Angebot für Menschen mit Behinderung

Karneval ohne Barrieren: So feiert ein Moselort inklusive Kappensitzung

Karneval verbindet, doch für Menschen mit Behinderung gibt es nur wenige Angebote. Ein Verein aus Bernkastel-Kues will das ändern und veranstaltet eine inklusive Kappensitzung.

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Von Autor/in Christian Altmayer

Roswitha Bäumler ist das neue Gesicht der Wehlener Eulen. Mit einer Narrenkappe auf dem Kopf und einem Orden um den Hals taucht sie immer wieder in den Videos des Karnevalsvereins aus dem Stadtteil von Bernkastel-Kues auf.

Die 64-Jährige wirbt dort für "Konfetti im Herzen". Eine Kappensitzung für Menschen wie Bäumler, die eine geistige Behinderung hat. Es ist ein neues inklusives Angebot, das es so an der Mosel noch nicht gibt - oder überhaupt in Rheinland-Pfalz.

Roswitha Bäumler steht in der Wehlener Turnhalle.
Roswitha Bäumler freut sich auf die inklusive Kappensitzung in der Turnhalle.

Weniger Reden, mehr Tanzen

Roswitha Bäumler freut sich vor allem auf "Musik, Tanz, Kaffee und Kuchen". Und genau das steht auch auf dem Programm. Was die Wehlener Eulen hingegen gestrichen haben, sind komplizierte und ausschweifende Büttenreden. Das soll es dem Publikum leichter machen, dem Geschehen auf der Bühne zu folgen.

Außerdem dauert die Sitzung nur eineinhalb Stunden und findet mittags statt. So können Bewohnerinnen und Bewohner von Wohngruppen und Heimen aus der Umgebung teilnehmen, ohne dass ihr Tagesablauf durcheinander gerät.

Idee entstand bei Probe für Männerballett

Entstanden ist das Projekt eher zufällig, erzählt Lina Schander, die im Vorstand des Vereins sitzt. Ein Tänzer der Wehlener Eulen arbeitet in einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderung. Im vergangenen Jahr hat er eine Gruppe von Männern, die er betreut, zur Probe des Männerballets eingeladen.

Janett Philipps und Lina Schander von den Wehlener Eulen stehen in einer Turnhalle.
Verantwortlich für das Programm der Sitzung: Janett Philipps und Lina Schander von den Wehlener Eulen.

"Die haben so toll mitgefeiert", erinnert sich Schander: "Innerhalb einer halben Stunde waren wir richtig innig miteinander und glücklich. Da haben wir beschlossen, dass wir das für alle möglich machen."

Günstiger und ohne Barrieren

Für alle - das heißt auch möglichst günstig. Denn Menschen mit Behinderung verdienen in den Werkstätten in der Regel nur wenig Geld. Fünf Euro statt 18 Euro kostet das Ticket für die inklusive Sitzung deshalb. "Und wer sich das nicht leisten kann - für den finden wir auch eine Lösung", sagt Lina Schander. Die Betreuer der Gäste kommen zudem gratis rein.

Ein Ausschnitt aus einem Video des Karnevalsvereins auf Instagram.
Auf den sozialen Medien wirbt der Karnevalsverein mit Roswitha Bäumler für die inklusive Kappensitzung.

Viele Anmeldungen für neue Sitzung

Das Konzept scheint einen Nerv zu treffen. "Letzte Woche hatten wir 70 Anmeldungen", sagt die Vorsitzende Janett Philipps. Und ständig klingele das Telefon. Gruppen reisten aus umliegenden Orten an, aus Wohngruppen, Heimen und der Rosenberg-Förderschule. Den Veranstaltern macht der Andrang deutlich, dass sie hier etwas Einzigartiges auf die Beine stellen.

"Leider", sagt Rita Busch, die Schwester von Roswitha Bäumler. Sie findet, es müsste noch viel mehr inklusive Veranstaltungen geben, gerade in der Karnevalszeit. "Aber viele denken da leider nicht dran", meint Busch: "Und es ist ja auch viel Arbeit."

Roswitha Bäumler lebt bei ihrer Schwester Rita Busch.
Roswitha Bäumler lebt bei ihrer Schwester Rita Busch.

Wenige Angebote für Menschen mit Behinderung

Auch dem Bund Deutscher Karneval sind in der Region keine weiteren inklusiven Projekte bekannt, sagt Thomas Frings, Präsident des Landesverbands Rhein-Mosel-Lahn. Im Nachbarbundesland Nordhein-Westfalen gebe es vereinzelte Angebote für Menschen mit Behinderung - etwa in Aachen und in Düsseldorf.

Warum sich die Narren in Rheinland-Pfalz bislang noch schwer mit dem Thema tun? Es brauche einen unbeschwerten, selbstverständlichen Umgang mit Menschen mit Behinderung, sagt Karnevalspräsident Frings: "Ein weiterer Punkt ist das Thema Mobilität beziehungsweise Barrierefreiheit." Um die herzustellen, bräuchten die Vereine Sponsoring oder Unterstützung.

Ehrenamtliche wünschen sich Unterstützung

In Wehlen mussten die Ehrenamtlichen breitere Wege schaffen und die Bühne umbauen. "Wenn das nochmal stattfinden sollte, brauchen wir Hilfe von der Stadt", sagt die Vorsitzende Philipps, zum Beispiel beim Auf- und Abbau.

Die Bühne in der Turnhalle in Wehlen.
Beim Auf- und Abbau dieser Bühne wünschen sich die Ehrenamtlichen mehr Unterstützung.

Glück haben die Eulen zumindest mit der Turnhalle in Wehlen: Es gibt eine Rollstuhlrampe und eine behindertengerechte Toilette. "Keine Selbstverständlichkeit", sagt Frank Schäfer (CDU), der Behindertenbeauftragte der Stadt, der beim Umzug in Rachtig mit seinem Rollstuhl mitfährt: "Die meisten Hallen sind nicht barrierefrei. Mich mussten sie an Karneval schon mal die Treppen hochtragen."

Inklusive Bands und Tanzgruppen

Auf die Sitzung in Wehlen blickt er gespannt. "Das ist ein tolles Signal und trägt auch zur Sensibilisierung bei." Vielleicht könne die inklusive Veranstaltung auch Vorbild für andere Vereine an der Mosel sein.


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An Ideen für die Zukunft mangelt es den Eulen jedenfalls nicht. Wenn die Premiere gut ankommt, sollen im nächsten Jahr noch mehr Menschen mit Behinderung selbst auf der Bühne stehen. Mit inklusiven Bands und Tanzgruppen sind die Veranstalter schon im Gespräch. Und Roswitha Bäumler wird bestimmt auch wieder einen Auftritt haben.

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