Smartphones gehören für viele Jugendliche zum Alltag - in der Schule und außerhalb. Wie sich ein konsequenter Verzicht auswirkt, hat nun ein Experiment an der Integrierten Gesamtschule Thaleischweiler-Fröschen in Rheinland-Pfalz gezeigt. Rund 100 Schülerinnen und Schüler gaben für drei Wochen freiwillig ihre Smartphones ab.
Angestoßen wurde das Projekt von ARD Wissen mit Reporter Tobi Krell, auch bekannt als "Checker Tobi", und begleitet von einem Forschungsteam aus Mannheim und Heidelberg. Die Ergebnisse und der analoge Alltag der Jugendlichen sind in der neuen ARD-Dokuserie “Schule ohne Smartphone - Das Experiment mit Tobi Krell“ zu sehen, abrufbar ab 2. September in der ARD Mediathek.
- Eine Schule geht offline
- Schlaf, Stimmung, Konzentration: Was sich messbar verändert
- Suchtpotenzial im MRT sichtbar
- Alltag ohne Handy: mehr Bewegung, mehr Gespräche
- Was bedeutet das für Handyregeln an Schulen?
- Dokuserie und Selbsttest für Familien
Eine Schule geht offline
Vor Beginn des Experiments gaben die Jugendlichen Handynutzungszeiten von bis zu 15 Stunden pro Tag an. Während der drei Wochen offline mussten sie sich an einen ungewohnten neuen Alltag gewöhnen.
Um wissenschaftliche Daten darüber zu sammeln, was das bei ihnen auslöst, haben die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Laura Heinrichs und der Mannheimer Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Konstantin Mechler Fragebögen und Konzentrationstests eingesetzt - jeweils zu Beginn und am Ende der drei Wochen. Einzelne Jugendliche wurden zudem mit Bewegungstrackern ausgestattet und am Universitätsklinikum Heidelberg im MRT untersucht.
Schlaf, Stimmung, Konzentration: Was sich messbar verändert
“Die Hypothese ist, dass sich das Wohlbefinden der Jugendlichen verbessert“, sagt Mechler in der Dokuserie zu Beginn des Experiments. Er und Heinrichs registrierten nach drei Wochen:
- Bessere Konzentration: Nach drei Wochen verbesserten sich die Ergebnisse der getesteten Jugendlichen. Allerdings nicht nur die der rund hundert, die ohne Handy lebten – sondern auch in einer Kontrollgruppe, die ihr Handy behalten durfte. Ein Übungseffekt, konstatiert Mechler. “Wir haben schon auch gesehen, dass in der Gruppe, die das Handy abgegeben hat, die Konzentration noch mal ein bisschen besser war als in der Kontrollgruppe“, so Mechler. Statistisch signifikant war der Unterschied jedoch nicht.
- Besserer Schlaf: Jugendliche ohne Smartphone berichteten nach drei Wochen häufiger von besserem Schlaf. Auch die Kontrollgruppe gab Verbesserungen an - möglicherweise, weil auch sie im Rahmen des Experiments über ihre Nutzung nachdachte und das Handy bewusst früher weglegte.
- Mehr Bewegung: Acht Jugendliche erhielten schon vor Beginn des Experiments Bewegungssensoren. Die Daten zeigen, dass sie in der handyfreien Zeit fast alle weniger saßen als vorher.Oft waren sie rund 30 bis 70 Minuten mehr in Bewegung.
- Stimmung und psychische Belastung: Der stärkste Effekt zeigte sich bei Angst und Depressivität. Bessere Stimmung, mehr Antrieb und weniger Gefühle von Traurigkeit – das Ergebnis in der Gruppe, die drei Wochen auf ihr Handy verzichtete war statistisch signifikant besser als in der Kontrollgruppe mit Handy.
Internationale Arbeiten finden ähnliche Zusammenhänge: intensive Smartphone-Nutzung steht häufig in Verbindung mit kürzerem Schlaf, höherem Stress und mehr depressiven Symptomen - wenn auch ohne einfachen Ursache-Wirkungs-Beweis. Eine aktuelle Übersicht etwa der Europäischen Kinder-Online-Forschung EU Kids Online , sowie Studien zu “Problematischer Smartphone-Nutzung“ unterstreichen diese Trends.
Suchtpotenzial im MRT sichtbar
Am Universitätsklinikum Heidelberg untersuchte Prof. Christian Wolf, wie das Gehirn der Jugendlichen auf Smartphone-Reize reagiert. Im MRT zeigten sich bei den zwei näher untersuchten Probanden deutlich aktivierte Hirnregionen, sobald Bilder von Smartphones eingeblendet wurden - insbesondere Areale für Aufmerksamkeit, Handlungskontrolle und Belohnung.
“Das ist ein Muster, wie man es auch von Alkohol- oder Drogensucht kennt“, erklärt Wolf. Nach drei Wochen ohne Handy war die Aktivität zwar weiterhin vorhanden, aber deutlich schwächer. Für Wolf ist das plausibel: Die Handys bleiben bedeutsam. Doch kurze Abstinenz scheint die Suchtmuster zu mindern.
Alltag ohne Handy: mehr Bewegung, mehr Gespräche
Die Jugendlichen haben das Experiment als Herausforderung erlebt - gerade zu Beginn: Eine Teilnehmerin beschreibt die ersten Tage als “beängstigend“ und fühlt sich “leise und leer“, andere sprechen offen von Langeweile. Medienpädagoge Daniel Ott dazu: “Digitale Medien begünstigen es, dass wir Langeweile gar nicht mehr benötigen und vielleicht verlernen, sie auszuhalten.“
Aus Langeweile könne Kreativität entstehen - eine Erfahrung, die viele Jugendliche durch das Experiment gemacht haben: Boxtraining statt TikTok, Seifenkisten-Projekte statt Gaming. Die Bewegungssensoren bestätigen: Viele waren ohne Handy aktiver.
Im Familienleben sind neue Routinen entstanden. Eltern schildern, dass ihre Kinder “sichtbarer“ seien, mehr Zeit in der Küche oder im Wohnzimmer verbrächten. “Ohne Handy, man ist wieder mehr da. Man ist mehr im Moment“, sagt eine ältere Schwester in der Dokuserie. Eine Mutter berichtet von weniger Streit ums Handy und stressfreieren Morgen, weil der Sohn ausgeschlafener sei.
Was bedeutet das für Handyregeln an Schulen?
Das Projekt findet vor dem Hintergrund einer politischen Debatte statt: Frankreich und die Niederlande haben Smartphones an Schulen bereits stark eingeschränkt. Auswertungen dort zeigen laut Mechler weniger Ablenkung, bessere Konzentration und weniger Mobbing. In Australien wiederum sind Social-Media-Accounts für Unter-16-Jährige seit Ende 2025 verboten - mit der Folge, dass Jugendliche versuchen, die Regeln zu umgehen, und neue Datenschutzfragen entstehen.
Die ARD-Dokuserie verzichtet auf Pauschalurteile. “Smartphones einfach zu verteufeln, ergibt keinen Sinn“, kommentiert Tobi Krell. Heinrichs betont im Film, es brauche Medienkompetenz, gemeinsame Regeln und den offenen Dialog: “Wir empfehlen Eltern, ins Gespräch zu kommen, ohne Vorwürfe zu machen, sondern neugierig zu fragen: Was machst du da eigentlich, und was findest du daran so toll?“ Wichtig seien vorgelebte Regeln - etwa feste handyfreie Zeiten beim Essen oder abends.
Dokuserie und Selbsttest für Familien
Die Dokuserie zeigt: Selbst ein kurzer, gemeinsamer Offline-Zeitraum kann Schlaf, Stimmung und Miteinander verändern - ohne die digitale Welt grundsätzlich infrage zu stellen.
Wer den Effekt eines Verzichts selbst ausprobieren möchte, kann am “Wochenende Offline“ teilnehmen: Vom 25. bis 28. September 2026 ruft der SWR dazu auf, das Smartphone von Freitagabend bis Montagmorgen beiseite zu legen. Mitmachen können Einzelpersonen, Schulklassen oder Sportteams; unter allen Teilnehmenden wird ein Treffen mit Tobi Krell verlost.