Helen (Name von der Redaktion geändert) hat sich mit ihrem Mann immer eine große Familie gewünscht. Gemeinsam haben sie einen Sohn. Dazu nahmen sie noch drei Pflegekinder an. Ihr Glück schien perfekt, doch dann stellte sich heraus, dass die beiden jüngeren Pflegetöchter an FAS litten, dem Fetalen Alkoholsyndrom.
Erste Anzeichen für Fetales Alkoholsyndrom
Die leibliche Mutter der Kinder hatte in der Schwangerschaft Alkohol getrunken. Doch bis Helen für ihre Pflegekinder die FAS-Diagnose bekam, sind Jahre vergangen. Es fing damit an, dass eine der Pflegetöchter im Kindergarten auffiel, weil sie aggressiv gegenüber anderen Kindern war.
Helen sagt, sie habe das zunächst auf den Beziehungsabbruch des Kindes zurückgeführt. Das Kind wurde sehr früh aus der ursprünglichen Familie genommen, kam in ein Heim und erst dann zu ihr. Doch auch mit viel Liebe und Geborgenheit blieben die Probleme. Auch in der Grundschule fiel das Kind wieder durch sein Verhalten auf. Das Mädchen schrie viel, wurde leicht aggressiv, wenn es überfordert war.
FAS wird oft erst Jahre später diagnostiziert
Als das Mädchen in der vierten Klasse war, bekam Helen eine Fachkraft für Jugendhilfe als Unterstützung vom Jugendamt. Diese Frau merkte sofort, dass die beiden Kinder unter FAS leiden, dem Fetalen Alkoholsyndrom. Bestimmte körperliche Merkmale, wie ein kleiner Kopf, eine schmale Oberlippe, sind äußerliche Hinweise. Die offizielle Diagnose kam erst, als das Kind in der 5. Klasse war.
Ich wollte es erst nicht glauben.
Helen sagt, es sei für sie sehr schmerzhaft gewesen, zu begreifen, dass zwei ihrer Pflegekinder durch FAS dauerhaft und unheilbar geistig behindert waren. Eines der Kinder hat eine schwere Lernschwäche, das andere Mädchen ist oft aggressiv in Situationen außerhalb der Familie, die sie überfordern. "Ich wollte es erst nicht glauben", sagt Helen.
Das gibt betroffenen Kindern Sicherheit
Schon als das Kind im Kindergartenalter auffällig wurde, hatte ein Mitarbeiter des Jugendamtes Helen Tipps gegeben, wie sie das Leben zu Hause gestalten kann. Die Familienhilfe schulte sie schon mehr als ein Jahr, bevor die offizielle Diagnose FAS gestellt wurde.
Der Alltag in ihrer Familie sei extrem strukturiert, sagt Helen. Es gibt immer zu einer festgelegten Zeit Mittagessen, danach Ruhezeit, dann Spielzeit. Das helfe den Kindern, zurechtzukommen und gebe ihnen Sicherheit. Zu Hause klappe das ganz gut, doch sobald sie woanders seien, in der Schule zum Beispiel, seien sie schnell überfordert.
Helen will sich dafür einsetzen, dass mehr Frauen bewusst wird, welch großen Schaden beim Kind schon ein Glas Alkohol in der Schwangerschaft verursachen kann. Sie hege gegenüber der leiblichen Mutter ihrer Pflegekinder keinen Groll, sagt sie. Sie habe das ja nicht mit Absicht gemacht, sondern aus Unwissenheit. Deshalb sei es wichtig, über die Gefahren durch Alkohol aufzuklären.
3.000 Kinder mit FAS jedes Jahr in Deutschland
Geschätzt etwa 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind mehr oder weniger behindert, weil ihre Mutter während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat, geht aus dem Jahrbuch Sucht hervor, sagt Professor Sebastian Jud, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe im Klinikum Mutterhaus Trier. Etwa 3.000 Kinder werden in Deutschland jedes Jahr mit der schwersten Form, dem Fetalen Alkoholsyndrom (FAS) geboren. Die Dunkelziffer sei hoch, sagt der Mediziner.
Wie Alkohol in der Schwangerschaft ungeborenen Kindern schadet
Trinkt eine schwangere Frau Alkohol, gelangt er über die Nabelschnur direkt zum Embryo. Besonders groß ist die Gefahr in den ersten zwei Dritteln der Schwangerschaft, sagt der Chefarzt der Geburtshilfe im Trierer Klinikum Mutterhaus, Sebastian Jud.
Die Organe des ungeborenen Kindes seien noch nicht ganz entwickelt, die Leber könne noch keine Giftstoffe wie Alkohol abbauen. Vielen sei nicht klar, dass Alkohol ein Zellgift sei, das großen Schaden anrichte, schon ein Glas sei zuviel. 100 Prozent abstinent sein und ganz auf Alkohol zu verzichten, das sei die einzig sichere Vorbeugung.
Schon ein Glas Bier oder Wein kann dauerhaften Schaden anrichten.
Die fatale Wirkung von Alkohol werde in der Gesellschaft noch viel zu sehr verharmlost, sagt Sebastian Jud, der als Chefarzt die Gynäkologie und Geburtshilfe im Klinikum Mutterhaus Trier leitet. "Es muss in der Gesellschaft ankommen, dass auch einmal nicht in Ordnung ist." Schon ein Glas Bier oder Wein könne großen und dauerhaften Schaden anrichten.
Wie sich FAS zeigt
Alkoholkonsum in der Schwangerschaft könne zu einer Fehlgeburt führen, sagt Gynäkologe Sebastian Jud. Das Fetale Alkoholsyndrom (FAS) habe eine große Bandbreite von Folgen - von der schweren geistigen und körperlichen Behinderung bis zur leichten Ausprägung, wie Konzentrationsproblemen, Lernschwäche oder Unruhe. FAS ist nicht heilbar, die Menschen, die daran leiden, müssen ihr Leben lang damit zurechtkommen.
In der Geburtsstation sagten werdende Mütter in der Regel nicht, dass sie in der Schwangerschaft Alkohol getrunken haben, so die Erfahrung des Gynäkologen. Gebe es bei dem neugeborenen Säugling nicht schon im Kreissaal auffällige Anzeichen, wie zum Beispiel ein kleinerer Kopf oder sonstige körperliche Merkmale, gebe es zunächst keinen Anlass, auf FAS zu untersuchen. Meist fielen die Kinder dann erst im Kindergarten durch ihr Verhalten auf. Die Diagnose FAS werde oft spät gestellt.
Ein gesellschaftliches Problem
Gynäkologe Sebastian Jud sieht die Verantwortung aber nicht nur bei den Frauen. Alkohol sei in der Gesellschaft in Deutschland fest verankert. Es sei eher so, dass man rechtfertigen müsse, warum man nicht trinke. Das sei vielleicht aktuell ein bisschen im Wandel. Aber es sei bei weitem nicht jedem klar, dass Alkohol ein Zellgift sei, das Schäden verursache.