Gut dreieinhalb Monate ist die Tat her, die ganz Deutschland erschüttert und eine Familie für immer verändert hat: Serkan Çalar, Zugbegleiter aus Ludwigshafen, wird bei einer Ticketkontrolle so massiv mit Schlägen traktiert, dass er stirbt. Die ganze Stadt nahm Anteil und eine Diskussion über die Sicherheit für Bahnbeschäftigte begann.
Familie des getöteten Zugbegleiters gibt erstes ausführliches Interview
Mit Ausnahme schriftlicher Mitteilungen hat sich die Familie von Serkan Çalar in den vergangenen Monaten nicht eingehend geäußert, schon gar nicht vor einem Mikrofon oder einer Kamera. Bis jetzt.
In den Büroräumen des Anwalts der Familie, Yalçın Tekinoğlu, sind die Brüder Serkans, sein Cousin, seine Schwägerin und seine Tante bereit, mit dem SWR zu reden. In wenigen Wochen beginnt der Prozess, bei dem der Angeklagte im Mittelpunkt stehen wird: Wer er ist, ob er getan hat, was man ihm vorwirft, und – falls ja – warum er es getan hat.
Der Familie ist es wichtig, dass Serkan nicht vergessen wird. Sie betont im Gespräch immer wieder, wie warmherzig und hilfsbereit er gewesen sei. Jeder hier nennt ihn einen "großen Bruder".
Er sei einer gewesen, bei dem man sich sicher gefühlt habe, dem man habe vertrauen können. "Serkan war ein Herz auf zwei Beinen", bringt es sein Bruder Ismail es auf den Punkt. Nun sei er der Älteste, und versuche für die anderen Brüder das zu sein, was Serkan für sie alle war, sagt Ismail: "Aber hinter mir steht keiner mehr."
Serkan Çalar ist schon früher im Job angegriffen worden
Zugbegleiter – der Job habe gut zu Serkan gepasst. "Er hat gerne Leute kennengelernt", erzählt sein Bruder Eray. "Er hatte auch diese Wärme. Der hat die Leute einfach angezogen."
Aber Serkan habe auch die Schattenseiten dieses Jobs kennenlernen müssen, schon lange vor dem Tag, an dem er wegen einer Fahrkarte in den Tod geprügelt wurde. "Er wurde bespuckt, beleidigt, angegriffen. Wir haben ihn auch schon aus der Notaufnahme abholen müssen", erinnert sich Eray.
Auch das ist einer der Gründe, warum die Familie sich zu einem langen Gespräch mit dem SWR entschieden hat. Sie will, dass die Debatte über Sicherheit in den Zügen der Deutschen Bahn weitergeführt wird. Dass sich was ändert: "In so vielen Berufen – im Kindergarten, auf der Baustelle – ist man nicht allein", sagt Serkans Tante Christina Çalar und ergänzt: "Zugbegleiter sollten auch nicht allein durch den Zug gehen müssen."
Familie will im Prozess dabei sein
Die Familie hat eine Entscheidung getroffen. Sie will im Prozess gegen den Mann, der den Angriff auf Serkan Çalar bereits weitestgehend eingeräumt hat, nicht nur als Nebenkläger fungieren. Sie will auch im Gerichtssaal persönlich dabei sein.
Ermittlungen dauern an Getöteter Zugbegleiter in Landstuhl: Verdächtiger gibt Tat zu
Der Fall hatte bundesweit die Menschen erschüttert: Anfang Februar war ein Zugbegleiter in einem Zug bei Landstuhl getötet worden. Die Staatsanwaltschaft hat jetzt neue Ermittlungsergebnisse bekanntgegeben.
Es werde nicht leicht, dem Angeklagten in die Augen zu sehen, sagt Eray: "Aber wenn er eine gerechte Strafe kriegt, wird mein Bruder in Ruhe schlafen können." Am liebsten würde sie eine Mauer durch den Gerichtssaal ziehen, um die Familie zu schützen, sagt Serkans Tante. Aber sie wollen alle dabei sein, um für ihren Bruder, ihren Neffen, ihren Cousin und Schwager einzustehen, sagen sie. Das sei nicht verhandelbar.
"In dem Mitgefühl lebt Serkan weiter"
In all dem Schmerz und der Trauer hat die Familie trotzdem registrieren können, dass es eine große Anteilnahme gab und gibt, vom Nachbarn über die Gemeinde bis hin zur Stadt Ludwigshafen. So viele seien für sie dagewesen, hätten mitgefühlt. Dafür – und das ist ein weiterer Grund, warum die Familie Çalar sich auf dieses Gespräch eingelassen hat – wolle man Danke sagen. "Jeder hat so viel Liebe dagelassen. Das war, als wäre Serkan irgendwie im Raum, als würde er diese Energie senden, damit wir weitermachen können."