96 Strafanzeigen, in zwei Jahren, die Hälfte wegen Körperverletzung - das ist die traurige Bilanz an der Karolina-Burger-Realschule plus in Ludwigshafen-Mundenheim.
Auch am Montag mussten Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte an die Schule eilen, denn 12 Schülerinnen und Schüler und zwei Lehrkräfte litten laut Polizei unter Atembeschwerden. Die Beamten ermitteln jetzt. Es steht der Verdacht im Raum, dass Reizgas im Treppenhaus versprüht wurde.
Mehr Polizei auf Schulhöfen
Dabei werden lange nicht alle Fälle von Beleidigungen, Bedrohungen, Vandalismus und Gewalt gegen Lehrkräfte angezeigt, wie uns eine Lehrkraft vor Wochen anonym bestätigte. Denn das müssten die Lehrkräfte privat machen, die Schule selbst bringt solche Fälle nicht zur Anzeige, so unser Informant. Nun haben letzte Woche der rheinland-pfälzische Bildungsminister Sven Teuber (SPD) und der Innenminister Michael Ebling (SPD) angekündigt, dass in Zukunft mehr Polizei auf Schulhöfen patrouillieren wird.
Wie finden das die Lehrkräfte der Karolina-Burger-Realschule plus, die als gefährlichste Schule Deutschlands Schlagzeilen machte?
"Ein Großteil findet das gut, ich auch. Insbesondere Durchsuchung von Taschen, was wir nicht dürfen, ohne Anlass, fände ich sehr gut, da es da Messer und Drogen gibt", erklärt eine Lehrkraft anonym gegenüber dem SWR.
Zum Dealen in der Schule
Schüler kämen gezielt zum Dealen an die Schule. "Ich fühle mich immer sehr gut, wenn durch Polizeipräsenz sichtbar wird, dass Schule kein rechtsfreier Raum ist - was viele Eltern und Schüler scheinbar so sehen", schreibt unser Informant.
Die meisten Lehrkräfte an der Karolina-Burger-Realschule plus würden das ähnlich sehen. Allerdings finden die Pädagogen die Ankündigung des Innenministeriums, dass die Maßnahme zeitlich beschränkt sein soll, wiederum nicht gut.
Neue SWR Youtube Doku: Lehrer am Limit
Eine Forderung, die die SWR-Reporter Nicoletta Prevete und Heiko Wirtz bei ihrer Recherche zur neuen SWR Youtube Doku "Lehrer am Limit" von vielen Lehrkräften unterschiedlicher Brennpunktschulen in Ludwigshafen so oder so ähnlich gehört haben.
"Wir sind an der Front, uns muss man doch schützen!", erklärte etwa eine Lehrerin der Ernst-Reuter-Realschule plus im SWR Interview.
Von den "tollen neuen Plänen von unserem Lieblingsminister Teuber habe ich bisher nur aus den Medien erfahren", kommentiert die selbe Lehrerin jetzt aktuell gegenüber dem SWR und lässt offen, ob sie das jetzt ironisch meint oder nicht.
Doku gibt Einblick in harten Arbeitsalltag der Lehrer
In der neuen SWR Youtube Doku "Lehrer am Limit" geben Lehrkräfte von Brennpunktschulen einen Einblick in ihren harten Arbeitsalltag. Sozialpädagogen erzählen, wie sie mühsam versuchen, die Lehrkräfte wenigstens ein wenig zu unterstützen.
Schüler bestätigen die Ohnmacht und Überforderung der Lehrer und Lehrerinnen angesichts riesiger Klassen mit 30 Kindern und mehr und die Unmöglichkeit, Kinder und Jugendliche zu unterrichten, die kaum oder nur schlecht Deutsch sprechen.
Vernachlässigte, misshandelte Kinder
Lehrkräfte erzählen von den dramatischen familiären Verhältnissen der Kinder, die sie unterrichten - die nicht selten vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht werden und oft auch kriminell sind.
"Ich bin weder Arzt, noch Psychologe. Ich hab zwar alles ein bisschen gehört. Ich bin auch kein Suchtforscher - was auch immer. Vieles bleibt an den Schulen hängen, denn das ist eben der Ort, an dem man die Kinder zusammen bekommt", erklärt Johannes Thomas, Rektor an der Anne Frank Realschule plus in Ludwigshafen, in der Doku.
Warum blieben Hilferufe der Schulen ungehört?
Die Youtube Doku "Lehrer am Limit" stellt die Frage, warum die Hilferufe von Brennpunktschulen jahrelang ungehört blieben - vor allem von der zuständigen Schulaufsichtsbehörde, der ADD in Trier, und vom zuständigen rheinland-pfälzischen Bildungsministerium.
Sie fragt die Betroffenen aber auch nach Lösungsmöglichkeiten, wie Schule wieder ein Ort des Lernens und des sich Wohlfühlens für alle werden kann - für Lehrer und Lehrerinnen und für Schüler und Schülerinnen.