Bundesländer setzen mehr auf diese Ressource.
Dennoch sei es, so das Ministerium, nicht immer einfach, für bestimmte Fächer und Regionen Lehrkräfte zu gewinnen. Und da bewährten sich der Quereinstieg und der Seiteneinstieg ins Lehramt als zusätzliche Instrumente. Lehrkräfte fehlten vor allem in Physik, Musik und Bildende Kunst oder berufsbezogenen Fächern, wie Elektrotechnik.
Verbände fordern Lehrkräfteversorgung von mehr als 100 Prozent
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert, dass die Schulen zusätzlich zu den für den Unterricht vorgesehenen Lehrerwochenstunden weitere Stunden erhalten. Diese zusätzlichen Stunden sollten von den Stundenplanern gezielt als Doppelbesetzungen eingesetzt werden. Auf diese Weise könnten Lehrkräfte im Teamteaching die Klassenlehrkraft unterstützen.
Falls in einer anderen Lerngruppe ein Vertretungsbedarf entsteht, könne die zusätzliche Lehrkraft diese Aufgabe übernehmen, ohne dass Klassen aufgeteilt oder lediglich mitbetreut werden müssten. Eine Lehrkräfteversorgung von mindestens 110 Prozent sei nötig.
Auch die Position des Philologenverbands geht in diese Richtung: Es sollte eine mehr als 100-prozentige Unterrichtsversorgung geben, damit der durch die Lehrpläne vorgegebene Unterricht komplett stattfinden und darüber hinaus der temporäre Ausfall aufgefangen werden könne.
Zahl der Studierenden auf Lehramt geht seit Jahren zurück
Die Robert-Bosch-Stiftung nennt als das größte Problem im deutschen Bildungssystem den Lehrermangel. Der Lehrerberuf scheint für junge Menschen nicht mehr so attraktiv zu sein. Die Anzahl der Lehramtsstudierenden in Rheinland-Pfalz hatte im Wintersemester 2012/13 mit 18.727 den Höchstwert erreicht. Seit Beginn des Jahrzehnts ist die Zahl kontinuierlich rückläufig.
Das Problem wird dadurch verschärft, dass viele Lehrkräfte aus der Babyboomer-Generation derzeit oder bald den Schuldienst verlassen.
Im Gegenzug stieg zuletzt aber die Zahl der Referendarinnen und Referendare in den staatlichen Studienseminaren in Rheinland-Pfalz deutlich an.
Gemessen an den voraussichtlichen Lehramtsabsolventen fehlen bis 2035 bundesweit etwa 49.000 ausgebildete Lehrkräfte, um alle Stellen zu besetzen. Das ist die Prognose der Bildungsministerkonferenz vom Februar. Vor allem bis 2026 wird es laut Bericht einen akuten Mangel geben: Nur rund 22.500 Neuabsolvierende stehen in diesem Zeitraum einem Bedarf von 30.700 Stellen gegenüber.
Lehrerberuf in den Augen junger Menschen nicht mehr so attraktiv
Jochen Ring sagt, er beobachte zunehmend, etwa wenn er mit ehemaligen Schülern oder Abiturienten spreche, dass für sie der Lehrerberuf keine Option sei. Dann höre er Aussagen wie: "viel zu stressig" oder "nicht mit den Kindern von heute". Viele ziehe es in die freie Wirtschaft, sie möchten im Ausland arbeiten, eine internationale Karriere machen.
Um dieser Entwicklung gegenzusteuern, müsse der Beruf attraktiver gemacht werden, sagt Ring. Die Klassen und Lerngruppen müssten kleiner werden. Auch dürften die pädagogischen Freiheiten der Lehrkräfte nicht weiter eingeschränkt werden und das Stundendeputat müsse gesenkt werden. Er kenne keine Lehrkraft, die – auf das Jahr gerechnet – auf eine 40-Stunden-Woche komme. Die meisten arbeiteten 43 bis 45 Stunden.
Alle Lehrerverbände verweisen auf die wachsende Belastung der Lehrkräfte: der Umgang mit KI, generell die Digitalisierung, die Frage nach einem möglichen Handyverbot, die im Vergleich zu früher größere Bandbreite bei der Herkunft und den sozialen Hintergründen der Schülerinnen und Schüler.
Individuelle Förderung nur bei kleineren Klassen und Kursen möglich
Bei den aktuellen pädagogischen Herausforderungen wären daher 20, 25 Schüler durchaus sinnvoll, so Ring. Derzeit liegt die Grenze in der Mittelstufe der Gymnasien bei 33, in der Unterstufe bei 28. Mehr individuelle Förderung der Schüler, wie es Bildungsminister Sven Teuber (SPD) fordere, sei da meist nicht möglich. Woher solle man nach der Rückgabe einer Kurs- oder Klassenarbeit die Zeit für halbstündige Gespräche mit jeder Schülerin und jedem Schüler nehmen?