Gegen 14 Uhr am Samstag in Büdesheim im Eifelkreis Bitburg-Prüm: Tierzüchterin Josephine Bauer geht mit einem Betäubungsgewehr in der Hand durch den 600-Anwohner-Ort. Sie sucht zwischen Bäumen, Büschen und hohem Gras nach dem schwarzen Damhirsch.
Das Tier treibt sich seit Juli in den Gärten der Anwohner herum. Es frisst dort Salat aus den Hochbeeten und hinterlässt kleine Kothäufchen auf den Rasen. Die Anwohner haben den Hirsch bereits ins Herz geschlossen und ihn liebevoll "Henry" getauft.
Hirsch "Henry" taucht in Büdesheim nach Tagen wieder auf
Die Tierzüchterin ist mehr als 200 Kilometer aus Bad Bergzabern (Kreis Südliche Weinstraße) in die Eifel gefahren, um den Hirsch einzufangen. Damwild kommt in der Region nicht vor und muss laut Gesetz geschossen werden. Sie will ihm ein neues Zuhause geben und ihm somit das Leben retten.
Allerdings hat sie zunächst nur wenig Hoffnung, Hirsch "Henry" an diesem Tag zu Gesicht zu bekommen. Die Büdesheimer haben das Tier zu diesem Zeitpunkt seit fast einer Woche nicht mehr gesehen.
Sie schaut sich im Garten eines Anwohners eine frische Spur an, als plötzlich hinter dem Zaun ein Geweih hervorschaut - Hirsch Henry steht nur wenige Meter von ihr entfernt. "Ich mache jetzt die Narkosepfeile ins Gewehr und schleiche mich langsam an. Er darf mich nicht sehen, sonst rennt er weg", erklärt Bauer.
Verfolgungsjagd durch Eifel-Ort
Nach wenigen Minuten versucht die 26-Jährige ihr Glück. Sie gibt aus knapp zehn Metern einen ersten Schuss ab. Mit Erfolg: Der Narkosepfeil landet im hinteren Oberschenkel des Tieres. Der Hirsch schreckt auf und flüchtet.
Josephine Bauer und ihr Team nehmen die Verfolgung auf. Sie rennen ihm mehrere Straßen hinterher, bis sie ihn auf einem anderen Anwohner-Grundstück einkesseln können. Die 26-Jährige gibt einen zweiten Schuss ab - auch dieser sitzt.
Tierzüchterin fängt "Hirsch Henry" ein
Der Damhirsch versteckt sich im Gebüsch. "Jetzt lassen wir ihn etwas in Ruhe, bis er einschläft. Danach würden wir uns anschleichen und schauen, ob die Narkose wirkt. Danach fesseln wir ihn und verdecken ihm den Kopf", sagt Bauer.
Dabei sei es wichtig, ihn ständig im Auge zu behalten. "Wir schauen, dass er weiter richtig atmet und sich nicht an seiner Zunge verschluckt", erklärt die 26-Jährige. Nach etwa einer Viertelstunde wirkt die Narkose: Das Tier legt sich hin und schläft ein. Ein lautes Schnarchen ist aus dem Gebüsch zu hören.
Über 200-Kilometer lange Reise in den Süden
Josephine Bauer und ihr Team tragen Hirsch "Henry" einige hundert Meter in den Transporter, der bereits in der Einfahrt bereitsteht. Sieben Personen braucht es, um das fast 130 Kilogramm schwere Tier zu verladen.
Sein neues Zuhause ist ein echtes Paradies für ihn.
Sie geben ihm ein Gegenmittel und entfesseln ihn. Er wacht auf und ist für die Reise in sein neues Zuhause bereit. "Alles hat wunderbar geklappt. Henry kommt jetzt in ein Gatter. Dort warten schon viele Mädels auf ihn. Das ist ein echtes Paradies für ihn", so Josephine Bauer weiter.
Ziehmutter verabschiedet sich von ihrem "Bambi"
Die Einfangaktion bleibt nicht unbemerkt. Immer mehr Menschen kommen, um dabei zu sein, wenn Henry den Ort verlässt. Auch Andrea Thome aus dem benachbarten Birresborn eilt herbei, nachdem sie davon erfahren hat.
Ich freue mich, dass Henry in gute Hände kommt.
Sie hatte Hirsch "Henry" vor Jahren als Kalb in einem Ziegengehege im Wald gefunden und ihn aufgezogen, bis er irgendwann ausbrach. Sie freut sich darüber, dass ihr "Bambi" ein neues Zuhause jetzt finden wird.
"Ich bin so glücklich, dass ich euch alle umarmen könnte", scherzt die 65-Jährige. "Er kommt in gute Hände. Ich freue mich schon, wenn Henry Vater wird und wir die ersten Bilder seiner Babys sehen können", so Thome weiter.
Hirsch "Henry" im neuen Zuhause angekommen
Nach mehreren Stunden Autofahrt und mehr als 200 Kilometern Strecke kommt Henry in seinem neuen Zuhause in Bad Bergzabern in der Südpfalz an. Er erkundet bereits sein neues Gehege. "Noch ist er etwas benebelt, aber das wird schon", erzählt Tierzüchterin Josephine Bauer.
"Der Transport hat wunderbar geklappt. Er ist direkt auf Erkundungstour gegangen. Danach hat er sich aber nochmal hingelegt und geschlafen", so die Tierzüchterin.