"Der erste Schritt ist, zu erkennen, dass man einsam ist"

Psychotherapeut aus Landau gibt Tipps gegen Einsamkeit

Alte und junge Menschen leiden ganz besonders unter Einsamkeit. Der Experte Thomas Flocken aus Landau erklärt im Interview mit dem SWR, was wir alle gegen Einsamkeit tun können, um wieder herauszufinden.

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SWR Aktuell: Herr Flocken, wer leidet bei uns in der Pfalz am meisten an Einsamkeit?

Thomas Flocken: Es gibt zwei große Gruppen, die in unserer Region, aber auch bundesweit, betroffen sind. Das sind einmal die Seniorinnen und Senioren, die Generation 65 plus und da vor allem die Generation 75 plus, da ist es noch viel extremer. Und dann haben wir die jungen Menschen zwischen 17 und 28 Jahren. Bei denen gibt es eine steigende Tendenz für Einsamkeit.

Thomas Flocken
Thomas Flocken, psychologischer Psychotherapeut und Leiter des sozialpsychiatrischen Dienstes der Kreisverwaltung Südliche Weinstraße, hält Vorträge über Einsamkeit

SWR Aktuell: Schauen wir erstmal auf die Älteren. Woher kommt da die Einsamkeit?

Flocken: Zum einen ist es die Generation, die am wenigsten gelernt hat, mit der Psyche umzugehen. Das ist ja eine große Errungenschaft, dass wir heutzutage über psychische Themen nachdenken und sprechen. Da fehlt es an der geistigen Flexibilität und an der Reflektionsfähigkeit, zu überlegen, welche Strategien entwickle ich denn, um mein Leben weiterhin lebenswert zu machen.

Zum anderen sind wir eine mobile Gesellschaft. Wir sind eine Gesellschaft, die sich individualisiert. Die Kinder ziehen weg. Es fehlt der familiäre Anschluss, den wir früher hatten. Und älteren Menschen fehlen auch teilweise die Fähigkeiten dazu, digital in Verbindung zu bleiben.

SWR Aktuell: Wie schaffen es ältere Menschen, aus ihrer Einsamkeit herauszukommen?

Flocken: Der erste Schritt ist, zu erkennen, dass man einsam ist und zu erkennen: Da möchte ich was tun. Dann braucht es die Informationen, wo kann ich mich denn überhaupt hinwenden? Das Einfachste ist ein Seelsorgetelefon. Da geht es darum, einfach mal zu quatschen. Das ist der erste Schritt. Und indem man mal quatscht oder redet, kommt man dann auch auf Ideen, was könnte ich denn sonst noch machen?  

SWR Aktuell: Um dort anzurufen, braucht man etwas Mut. Genauso wie zu regelmäßigen Seniorentreffs zu gehen.

Flocken: Ja, es braucht das Bewusstsein dafür, dass ich mich auch überwinde und da hingehe. Das Schamgefühl ist bei Seniorinnen und Senioren sehr stark ausgeprägt. Vielleicht fühle ich mich nicht mehr so fit oder ich mache mir Sorgen um mein Aussehen. Und da braucht es einfach Ermutigung, zu sagen: Bitte wagt das. Ich habe schon einige ermutigt und die bereuen es nicht. Die sind total froh, dass sie mal wieder alte Bekannte getroffen haben.

SWR Aktuell: Wie können wir alle älteren Menschen helfen, aus ihrer Einsamkeit herauszufinden?

Flocken: Wenn ich ältere Menschen treffe, zum Beispiel bei Präventionsaktionen auf der Straße, dann merke ich oft, die haben einen unheimlichen Redebedarf. Aber fürs Reden haben wir Jungen gar keine Zeit. Die Seniorinnen und Senioren sind uns zu weitschweifig, zu umständlich.

Vielleicht schaffen wir es als Gesellschaft, da mit einer anderen Haltung heranzugehen und zu sagen: "Mensch, da habe ich einen Zeitzeugen, von dieser Person kann ich viel lernen!" Wenn wir interessiert sind an den Biografien, das macht ganz viel mit den Menschen, dass sie dann eine Verbindung aufbauen und sich auch nicht mehr einsam fühlen.

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SWR Aktuell: Bei den Jüngeren steigt die Zahl derer, die sich einsam fühlen. Warum?

Flocken: Auch da gibt es mehrere Gründe. Wir haben in der Statistik einen signifikanten Anstieg von Einsamkeit durch die Corona-Pandemie. Es gibt einen bestimmten Bereich von Menschen, denen es schwerer fällt, sozial zu interagieren. Aber dadurch, dass wir jeden Tag in die Schule müssen oder zum Studium oder zur Arbeit, machen wir das. Und wir trainieren dann unseren sozialen Muskel.

Aber für die, denen das alles schwer fällt, wenn dieser Muskel nicht trainiert wird, ist das ein Problem. Dazu kommen soziale Ängste, irgendwelche Annahmen von anderen Menschen über einen, die vielleicht nicht der Realität entsprechen. Und dadurch kommt es dann verstärkt zur Einsamkeit.

Ich rate jungen Menschen dazu, reale Kontakte zu haben. In Farbe, in echt und draußen.

SWR Aktuell: Und was hilft dagegen?

Flocken: Ich kann jüngeren Menschen raten, sich bewusst zu machen, dass digitale Kontakte schön sind. Aber auch zu schauen, dass ich genügend reale Kontakte habe - in Farbe, in echt und draußen. Dass ich mir mehr Aktivitäten im echten Leben zulege. Da könnte man in einen Verein gehen, da kann man sich ehrenamtlich engagieren oder einen Kurs machen.

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Wir können ja Vieles mittlerweile von zu Hause aus erledigen. Deswegen ist es auch wichtig, sich wieder darauf einzulassen, aus der Komfortzone rauszugehen, draußen jetzt ins Kalte zu gehen, eine Jacke anzuziehen, mit dem Fahrrad, Bus, Auto irgendwo hinzufahren, wo man sich vielleicht auch nicht auskennt, wo man noch nie war, und da andere Menschen zu treffen.

SWR Aktuell: Das ist auch gut für die Gesundheit.

Flocken: Wir haben ein Steinzeitgehirn. Wenn wir einsam sind, dann triggert es in unserem Gehirn das Kampf- oder Fluchtsystem. Wir sind fast alle dazu gemacht, mit anderen Menschen unterwegs zu sein. Wenn wir ständig wegen der Einsamkeit dieses Kampf- oder Fluchtsystem aktiviert haben, dann fühlen wir zum Beispiel mehr Kälte. Das sind dann auch Biomarker, die wir wahrnehmen können, wie bei Hunger oder Durst. Da haben wir ja auch Biomarker, die uns das Überleben sichern sollen.

Wir haben ein Steinzeitgehirn. Wenn wir einsam sind, dann triggert es in unserem Gehirn das Kampf- oder Fluchtsystem.

Der Schlaf leidet auch. Man stößt ständig Stresshormone aus, die mit der Zeit entzündungsfördernd sind. Also der Körper kommt nicht in die Regeneration. Und das kann dann eben zu Entzündungen im Körper führen, zu schlechteren Blutwerten, erhöhtem Risiko für Schlaganfall. Und es kann eben Depressionen und Ängste auslösen.

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Erstmals publiziert am
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Das Interview führte
Ulrike Brandt

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