Roswitha Bäumler ist das neue Gesicht der Wehlener Eulen. Mit einer Narrenkappe auf dem Kopf und einem Orden um den Hals taucht sie immer wieder in den Videos des Karnevalsvereins aus dem Stadtteil von Bernkastel-Kues auf.
Die 64-Jährige wirbt dort für "Konfetti im Herzen". Eine Kappensitzung für Menschen wie Bäumler, die eine geistige Behinderung hat. Es ist ein neues inklusives Angebot, das es so an der Mosel noch nicht gibt - oder überhaupt in Rheinland-Pfalz.
Weniger Reden, mehr Tanzen
Roswitha Bäumler freut sich vor allem auf "Musik, Tanz, Kaffee und Kuchen". Und genau das steht auch auf dem Programm. Was die Wehlener Eulen hingegen gestrichen haben, sind komplizierte und ausschweifende Büttenreden. Das soll es dem Publikum leichter machen, dem Geschehen auf der Bühne zu folgen.
Außerdem dauert die Sitzung nur eineinhalb Stunden und findet mittags statt. So können Bewohnerinnen und Bewohner von Wohngruppen und Heimen aus der Umgebung teilnehmen, ohne dass ihr Tagesablauf durcheinander gerät.
Idee entstand bei Probe für Männerballett
Entstanden ist das Projekt eher zufällig, erzählt Lina Schander, die im Vorstand des Vereins sitzt. Ein Tänzer der Wehlener Eulen arbeitet in einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderung. Im vergangenen Jahr hat er eine Gruppe von Männern, die er betreut, zur Probe des Männerballets eingeladen.
"Die haben so toll mitgefeiert", erinnert sich Schander: "Innerhalb einer halben Stunde waren wir richtig innig miteinander und glücklich. Da haben wir beschlossen, dass wir das für alle möglich machen."
Günstiger und ohne Barrieren
Für alle - das heißt auch möglichst günstig. Denn Menschen mit Behinderung verdienen in den Werkstätten in der Regel nur wenig Geld. Fünf Euro statt 18 Euro kostet das Ticket für die inklusive Sitzung deshalb. "Und wer sich das nicht leisten kann - für den finden wir auch eine Lösung", sagt Lina Schander. Die Betreuer der Gäste kommen zudem gratis rein.
Viele Anmeldungen für neue Sitzung
Das Konzept scheint einen Nerv zu treffen. "Letzte Woche hatten wir 70 Anmeldungen", sagt die Vorsitzende Janett Philipps. Und ständig klingele das Telefon. Gruppen reisten aus umliegenden Orten an, aus Wohngruppen, Heimen und der Rosenberg-Förderschule. Den Veranstaltern macht der Andrang deutlich, dass sie hier etwas Einzigartiges auf die Beine stellen.
"Leider", sagt Rita Busch, die Schwester von Roswitha Bäumler. Sie findet, es müsste noch viel mehr inklusive Veranstaltungen geben, gerade in der Karnevalszeit. "Aber viele denken da leider nicht dran", meint Busch: "Und es ist ja auch viel Arbeit."
Wenige Angebote für Menschen mit Behinderung
Auch dem Bund Deutscher Karneval sind in der Region keine weiteren inklusiven Projekte bekannt, sagt Thomas Frings, Präsident des Landesverbands Rhein-Mosel-Lahn. Im Nachbarbundesland Nordhein-Westfalen gebe es vereinzelte Angebote für Menschen mit Behinderung - etwa in Aachen und in Düsseldorf.
Warum sich die Narren in Rheinland-Pfalz bislang noch schwer mit dem Thema tun? Es brauche einen unbeschwerten, selbstverständlichen Umgang mit Menschen mit Behinderung, sagt Karnevalspräsident Frings: "Ein weiterer Punkt ist das Thema Mobilität beziehungsweise Barrierefreiheit." Um die herzustellen, bräuchten die Vereine Sponsoring oder Unterstützung.
Ehrenamtliche wünschen sich Unterstützung
In Wehlen mussten die Ehrenamtlichen breitere Wege schaffen und die Bühne umbauen. "Wenn das nochmal stattfinden sollte, brauchen wir Hilfe von der Stadt", sagt die Vorsitzende Philipps, zum Beispiel beim Auf- und Abbau.
Glück haben die Eulen zumindest mit der Turnhalle in Wehlen: Es gibt eine Rollstuhlrampe und eine behindertengerechte Toilette. "Keine Selbstverständlichkeit", sagt Frank Schäfer (CDU), der Behindertenbeauftragte der Stadt, der beim Umzug in Rachtig mit seinem Rollstuhl mitfährt: "Die meisten Hallen sind nicht barrierefrei. Mich mussten sie an Karneval schon mal die Treppen hochtragen."
Inklusive Bands und Tanzgruppen
Auf die Sitzung in Wehlen blickt er gespannt. "Das ist ein tolles Signal und trägt auch zur Sensibilisierung bei." Vielleicht könne die inklusive Veranstaltung auch Vorbild für andere Vereine an der Mosel sein.
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An Ideen für die Zukunft mangelt es den Eulen jedenfalls nicht. Wenn die Premiere gut ankommt, sollen im nächsten Jahr noch mehr Menschen mit Behinderung selbst auf der Bühne stehen. Mit inklusiven Bands und Tanzgruppen sind die Veranstalter schon im Gespräch. Und Roswitha Bäumler wird bestimmt auch wieder einen Auftritt haben.