Christin Hansen ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Neueste Geschichte der Uni Trier. Sie befasst sich unter anderem mit historischer Stereotypenforschung - und dadurch auch mit Islamophobie, Islamfeindlichkeit und antimuslimischem Rassismus.
SWR Aktuell: Frau Hansen, wer sich noch an die Anschläge des 11. September 2001 in den USA erinnert, weiß, wie danach muslimisch gelesene Menschen pauschal angefeindet wurden. Islamophobie hat aber doch nicht erst in diesem Jahrtausend angefangen, oder?
Christin Hansen: Nein, antimuslimische Stereotype können wir bis ins 8. Jahrhundert zurückdatieren. Schon damals, später verstärkt durch die Kreuzzüge, gibt es Darstellungen des Islams als Religion der Gewalt, der sexuellen Freizügigkeit, Polygamie, Sodomie - also negative Zuschreibungen, auch um ein Gegenbild zum Christentum zu schaffen.
SWR Aktuell: Also ging es schon früh darum, ein Feindbild aufzubauen?
Hansen: Als 1492 die letzten Muslime und auch Juden von der iberischen Halbinsel vertrieben werden, entsteht die Vorstellung, Europa als genuin weißen, christlichen Kontinent zu konstruieren.
Als das Osmanische Reich es bis vor die Tore Wiens schafft, haben wir bereits genau diese Stereotype von Männern, die sich an Frauen vergehen oder Kinder schänden, extreme Gewalttaten verüben - eine besondere Aggressivität, die dem Islam zugeschrieben wird.
Stereotype sagen in keiner Sekunde irgendetwas Reales über die Religion oder den Glauben aus.
Um im 18. und 19. Jahrhundert die Kolonisation zu rechtfertigen, wird der Islam als nicht zivilisationsfähige Religion stigmatisiert. Diese Stereotype sagen natürlich in keiner Sekunde irgendetwas Reales über die Religion oder den Glauben der Menschen aus.
11.9.2001 Die Anschläge von 9/11
Mitschnitte vom 11. September 2001 – aus Fernsehen und Radio, von der New Yorker Feuerwehr und den amerikanischen Behörden.
9/11 bestätigt vermeintlich Schreckensszenarien
SWR Aktuell: Aber Islamophobie war immer auch eng mit großen historischen Ereignissen verbunden, die wir aus dem Geschichtsunterricht kennen - so wie eben 9/11?
Hansen: Der große Einschnitt ist eigentlich nicht 9/11, sondern das Ende des Kalten Kriegs. Das große Feindbild Kommunismus und Sowjetunion fällt weg. Ganz banal heruntergebrochen wird dann der Orient als neues Feindbild konstruiert.
Debatten über Rückschrittlichkeit, Fanatismus, Extremismus kommen schon in den 1980er und 1990er Jahren auf. 9/11 wird dann in den Köpfen der Menschen, die diese Stereotype tragen, zur Bestätigung der Schreckensszenarien, die sie sich vorher aufgebaut haben.
Stereotype werden in Krisen hervorgeholt
SWR Aktuell: Wie wirkte sich das aus?
Hansen: Der damalige US-Präsident George W. Bush ruft zum Kampf gegen die weltweite Bedrohung des islamistischen Terrors auf. Das führt dazu, dass sich alle positionieren müssen. In jeder muslimisch gelesenen Person wird eine potenzielle Gefahr gesehen.
Aber das sind nicht Narrative, die über Nacht mit 9/11 entstehen, sondern sie existieren bereits seit Jahrhunderten. Stereotype werden hervorgeholt, wenn Krisen und Konflikte auftreten.
Gleichzeitig werden Ideen von Sicherheit und Fragen von Migration stärker in die Breite getragen. Es entsteht ein anderes Sicherheitsbedürfnis - und damit ist 9/11 schon ein großer Bruch.
25 Jahre danach 9/11 in New York: So hat der Terror das Leben für Muslime in Rheinland-Pfalz verändert
Wir haben Muslime in Rheinland-Pfalz gefragt, wie sie sich an die Zeit nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA erinnern. Viele fühlten sich unter Generalverdacht wegen der von Islamisten verübten Anschläge
9/11 zeigt: Es kann jeden treffen
SWR Aktuell: Inwiefern? 9/11 war ja nicht nur ein politisches Ereignis, sondern hat uns alle als Gesellschaft betroffen.
Hansen: 9/11 hat sich als große Zäsur in das Gehirn der Menschen eingebrannt. Damit kam die Angst: Es kann jeden unvorbereitet, an jedem Ort, zu jeder Zeit treffen. Man muss nicht im Militärdienst sein und in einen Krieg ziehen, um angegriffen zu werden. Wenn ich zur Arbeit gehe, wenn ich in der Stadt unterwegs bin, kann mich etwas treffen.
Das ist sicherlich etwas, was das Individuelle viel mehr in den Vordergrund stellt und das Thema loslöst vom rein Politischen. Migrationsdebatten beginnen zwar schon in den 1990ern, werden jetzt aber stärker in die Mitte der Gesellschaft getragen.
Tödlicher Messerangriff in Trier zeigt Pauschalisierung
SWR Aktuell: Wie hat sich das konkret auf muslimisch gelesene Menschen ausgewirkt, dass Islamophobie offenbar "salonfähiger" wurde?
Hansen: Da kann ich als Historikerin nur bedingt etwas zu sagen. Aber es ist natürlich so, dass man vor allem auf Social Media sehen kann, wie hier Debatten geführt werden.
Ein sehr tragisches Beispiel ist sicherlich, dass vor ein paar Wochen in Trier ein junger Student angegriffen wurde und verstorben ist. Irgendwann wurde bekannt, dass der mutmaßliche Täter offenbar einen Migrationshintergrund hat.
Auf Social Media wurde dann pauschalisiert, man müsse alle abschieben. Da wird überhaupt nicht mehr reflektiert. Wir wissen nicht einmal, welche Religion der Täter hat, aber auf Social Media wird das sofort aufgegriffen und auf die Religion zurückgeführt.
"Gehört der Islam zu Deutschland? Kann jemand, der muslimisch ist, Deutsch sein?" - das sind Debatten, die in den 2000ern deutlich stärker aufgekommen sind. Die lassen sich sicherlich auf das Unsicherheitsempfinden des Einzelnen zurückführen. Obwohl diese Narrative absolut irrational sind und nichts über die tatsächlichen Probleme aussagen.
Sicherheit nach Anschlag vor 25 Jahren Seit 9/11: So schützt die Polizei in RLP vor Terror, Rechtsextremismus und Co.
Der Terroranschlag vom 11. September hatte auch Folgen für Rheinland-Pfalz: Militärische Standorte wurden abgeriegelt, Gesetze geändert und Sicherheitsbehörden neu ausgerichtet.
Einzeltaten werden verallgemeinert
SWR Aktuell: Nun war 9/11 eine konzertierte Aktion mehrerer Täter. In den letzten zehn, fünfzehn Jahren haben wir aber immer mehr Einzeltäter, die sich radikalisiert haben. Wie hat sich das auch auf die Islamophobie ausgewirkt?
Hansen: Einzeltaten werden auf eine gesamte Gruppe übertragen. Diskurse werden radikaler, Vorverurteilungen übernommen. Studien zeigen, dass muslimisch gelesene Menschen stigmatisiert werden - etwa bei Einreise und Visa-Bestimmungen.
Das betrifft diese Menschen also in ihrem Alltag. Wenn wir auf politische Debatten wie zum Stadtbild schauen oder ob ich einen Termin beim Zahnarzt bekomme: Da geht es oft nicht um reale strukturelle Probleme, sondern eine Gruppe von Menschen wird stigmatisiert.
Das hat reale Auswirkungen, mit denen muslimisch gelesene Menschen jeden Tag zu kämpfen haben: dass sie im Extremfall nicht als vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft angesehen werden.
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Widerstand gegen Stereotype
SWR Aktuell: Was kann man dagegen tun?
Hansen: Ich bin keine Sozialpsychologin, aber aus historischer Perspektive geht es darum, Narrative sichtbar zu machen und zu dekonstruieren: Warum haben wir Stereotype? Brauchen wir sie?
Aus Stereotypen können wir nie reale Schlussfolgerungen ziehen oder etwas über die Gruppe lernen, die sie beschreiben - sondern nur über diejenigen, die diese Stereotype im Kopf haben.
SWR Aktuell: Geschichte wiederholt sich - was glauben Sie als Historikerin, wie sich die Islamophobie noch entwickeln wird?
Hansen: Wenn ich mir anschaue, wie sich Diskurse in der Vergangenheit verschoben haben, habe ich große Sorge, dass sie sich weiter radikalisieren. Dass in den Migrationsdebatten vieles salonfähiger wird.
Wenn sich eine Extremposition ausbildet, bildet sich natürlich auch ein Widerstand dagegen.
Das Positive, das ich immer sehe, wenn ich auf die Geschichte blicke: Wenn sich eine Extremposition ausbildet, bildet sich auch ein Widerstand dagegen. Als beim Truppenabzug aus Afghanistan viele Ortskräfte zurückgelassen wurden, setzte eine große moralische Debatte ein - nach dem Motto: Das können wir doch nicht machen.
Ich hoffe also auf diesen Widerstand. Aber das ist eine sehr persönliche Einschätzung und keine wissenschaftliche Zukunftsprognose. Die Kristallkugel habe ich leider nicht.