Zur Sache Rheinland-Pfalz

Warum fühlen sich so viele Menschen unsicher – trotz sinkender Kriminalität?

In RLP werden so wenige Straftaten registriert wie seit 30 Jahren nicht mehr. Dennoch haben Menschen Angst, wenn sie zum Beispiel durch Parks gehen oder an Haltestellen warten.

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Stand

Woran liegt das? Und was bringen Maßnahmen wie Polizeistreifen, Alkoholverbote oder Videoüberwachung? "Zur Sache RLP" Reporterin Sina Groß war in der Pfalz unterwegs.

Unsicherheit auch ohne konkrete Gefahr

Viele Menschen in Rheinland-Pfalz berichten von Situationen, in denen sie sich unwohl fühlen - auch bei uns am Mikrofon. Isabell Gebhardt geht spätabends nur noch in Begleitung durch den Park. Sengül Daboh erzählt, dass ihre 13-jährige Tochter Umwege macht, um nicht an einer Gruppe Jugendlicher vorbeizumüssen. Und Dieter Findt gibt zu, er sei zwar nie belästigt worden, fühle sich in der Stadt aber unsicher.

Rheinland-Pfalz

Telefonische Begleitung auf dem Nachhauseweg Interview zur "Stadtbild"-Debatte: So hilft die Initiative "Heimwegtelefon" bei Ängsten

Dunkle Straßen, Parks, Unterführungen: An vielen Orten in Rheinland-Pfalz haben gerade Frauen nachts ein mulmiges Gefühl. Das ehrenamtliche "Heimwegtelefon" will sie begleiten.

Dabei zeigt die Polizeiliche Kriminalstatistik: 2024 war die Zahl der Straftaten im Land so niedrig wie seit drei Jahrzehnten nicht mehr. Das Unsicherheitsgefühl bleibt trotzdem – nicht nur in Rheinland-Pfalz, sondern bundesweit.

Kriminologin: Gefühl hat oft wenig mit realer Bedrohung zu tun

Die Kölner Kriminologin Nicole Bögelein erklärt, dass das Angstgefühl häufig durch die Umgebung entstehe. Wenn ein Platz verwahrlost wirke oder Menschen dort sichtbar Drogen konsumieren würden, denke das Gehirn weiter – und stelle sich Schlimmeres vor.

Tatsächlich kommt das Gefühl von Dingen, die erstmal mit der realen Bedrohung (…) nichts zu tun haben.

Zwischen Polizeistreife und Jugendangeboten – welche Politik überzeugt?
Nicole Bögelein, Kriminologin

Polizei, Verbote, Videoüberwachung?

In Kaiserslautern kam es vor zwei Jahren zu einer Massenschlägerei von Jugendlichen vor der Mall. Seitdem sind dort Polizei und Ordnungsamt verstärkt unterwegs, außerdem gilt ein Alkohol- und Betäubungsmittelverbot. Viele Bürgerinnen und Bürger fühlen sich dadurch zwar etwas sicherer – doch die eigentliche Problematik, ein Treffpunkt, bleibe bestehen.

Polizei, Alkoholverbot oder Sozialarbeit – was hilft wirklich?
Manfred Schulz (CDU), Bürgermeister von Kaiserslautern

Kaiserslauterns Bürgermeister Manfred Schulz (CDU) fordert mehr Handlungsmöglichkeiten für Kommunen, denn es passiere viel unterhalb der Strafbarkeitsschwelle: Dinge, die in der offiziellen Statistik der Polizei gar nicht vorkommen würden. Als Beispiel nennt er Auslagen, die umgetreten werden, Pöbeleien gegenüber anderen Personen und Geschreie in einer unüblichen Lautstärke.

Ich würde mir aber wünschen, dass auch Jugendliche oder junge Erwachsene, die vom Jugendgericht stehen, dann auch ein Urteil bekommen, dass der Tat, die sie gemacht haben, angemessen ist.

Von der Landesregierung wünscht sich Schulz auch die Möglichkeit zur Videoüberwachung. Innenminister Michael Ebling (SPD) bremst jedoch bei diesem Thema: Bisherige Modellprojekte seien nicht erfolgreich gewesen. Erst wenn KI-gestützte Systeme zuverlässig und rechtssicher funktionierten, könne das Thema neu bewertet werden.

Mehr Sozialarbeit statt mehr Kontrolle?

Kriminologin Bögelein plädiert für einen anderen Ansatz. Man solle weniger Geld in polizeiliche Maßnahmen stecken und stattdessen mehr in Sozialarbeit und Angebote für Jugendliche investieren. Jugendliche hielten sich oft an öffentlichen Plätzen auf, weil es zu Hause eng sei und Freizeitangebote fehlen würden.