SWR Aktuell: Vor zehn Jahren hat die damalige CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel den Satz gesagt "Wir schaffen das". Wie blicken Sie heute auf diesen Satz?
Magdalena Schwarzmüller: Mittlerweile sind wir in unserer Beratungsstelle dahin gekommen, dass der Satz sehr pauschal ist. "Wir schaffen das", damit waren wir gemeint, wir Bewohner der Bundesrepublik. Wir haben aber nicht überlegt, dass andere noch dazukommen, nämlich die, die hier hinkommen, dass die mithelfen müssen, damit der Satz gelingt. Und hier kommen wir an unsere Grenzen.
SWR Aktuell: Wie meinen Sie das?
Schwarzmüller: Wir haben erstens nicht genügend Personal mehr zur Verfügung. Es sind sehr viele Menschen gekommen und das Verhältnis von Unterstützenden und Geflüchteten, das passt nicht mehr. Zweitens haben wir am Anfang versäumt, dass wir den Satz "Wir schaffen das" untermauern, dass wir unser System, unsere Demokratie so erklären, dass Menschen verstehen, was es heißt, hier zu leben.
Wir hätten das Solidarsystem erklären müssen, wir hätten erklären müssen, was heißt es, in einer Demokratie zu leben. Viele Menschen kommen mit einer ganz anderen Vorstellung aus ganz anderen Kulturkreisen, wo vieles anders funktioniert. Deshalb würde ich heute sagen, wir haben es zum Teil geschafft, aber wir haben vieles noch nicht geschafft.
SWR Aktuell: Sie haben jeden Montag in Landau im Café Asyl eine offene Sprechstunde. Zu ihnen kommen Geflüchtete oder Menschen aus anderen Ländern, die es noch nicht gut in Deutschland geschafft haben.
Schwarzmüller: Genau, alle anderen müssen ja gar nicht zu uns ins Café Asyl kommen. Die Menschen kommen mit Sachen wie Wohnungssuche, Arbeitsplatzsuche, mittlerweile auch Suchtproblematik. Oder: Wie stelle ich einen Asylantrag, wo finde ich einen Anwalt. Deshalb ist unsere Arbeit auch zum Teil frustrierend.
SWR Aktuell: Und trotzdem machen Sie weiter.
Schwarzmüller: Wir haben kleine Erfolgserlebnisse, wenn wir ganz schnell unbürokratisch Dinge klären können. Wir haben eine super gute Zusammenarbeit mit den Behörden, mit anderen Beratungsstellen. Wenn die nicht wären, hätten wir schon lange aufgegeben.
Wenn ich mit jemandem, der hier sitzt, irgendwo anrufe und sage, könnten wir das jetzt so und so klären, könnte der morgen kommen, könnten wir schnell einen Aufenthaltstitel verlängern, sodass er seinen Job nicht verliert und das dann ganz schnell geht. Das motiviert.
Und dann gibt es die Geflüchteten, die es wirklich in Deutschland geschafft haben. Da sehen wir, unsere Arbeit hat Sinn, hat Erfolg. Menschen, die heute mit beiden Beinen im Leben stehen. Die haben ihren Job, ihre Familie, die ernähren sich selbst. Die Kinder sind gut in den Kindergärten, in den Schulen angekommen. Die werden in dieser Gesellschaft klarkommen.
SWR Aktuell: Was haben Sie in den vergangenen Jahren gelernt?
Schwarzmüller: Ich würde nie wieder kostenlos Dinge rausgeben. Ich würde vermitteln, alles hat einen Wert und wenn es nur 50 Cent kostet. Alles frei wegzugeben, vermittelt auch, alles ist kostenlos in Deutschland, man muss nicht groß was tun.
Ich würde nie wieder kostenlos Dinge rausgeben. Ich würde vermitteln, alles hat einen Wert und wenn es nur 50 Cent kostet.
Und das war ein Fehler, den wir, glaube ich, von Anfang an gemacht haben, dass wir den Wert einer Sache nicht vermittelt haben. Natürlich ist bei uns eine Sprechstunde kostenlos, aber wenn ich zum Beispiel ein Fahrrad herausgebe, dann wird eine Spende gefordert, so dass das Ding auch einen Wert hat.
Zehn Jahre nach "Wir schaffen das!" Geflüchtete finden keine Wohnungen in Bingen
Geflüchtete in Bingen haben Probleme, Wohnungen zu finden. Von aktuell 100 Flüchtlingen müssen weiter 40 von der Stadt untergebracht werden, damit sie nicht obdachlos werden.
SWR Aktuell: Mit Ihrer Arbeit tragen Sie dazu bei, dass der Satz "Wir schaffen das" mit Leben gefüllt wird. Wie finanzieren Sie sich?
Schwarzmüller: Mittlerweile sind wir im Café Asyl an unserer finanziellen Grenze. Ab und zu kriegen wir ein paar Spendengelder, aber das ist kaum noch nennenswert. Wirkliche Nothilfe können wir gar nicht mehr leisten. Das Land Rheinland-Pfalz bezahlt unsere Miete, aber wir müssen in Vorleistung treten.
Im direkten Austausch kriegen wir schon gesagt, danke, dass Sie das tun. Den Dank nehmen wir gerne an, aber dass man uns wirklich zuhört oder dass die Politik in Berlin wirklich hört, was hier an der Basis passiert, darauf warte ich heute noch.