Etliche Male stand Heiner Butz vor einer Tür, um die schlimmste aller Nachrichten zu überbringen. Er stand da gemeinsam mit einer Kollegin und einem Kollegen. Dann klingelte er und fragte: "Sind Sie die Frau Maier oder der Herr Müller? Ist ihr Mann mit dem Auto unterwegs? Dürfen wir zu Ihnen reinkommen?" Butz sagt, er habe etwa 2.000 Menschen Todesnachrichten überbracht und den Trauernden dann auch beigestanden und sie betreut. Wie hilft er Menschen, die jemanden verloren haben? Und denen, die das Gräuel als Einsatzkraft erlebt haben?
Katastrophen in Pfalz - Butz ist dabei
Heiner Butz lebt in Bellheim und engagiert sich seit den 1980er Jahren beim Deutschen Roten Kreuz. Wenn es in der Pfalz in den vergangenen Jahrzehnten Katastrophen gab, war Butz vor Ort, als Ansprechpartner für Betroffene und Einsatzkräfte. Lange leitete er die psychosoziale Notfallversorgung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Rheinland-Pfalz. Sie hilft Einsatzkräften und Angehörigen nach Katastrophen, direkt und langfristig danach.
Notfallversorger Butz: Auffangstationen für Betroffene einrichten
Natürlich hat Butz die Nachrichten vom Amoklauf in Graz verfolgt, bei dem vor wenigen Tagen elf Menschen gestorben sind. Es gehe nach so einer Katastrophe dann erstmal darum, eine Auffangstelle für Angehörige zu schaffen, sagt er. Für Schüler und Lehrer. Und für Eltern, die darunter leiden, nicht zu wissen, ob ihr Kind lebt oder nicht.
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Feuerwehrleute müssen mit Extremsituationen umgehen, nicht nur bei Bränden. Sie treffen auf Selbstmörder oder auf Menschen, die einsam gestorben sind und nicht vermisst wurden.
"Wichtig ist es, dann sachlich darüber zu informieren, was man weiß. Dafür ist eine gute Zusammenarbeit mit der Polizei notwendig", sagt Butz.
Notfallnachsorge: Zuhören, nicht reden
Für den Landkreis Germersheim hat Butz ein Konzept entwickelt, wie die psychosoziale Notfallversorgung des DRK bei Amoklagen ablaufen soll. 2010 hat er als Notfallversorger nach dem Amoklauf in Ludwigshafen geholfen, bei dem eine Lehrerin ermordet wurde.
"Notfallnachsorge ist erstmal zuhören, nicht reden", sagt er. "Die entsetzliche Situation aushalten mit den Menschen." Gemeinsam mit Seelsorgern oder Schulpsychologen führt er Gespräche nach Katastrophen. Der 74-Jährige erinnert sich noch an eine Lehrerin nach dem Amoklauf in Ludwigshafen damals, die nur da saß und weinte, ganz allein. Butz ging zu ihr, sie umarmte ihn und klammerte sich fest.
Todesnachrichten überbringen: Zu zweit, und nicht an der Tür
Manchmal wissen Menschen noch nicht, dass ein Angehöriger von ihnen bei einem Unfall oder einer Katastrophe gestorben ist. Dann steht Butz vor der Tür einer Person, die ihn nicht kennt. Wie überbringt er eine Todesnachricht? "Wir sind immer zu zweit und fragen, ob wir reinkommen können", sagt er. So eine Nachricht überbringe man nicht an der Haustür. Dann geht es darum, sehr deutlich und ohne Umschweife das Unvorstellbare zu sagen: "Es tut mir leid, es hat einen schweren Unfall gegeben. Ihr Mann ist tot."
Man erlebe dann alles, was es an Reaktionen gibt, sagt Butz. Manche rennen weg, andere sind wie versteinert. Erst nach und nach beginnen Menschen dann, zu reden. Etwa, wenn Butz auf die Fotos zu sprechen kommt, die er in Wohnung sieht. "Wir kommen als Wildfremde zu einer Familie, und oft gehen wir als Freunde", sagt er.
Stressbewältigung für Einsatzkräfte: Wandel in den vergangenen 30 Jahren
Das frühe Interventionsangebot nach Katastrophen helfe oft, um langfristige Traumafolgen zu vermeiden, sagt er. Trotzdem komme es manchmal vor, dass Angehörige und Einsatzkräfte auch lange danach noch Hilfe brauchen. Butz erinnert sich an die Notfallversorgung nach einer Gasexplosion in Harthausen (Rhein-Pfalz-Kreis). "Drei Jahre später ließ ich einen Feuerwehrmann in die Psychiatrie einweisen, weil er suizidale Gedanken entwickelt hatte", sagt Butz. 17 Feuerwehrleute waren damals bei dem verheerenden Brand verletzt worden.
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Ob psychischer Druck, technische Anforderungen oder unnötige Einsätze – das Ehrenamt bei der Feuerwehr in Rheinland-Pfalz wird zunehmend zur Belastungsprobe.
Für Einsatzkräfte der Feuerwehr gibt Butz auch Workshops zum Umgang mit Katastrophen. "In den vergangenen 30 Jahren hat sich eine völlig neue Kultur entwickelt", sagt er. Es sei inzwischen normal, dass Einsatzkräfte sich Hilfe holen, wenn es ihnen schlecht geht.
Hilfestellung für die Bergung Toter: Stellt euch vor, in dem Körper ist niemand mehr zu Hause
Butz findet es wichtig, dass erfahrene Einsatzkräfte voraus gehen und über ihre Erfahrungen sprechen. "Dann sehen auch die Jungen: Wir dürfen über unsere Empfindungen reden, wenn wir einen toten Körper bergen müssen."
Seine Hilfestellung für Einsatzkräfte: "Stellt euch vor, in diesem Körper ist niemand mehr zu Hause. Und das einzige, was wir tun können, ist, dem Menschen ein Stückchen Würde zurückzugeben, indem wir ihm zum Beispiel aus dem Auto raushelfen und ihn würdevoll beerdigen." Auch Jahre später geben ihm Einsatzkräfte die Rückmeldung, dass ihnen das helfe, um sich von dem Erlebten distanzieren zu können.
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Notfallnachsorgehelfer: Warum macht er das?
Seit 30 Jahren hilft Butz Menschen nach schrecklichen Katastrophen. Warum tut er sich das an? "Ich glaube fest daran, dass man eine humane Gesellschaft nicht geschenkt bekommt", sagt er. Der Landkreis habe ihm eine tolle Ausbildung finanziert, ihm, dem pensionierter Verwaltungsmitarbeiter. "Ich glaube, dass jemand wie ich da eine Verpflichtung hat, was zurückzugeben."
Er sei kein Altruist, sagt Butz. Wenn er nach einem Einsatz merkt, er konnte was bewegen, dann macht ihn das glücklich.
Butz sagt, er lebt in einer "Roten-Kreuz-Familie". Seine Frau hat er dort kennengelernt. Seine Tochter engagiert sich auch dort. Aktuell betreuen er und seine Frau Obdachlose. Irgendwas ist ja immer. "Das ist der rote Faden meines Lebens", sagt er.