Max gilt als Intensivstraftäter. Max ist nicht sein richtiger Name. Der große muskulöse Mann will anonym bleiben, zum eigenen Schutz, aber auch zum Schutz seiner Familie. Denn Max wird in zwei Monaten aus dem Gefängnis entlassen und dann will er seine neue Chance nutzen, nicht mehr kriminell zu sein.
Schon als Kind Intensivstraftäter
Als Intensivstraftäter stufen die Ermittlungsbehörden Personen ein, die über einen längeren Zeitraum oder in kurzer Zeit immer wieder straffällig werden. Das trifft auf Max zu. Mit 14 Jahren ist er zum ersten Mal zu Jugendarrest verurteilt worden, weil er einen Roller gestohlen hatte und erwischt wurde.
Interview mit einem Kriminologen Warum werden Menschen zu Intensivstraftätern?
Intensivstraftäter sind für einen großen Anteil aller Straftaten verantwortlich. Ein Kriminologe erklärt, warum sie so oft straffällig werden und wie man mit ihnen umgehen sollte.
"Angefangen hatte alles, als ich mit neun Jahren ins Heim gekommen bin, weil meine Mutter nicht mehr mit mir umgehen konnte", erzählt Max. Im Heim habe sich auch wieder niemand um ihn gekümmert. Es seien einfach zu wenige Sozialarbeiter im Heim gewesen. "Kein Erwachsener hat mir Halt gegeben", sagt Max.
"Mit 12 habe ich noch geweint"
Im Heim hat er dann gelernt, sich durchzusetzen. "Wir waren eine Bande, haben Diebstähle begangen und haben uns stark gefühlt", sagt Max. "Wir sind aus dem Heim abgehauen. Mit der Bahn schwarz nach Darmstadt, Köln oder Frankfurt gefahren." Dort haben sie dann geklaut. Erst kleine Geldbeträge aus Kassen, dann Elektronikgeräte aus Technikmärkten.
Als er das erste Mal mit 12 Jahren von der Polizei erwischt wurde, habe er noch geweint. Aber dann hätten die anderen ihn bewundert und er habe sich wichtig gefühlt. Die Ermahnungen und Strafen habe er nicht ernst genommen.
Ich habe keine Strafe ernst genommen.
Später ging das immer weiter: Max prügelte sich auf Volksfesten oder ging auf seine Kunden beim Drogenverkauf los. "Immer wenn ich mich ungerecht behandelt gefühlt habe oder jemand nicht das machte, was ich wollte, habe ich zugeschlagen."
Bis er auf seine Ex-Freundin losgegangen ist. Danach hat ihn der Richter wegen schwerer Körperverletzung zu vier Jahren und fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Die fünfte und längste Haftstrafe, die Max bisher bekommen hat.
RLP-Strategie gegen Intensivstraftäter
Heutzutage würde Max wahrscheinlich nicht mehr jahrelang immer wieder Straftaten begehen können. Das rheinland-pfälzische Innenministerium und das Justizministerium haben im Jahr 2019 mit einer neuen Strategie begonnen. Sie haben eine sogenannte Landesrahmenkonzeption zur "Strafverfolgung von Mehrfach- und Intensivtätern (MIT) entwickelt.
Seitdem führt das rheinland-pfälzische Landeskriminalamt (LKA) regelmäßig einen Abgleich der Daten aller Polizeipräsidien in Rheinland-Pfalz durch. Täterinnen oder Täter, die in verschiedenen Städten straffällig werden, fallen so auf.
Oder aber Polizistinnen und Polizisten merken, dass ein Mann oder eine Frau in ihrem Bezirk immer wieder Diebstähle begeht, andere Menschen verprügelt oder sie ausraubt.
Polizei und Staatsanwaltschaft nehmen Täter ins Visier
Diese Personen werden der jeweiligen Staatsanwaltschaft gemeldet und die entscheidet, ob sie als Mehrfach- und Intensivtäter (MIT) eingestuft werden. Ist das der Fall, kümmert sich ein Beamter in einem Kommissariat speziell um diesen Täter oder Täterin. Er bekommt alle persönliche Daten über die begangenen Straftaten.
"Diese Sachbearbeiter, die sogenannten MIT-Koordinatoren, besuchen diese Personen", erklärt Rinaldo Roberto, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Mainz. "Sie bekommen gesagt, dass sie als MIT eingestuft sind und beobachtet werden", erklärt er. "Wir sagen ihnen aber auch ganz deutlich, dass sie mit ihren Taten aufhören sollen, weil sie beim nächsten Mal ins Gefängnis wandern."
Gefängnisstrafen statt Bewährung
Das ist die repressive Seite dieser neuen Strategie. Polizei und Staatsanwaltschaft arbeiten eng zusammen. Sie sorgen dafür, dass Täterinnen und Täter bei wiederholten Vergehen schnell in Untersuchungshaft kommen. Außerdem wird ihr Strafverfahren beschleunigt. Statt einer Bewährungsstrafe können sie direkt zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden.
Spezielles Konzept von Polizei und Staatsanwaltschaft Ständige Gewaltausbrüche: Intensivtäter in Bad Kreuznach verurteilt
Ein 23-Jähriger hatte immer wieder zugeschlagen und Leute beleidigt. Jetzt wurde der Mann verurteilt - auch dank der besonderen Zusammenarbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft.
Max: "Therapien im Gefängnis helfen"
Max findet dieses Verfahren gut. "Wenn ich früher ins Gefängnis gekommen wäre, wäre ich vielleicht eher dazu gezwungen worden, über meine Taten nachzudenken", glaubt er. In der JVA Rohrbach hat er erst in den vergangenen zwei Jahren angefangen, an sich zu arbeiten. "Davor war ich einfach nicht bereit dazu", sagt Max.
Erst als eine Gefängnismitarbeiterin ihm die Meinung gesagt habe, sei er aufgewacht. "Ich habe mit dem Gefängnispsychologen gearbeitet, habe Gewaltpräventionskurse und noch vieles mehr gemacht. Ich weiß jetzt, dass Zuschlagen nicht die Lösung ist."
Gefängnispsychologe Michael Benner-Bickelmann sagt, es gebe zwar kein allgemeines Rezept, wie man Menschen davon abbringt, kriminell zu sein. "Aber ich habe schon viele Gefangene erlebt, die gesagt haben, ich hätte viel früher einen heftigen Warnschuss bekommen sollen, dann säße ich jetzt nicht fünf Jahre im Gefängnis", erzählt Benner-Bickelmann. Er findet diese Strategie gut, die Intensivtäter von der Straße zu holen.
Polizei beobachtet entlassene Häftlinge
Wenn Max im November aus der JVA Rohrbach entlassen wird, dann kommt er in das sogenannte VISIER-Programm des Landes Rheinland-Pfalz. Polizeibeamte nehmen Kontakt mit ihm auf, um ihn draußen zu begleiten und zu kontrollieren, damit er nicht wieder straffällig wird.
Aber Max will auf keinen Fall mehr ins Gefängnis. Er hat sich schon eine Wohnung und eine Arbeitsstelle besorgt. Er möchte auch weiter mit seinem Psychologen Benner-Bickelmann arbeiten.
"Ich werde jedem, den ich neu kennenlerne, sagen, dass ich im Gefängnis war", so Max. "Ich will transparent sein und allen zeigen, dass ich auch ganz normal sein kann und nicht nur gefährlich."